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Er gibt so recht das Bild eines verkopften Professors ab: Jack Gladney (Adam Driver), Spezialist auf dem Gebiet der Hitler-Forschung, ist eine Koryphäe in seinem Fach. Obgleich von den Studenten seiner Uni wie ein Popstar verehrt, spricht der Amerikaner selbst kein Wort Deutsch, was er durch heimliche Nachhilfestunden - nicht etwa in Deutsch, sondern in bayrischer Mundart - auszugleichen versucht. Der äußerst mäßige Erfolg seiner Bemühungen tut seinem Eifer dabei jedoch keinen Abbruch, schließlich gilt es, nach außen hin seine Beliebtheit zu verteidigen, die ihm sein Kollege Prof. Murray Siskind (Don Cheadle) mit Vorträgen über die Darstellung von Autounfällen in Kinofilmen streitig machen könnte.
Im privaten Bereich des Professors sieht es dagegen nicht ganz so gut aus: im Zusammenleben mit seiner vierten Frau Babette (Greta Gerwig) sowie vier Kindern aus diversen Ehen ergibt sich ein eher chaotisches Bild des Alltags, wenn bereits morgens heftige Diskussionen um Weltraumthemen oder den Speiseplan geführt werden. Überhaupt beobachten und hinterfragen die Kinder ständig das Verhalten ihrer Eltern, wobei Tochter Denise (Raffey Cassidy) auffällt, daß ihre Mama heimlich ein Medikament nimmt, ohne daß sie sich dies erklären kann. Später wird sich herausstellen, daß es sich dabei um die auf dem Schwarzmarkt beschaffte, offiziell nicht zugelassene Droge Dylar handelt, mit der Babette ihre Angstzustände bekämpft.
Dann jedoch schlägt das Schicksal zu: während Gladney, von seinem Kollegen Siskind um Unterstützung für ein Elvis-Projekt gebeten, sich mit diesem ein Rededuell an der Uni liefert, entgleist unweit davon ein Kesselwagenzug durch einen Unfall mit einem LKW. Die bei diesem Crash freigesetzten giftigen Dämpfe werden von den lokalen Sendern als toxischer Super-GAU hochstilisiert, was eine Evakuierung der Stadt nach sich zieht. So machen sich die Gladneys in aller Eile abends mit dem Wagen auf den Weg, als sie jedoch unterwegs tanken müssen, steigt Jack aus und kommt dadurch für kurze Zeit mit der schrecklichen Giftwolke in Berührung - zumindest versucht ihn seine Familie davon zu überzeugen...

Der dem Drehbuch zugrundeliegende Roman White Noise stammt aus dem Jahr 1985 und beschreibt den Alltagswahnsinn einer US-amerikanischen Familie, wobei dessen beschriebene Strukturen unverändert auch in der Gegenwart gültig sind, was Regisseur Noah Baumbach dazu veranlasste, den Stoff zu verfilmen. Herausgekommen ist eine Art Satire, die oftmals ins Groteske umschlägt, den Filmcharaktären jedoch genügend Raum läßt, den Irrsinn ihrer Handlungen zu begründen. Trotz diverser plakativer Übertreibungen bis hin zu reiner Idiotie bewahrt das Drehbuch jedoch einen gewissen Respekt vor seinen Akteuren, die es als schrullige bis paranoide Opfer ihrer Zeit, jedoch nie als komplette Vollhonks darstellt.

Um Weißes Rauschen genießen zu können, bedarf es vor allem großer Aufmerksamkeit, um die vielen Feinheiten, mit denen die fortgesetzten Absurditäten dargestellt werden, auch vollumfänglich erfassen zu können. Daran jedoch scheitert vermutlich ein Großteil des Publikums, denn auf den weltfremden Professor und seine Entourage muß man sich freilich erst einmal einzulassen in der Lage und willens sein - große Passagen des Streifens bestehen nämlich aus Dialogen, deren Sinn sich nicht immer sofort (und manchmal auch überhaupt nicht) erschließt.
Die wenige Action beschränkt sich auf das Zugunglück (aufwändig inszeniert statt aus billiger stock Footage zusammengeschnitten) sowie den Gebrauch einer Pistole zum Ende hin, zwischendurch wird mit dem Auto im Wald herumgekurvt, doch all dies ist höchstens Beiwerk, der ganz normale Wahnsinn entfaltet sich hauptsächlich aus dem gesprochenen Wort.

Fazit: eine insgesamt sehens-, oder noch besser: hörenswerte Satire auf das Leben und Streben in den Vereinigten Staaten, teils bitterböse, teils augenzwinkernd mit pointierten Darstellerleistungen (hier vor allem Adam Driver und Greta Gerwig), die in ihrer zwangsläufig etwas sperrigen Darreichungsform allerdings wohl nur ein spezielles Publikum abseits des Mainstreams ansprechen dürfte. 6 Punkte.

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