Als im Herbst 1899 das Auswandererschiff Kerberos in England die Anker lichtet, ahnt noch keiner der knapp 2.000 Menschen an Bord, daß sie ihr Ziel New York nie erreichen werden. Denn schon nach kurzer Fahrt erhält Kapitän Eyk Larsen (Andreas Pietschmann) seltsame Morsezeichen, die auf das seit 4 Monaten verschwundene Schwesterschiff Prometheus hindeuten. Zum Leidwesen der meisten Passagiere ändert er daher den Kurs und findet an angegebener Stelle tatsächlich den vermissten Dampfer. Doch bis auf ein stummes Kind, das die britische Ärztin Maura Franklin (Emily Beecham) bei sich aufnimmt, hält sich dort keine Seele mehr auf - was für eine Tragödie mag sich hier abgespielt haben?
Bevor Larsen weitere Untersuchungen anstellen kann, erreicht ihn seitens der Reederei der knappe Befehl "Schiff versenken", den der Kapitän aber auf keinen Fall befolgen will. Stattdessen entscheidet er, die Prometheus zurück nach England zu schleppen, was ihm nicht nur geharnischte Proteste der Passagiere einbringt, sondern auch seine eigenen Offiziere zur Meuterei bewegt: die bewaffnen nämlich die Passagiere der 3. Klasse und lassen Larsen und ein paar wenige Getreue festsetzen.
Die Fortsetzung der Fahrt nach Amerika steht jedoch unter keinem guten Stern, als immer mehr Leichen an Bord gefunden werden: Passagiere, die ohne erkennbare Symptome einfach tot umfallen. Für die bigotten Meuterer ist der stumme Junge von der Prometheus schuld, der bald darauf ins Meer geworfen wird. Als dann noch ein monotones Geräusch einsetzt und die meisten Passagiere in eine Art Trance versetzt, in deren Folge sie sich wie Lemminge ebenfalls ins Meer stürzen, scheint die Katastrophe perfekt...
Das Autorenduo Jantje Friese und Baran bo Odar zeichnete schon für die erste deutsche Netflix-Produktion Dark (2017 - 2020) verantwortlich und legt mit der Mystery-Serie 1899 nun das Nachfolgewerk vor: statt einer Kleinstadt mit Atomkraftwerk ist es nun ein düsterer Titanic-Klon, auf dem sich seltsame Dinge abspielen. Zwei dezidierte Hauptdarsteller (der Kapitän und die Ärztin) sowie gut 15 weitere, im Lauf der Zeit näher vorgestellte Charaktäre bilden eine Bordgemeinschaft, die, wie sich herausstellt, durch ihre schicksalhafte Vergangenheit alle etwas miteinander zu tun haben.
Spätestens ab diesem Punkt folgt 1899 dann in Punkto Handlungsaufbau und Hintergrundgeschichte ziemlich schnörkellos dem Plot von Dark (sogar dessen Zeitmaschine taucht wieder auf), um in den beiden letzten der insgesamt 8 Episoden dann vom Mystery-Streifen in eine erbärmlich billige und vor allem völlig beliebige Science-Fiction-Klamotte abzustürzen.
Während der Einstieg mit der Ersatz-Titanic, deren eigenartig bedrückten Passagieren und den merkwürdigen Ereignissen an Bord noch einigermaßen spannend geraten ist, entwickeln sich ab Episode 3 schon einige Längen, zumal das Drehbuch nichts unternimmt, die vielen aufgeworfenen Fragen zu beantworten. Doch das Sammeln kleinster Indizien aus dem Verhalten der Akteure erweist sich spätestens ab Episode 6 als vollkommen sinnlos, wenn der Hintergrund der ganzen Geschichte ans Licht kommt. Ein Hintergrund übrigens, den man mit nur 2 - 3 Begriffen vollkommen ausreichend charakterisieren könnte, was zugunsten der Spannung jedoch unterbleibt. Es sei nur soviel dazu erwähnt, daß 1899 genauso gut in einer Schuhfabrik, einer fernen Galaxie, einer öffentlichen Toilette oder in der Sahara hätte stattfinden können, ohne daß sich an der Quintessenz auch nur das Geringste ändern würde.
Angesichts des vollkommen unbefriedigenden, geradewegs ins Nichts führenden Finales ist es fast schon müßig, über die darstellerischen Leistungen zu sprechen: die beiden Hauptakteure machen ihre Sache jedoch recht gut, wobei der etwas vergeistigte Kapitän, der nie eine Kapitänsmütze geschweige denn überhaupt eine Uniform trägt und viel zu schnell mit irgendwelchen Passagieren fraternisiert sich damit zwar flott Sympathiepunkte holt, als Kapitän an sich jedoch völlig unrealistisch rüberkommt.
Die Ärztin Maura dagegen punktet mit schneller Hilfe für eine 3.-Klasse-Passagierin und weiß mit ihrer humanistisch geprägten Art (indem sie u.a. den Findlings-Jungen unter ihre Fittiche nimmt) zu überzeugen.
Die anderen Schachfiguren sind aus verkaufstechnischen Gründen international und dem Zeitgeist angepasst angelegt (darunter u.a. ein französisches Ehepaar mit Koitusproblemen, ein schwarzer blinder Passagier, ein schwules Pärchen, von denen sich der eine zur Tarnung als Priester ausgibt, eine chinesische Prostituierte, die ihrer Tochter, die sich als Japanerin ausgibt, dieses Schicksal ersparen will, eine bigotte dänische Familie mit angeblich vom heiligen Geist schwangerer Tochter und schwulem Sohn, ein aufrechter polnischer Matrose, ein geheimnisvoller auf See dazugestoßener Passagier, der neben Maura logiert, was niemanden zu stören scheint, sowie noch einige andere) und bilden zumindest eine zeitlang eine durchaus abwechslungsreiche Bord-Gemeinschaft, zumal in jeder der Episoden ein bestimmter Akteur etwas ausführlicher vorgestellt und diese mit einem bekannten Popsong und einem Cliffhanger beendet wird. Schade, daß sich diese illustre Gesellschaft mit ihrem immer mehr zutage tretenden Beziehungsgeflecht am Ende buchstäblich im Nichts auflöst.
Erwähnung finden soll auch eine für die Dreharbeiten benutzte neuartige Tricktechnik, bei der mittels verschiebbarer LED-Wände ein besonders realistisches Ergebnis erzielt wird, was bei vielen Aufnahmen des durch die stürmische, dunkle See rauschenden Titanic-Klons auch eindrucksvoll gelingt. An manchen Stellen jedoch versagt dann auch die perfekteste Technik, (beispielsweise als die Leute ins Wasser springen, was in der Totalen so aussieht, als würde die Kerberos weinen) was freilich am unrealistisch-übertriebenen Drehbuch liegt.
Fazit: der höchst zwiespältige Eindruck, den das Autorenteam mit einer der am meisten gehypten Serien der letzten Zeit (Dark) hinterließ, trügt nicht - 1899 ist trotz ansprechendem Setting nichts anderes als ein Dark-Klon, dem, so ist zu befürchten, weitere folgen werden. Wer sich für dessen Aufbau und Erzählform erwärmen konnte, wird auch an 1899 seine Freude haben - wer jedoch auch nur halbwegs logische Denkstrukturen schätzt, wird 1899 - beonders dessen Auflösung - letztendlich als riesige Enttäuschung auffassen. 3 Punkte.