Review

Gedanken zu THE BANSHEES OF INISHERIN

Ganz zu Anfang gab es dieses eine Bild, welches sich bei mir
besonders eingeprägt hat und immer wieder auftauchte.Es war die Landschaft:

Der ewige Horizont trennte den unberührten Himmel vom aufgeteilten
Land, in dem Parzellen dermaßen fremdartig und unwirklich
erschienen, dass es schon biblische Ausmaße hatte.
Zwei Bilder trafen aufeinander die, scheinbar unvereinbar, von ihren
Geschichten zeugen. Der Gottgegebene Himmel, samt dem
unbewohnbaren Meer und die von Menschenhand unterteilte
Ordnung, mittels aufeinander gestapelter Mauern. Doch jene Parzellen
waren leer. Hier, schon (1923) ihrem eigentlich Sinn enthoben,
zeugten sie von einer alten, längst vergangenen Zeit.

Es ist noch nicht so lange her, dass der Mensch anfing sich die Natur
anzueignen und diese zu verändern und den Boden, in zwar noch
schiefe doch sehr konkrete, Segmente zu unterteilen. All dies tat er mit
dem noch nagelneuen Willen (betrachtet aus der Erzählung des
Urknalls) seines Geistes, der sich mit seinen Händen zu einer Kraft
entwickelte, die ihm erlaubte die Dinge um sich herum zu designen.
Die Insel unserer Helden war, bis zum Rande der Klippen aufgeteilt,
doch sinnentleert.
Hinter dem Horizont tobt Krieg. Abertausende Menschen einigen sich,
ganz gleich auf auf welches Seite der Front sie stehen, auf ein uns das
selbe Spiel. Für etwas gar bis zum Tode zu kämpfen, wofür sie
einstehen. Die Selbe Hand, die Mauern baut um Tiere zu halten und
die Grenzen ziehen übt, greift nun zu den Waffen. Nun Konstruiert die
Hand Gewähre und Munition, die auf der jeweils anderen Seite
möglichst großen Unheil errichten soll.
Der erste Finger, der abgehackt wird, ist der Zeigefinger. Und der
Eigentümer dieses Fingers stellt eine Regel auf: „Wenn du dies und
jenes tust, dann schneide ich mir einen Finger ab. Unterlässt du es
dann immer noch nicht, folgt der Rest“. Dieser Mann zeigt (!) auf
etwas was er will und nennt es: Raum für persönliche Entfaltung.
Gleichzeitig adressiert er die Schuldigkeit, seine Ziele nicht zu
erreichen, an seinen alten Freund. Er ist es nun, der nun in der
Verantwortung steht, wofür er garnicht verantwortlich sein kann. Die
Schuld der eigenen Unzulänglichkeit wird auf den alten Freund
verantwortet: „Ich mache nichts aus meinem Leben, da du für mich
existierst“. Der Finger verliert seine Hand, doch der alte Mann kann
immer noch mit seiner Hand greifen. Der Abgetrennte Finger ist nun
wie ein Mahnender, der über allem schwebt und bekommt so etwas alt
Testamentarisches. Doch die Hand ist keine Hand mehr, sobald die
restlichen Finger den selbst auferlegten Regeln zu Opfer fallen. Der
Griff nach dem eigentlichen Ziel, das Spiel auf dem Instrument, ist
nicht mehr möglich und wirkt erschreckend und lächerlich tragisch.
Auch die Schwester greift nach dem Gleichen wie der alte Mann. Es
soll etwas erreicht werden, was man hier, wo man herkommt, nicht
(mehr?) bekommen kann. Der alte Mann sehnt sich nach Bedeutung,
die Schwester wird von materieller Sehsucht hinfort getrieben
(berufliche Laufbahn). Es gibt keinen Platz mehr für Ausdehnung.
Vielleicht erzählt die Geschichte die Geburt des Individualismus und
dem Umgang mit Schuld. Beides bedingst sich gegenseitig. Es erzählt
welchen Preis man dafür zahlen kann und dass das Streben nach
Sehnsüchten, bedeuten kann, dass andere Früchte einfach links liegen
gelassen werden, bis sie verkümmern.
Der nette Mann hat in jener Welt keinen Platz mehr, da diese
Eigenschaft nicht mehr an Wert besitzt in einer Welt, in welcher der
Wille zur persönlichen Entfaltung die höchste Währung wird. Er blieb
dem Treu, was er immer schon hatte. Der Heimat, seinem Wesen, der
Natur, den Tieren. Er nahm, mit Demut, die Dinge so wie wie waren
an. Alles war genug. Seine Sehnsucht am Schluss war eine andere. Sie
gebar sich nicht aus dem Verlangen heraus etwas zu wollen, weil man
etwas nicht hatte (oder haben konnte). Sie gebar sich auch der
Tatsache, dass ihm etwas genommen wurde. Seinen Freund, seine
Schwester und seinen geliebter Esel. Seine Sehnsucht war rein.

Am Ende steht der alte Mann am Rande seiner Insel und blickt gen
Horizont. Dorthin wo die Sehnsucht verheißungsvoll Stellung bezieht.
Dorthin wo die Menschheit im Begriff ist, unüberwindbare hohe
Mauern zu errichten um den Willen eines wahnsinnigen Menschen zu
gehorchen.
Komme, was wolle.


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