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Als ein Video, das einen tödlichen Polizeieinsatz gegen einen 13-Jährigen zeigt, viral geht, kocht die ohnehin nicht gerade friedliche Stimmung in der Vorstadt endgültig über: eine Truppe Gewalttäter unter der Führung von Karim (Sami Slimane), einem Bruder des Getöteten, stürmt und verwüstet das örtliche Polizeirevier, nicht ohne Waffen und Ausrüstung mitzunehmen. Mit einem gekaperten Polizeibus und auf Motorrädern erreichen die größtenteils Jugendlichen die titelgebende Siedlung Athena, eine aus mehreren Wohnblocks bestehende Anlage, in der sie sich verschanzen. Bald schon rückt die Polizei mit einer Hundertschaft an, wohlwissend, daß sie angesichts der entschlossenen Verteidiger in der Banlieue nicht viel erreichen können. Ein Regen aus Leuchtkugeln empfängt die Uniformierten, während das Fernsehen live berichtet.
Eine besondere Rolle kommt einem anderen Bruder des Polizeiopfers zu: Abdel (Dali Benssalah) ist Soldat und steht auf Seiten des französischen Staats, kennt allerdings das Ghetto und seine Bewohner und sieht mit Unbehagen, wie sich die Dinge zuspitzen. Denn Karim und seine Männer glauben den offiziellen Verlautbarungen nicht, daß die Polizisten in dem Video gar keine Beamten waren, sondern mutmaßliche Rechtsextremisten in gestohlenen Uniformen - sie wollen die Mörder seines kleinen Bruders angeklagt und verurteilt sehen. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, plant Karim einen Polizisten zu entführen, mit dem er - als Geisel - die Herausgabe der Namen der beteiligten Beamten erzwingen will.
Tatsächlich gelingt es ihm auch, einen Uniformierten in seine Gewalt zu bekommen - doch Abdel will die Geisel ohne größeres Blutvergießen wieder rausholen, bevor Spezialkommandos die Sache in die Hand nehmen. Eine Konfrontation der beiden Brüder scheint unausweichlich...

Einen weiteren Action-Thriller um Randale gegen Staat und Polizei in einer französischen Banlieue liefert Regisseur Romain Gavras - diesmal fast ausschließlich aus der Perspektive der Vorstadtbewohner. Während das die Gewalt auslösende Video nur als Rahmenhandlung dient, fokussiert sich Athena weitgehendst auf rasante Kamerafahrten durch die rauchgeschwängerte Siedlung, wo die gut organisierten Verteidiger ihre ganze Wut an den teilweise hilflos wirkenden Polizisten auslassen. Detailreich dargestellt, ohne billige Schnellschnitte und stets das umliegende Geschehen mitverfolgend wähnt sich das Publikum dank der hervorragenden Kameraführung bald mittendrin im Kampfgeschehen, woran auch die passende Geräuschkulisse und ein ausgeklügelter Score ihren Anteil haben.
 
Doch so überzeugend mitreißend die Action auch abgefilmt ist, so dünn ist die eigentliche Handlung: Die beiden Brüder aus den unterschiedlichen Lagern kommen sich nicht wirklich näher, da Karims Entschlossenheit, die Sache eskalieren zu lassen, vom zunächst mäßigend auftretenden Abdel kein Stück gebremst werden kann. Ein weiterer, dritter Bruder des Getöteten interessiert sich als Drogenhändler ohnehin nur für seinen Stoff und ansonsten muß sowieso jeder schauen, wo er bleibt. Ältere Banlieue-Bewohner wie auch Kinder mit Familien werden einstweilen "evakuiert" und müssen angesichts der bevorstehenden Schlacht die Siedlung auch gegen ihren Willen verlassen, während die militanten Jugendlichen deren Wohnungen rücksichtslos in Beschlag nehmen - in Erwartung eines Großaufgebots der Polizei versinkt zwischen Hass, Wut, Rachsucht und Trauer langsam alles im Chaos, während das Fernsehen den pessismistischen Grundton des Films mit Schlagworten von Bürgerkrieg und Militäreinsatz noch verstärkt.

Leider weiß Athena in der letzten Viertelstunde dann gar nicht mehr, wohin der Plot steuert, eine Aufklärung des Mordes an dem 13-Jährigen gibt es ebensowenig wie ein Happy End. In der allerletzten Szene sieht man einen mit einem Keltenkreuz im Nacken tätowierten Mann eine Polizeiweste im Wald verbrennen, was man als dezenten Hinweis auf die kolportierte Beteiligung von Rechtsextremisten werten kann, ansonsten bleibt der Streifen viele bzw. nahezu alle Antworten schuldig.
Sei's drum, die bemerkenswert choreographierten Actionszenen mit einigen gelungenen ikonenhaften Einstellungen sind allemal sehenswert und entschädigen für die kaum vorhandene Story: 7 Punkte.

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