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Als sich Anfang der 1980er Jahre in Spanien das Brautpaar Lola (Milena Smit) und Adolfo (Jaime Lorente) das Jawort geben, ahnen sie noch nicht, daß dieser Festtag gleichzeitig auch ihr schlimmster Tag werden wird - denn Lola erleidet nach der Zeremonie eine Fehlgeburt, bei der sie nicht nur ihre beiden Zwilinge verliert, sondern infolge derer sie auch in Zukunft vermutlich nicht mehr schwanger werden wird.
In den schweren Wochen danach reift bei den Eheleuten daher der Entschluß, ein Kind zu adoptieren - und in einer Klosterabtei werden sie auch fündig: die Geschwister Tin (Carlos González Morollón) und Tina (Anastasia Russo) erweisen sich als gleichsam aufgeweckt wie auch anhänglich, und so hat das große Haus von Lola und Adolfo bald zwei neue Bewohner.
Doch die tägliche klösterliche Beschäftigung mit Bibelversen zeitigt merkwürdige Verhaltensweisen der beiden Kinder - die nämlich interpretieren das Wort Gottes auf ihre ganz eigene Art und Weise. Doch während der meist absente Flugkapitän Adolfo die teilweise blutigen Streiche der Kinder mit Humor nimmt, wächst in Lola, die zwischenzeitlich doch wieder schwanger geworden ist, ein stetiger Widerwillen gegen die fröhlich herumblödelnden Geschwister...

In seinem Filmdrama Tin & Tina spielt Regisseur Rubin Stein geschickt mit der Erwartungshaltung der Zuschauer, indem er die beiden jungen Eindringlinge mit entwaffnender Unbekümmertheit auftreten läßt, sodaß deren teils grausame Streiche lange Zeit nicht eindeutig als das Böse erkennbar werden, zumal sich die beiden stets auf das sprichwörtlich Gute, nämlich die heilige Schrift, berufen. Diese, sich langsam zuspitzende Handlung endet nach etwa 90 Minuten mit einer Entscheidung und könnte den Film somit auch beenden, unverständlicherweise hängt die Regie dann jedoch noch eine halbe Stunde dran, in der ganz deutlich Horrorelemente überwiegen, die zuvor bestenfalls gestreift wurden und sich nicht unbedingt zwingend aus der Eingangsgeschichte ergeben. Eine kaum erklärte, unbefriedigende Schlußszene beendet schließlich den mit 2 Stunden ohnehin überlangen Streifen, der die anfänglichen Erwartungen schlußendlich nicht zu erfüllen vermag.

Die Regie bedient sich eines gewissen zeitgeschichtlichen Hintergrundes, verabsäumt aber komplett, diesen in den Plot einzubauen. So läuft der politisch bedeutsame 1981er Putschversuch nebenher in wenigen Sekunden ab, auch das Zwischenrundenspiel Spanien gegen Deutschland ("Dremmler an Kaltz") dient nur dazu, den fußballschauenden Vater kurz abzulenken und eine seinerzeit bekannte Comicserie im spanischen TV wird von den Geschwistern zwar lautstark mitgesungen, hat aber ebensowenig irgendeine Auswirkung auf das Geschehen - die Story hätte ohne diese Zutaten problemlos auch 2023 spielen können.

Daneben fallen auch reihenweise Logiklöcher im Verhalten der Darsteller auf: so stellt Lola irgendwann fest, daß ihr Haare ausfallen, was sie seltsamerweise zu einem Kurzhaarschnitt(!) animiert. Damit sieht die Hochschwangere zwar optisch ein wenig wie Mia Farrow in Rosemaries Baby aus, doch mehr als den Zuschauer mit der Nase auf vermeintliche Parallelen zum 1968er Horror-Klassiker zu stoßen steckt nicht dahinter. Auch als das eigene Kind dann endlich da ist, gibt es keinen erkennbaren Bruch im Verhalten zu den Adoptivkindern - in einer entscheidenden Szene läßt sie sich dann auch noch viel zu viel Zeit mit dem Suchen nach Eiern, bevor sie an ihr Baby denkt. Überhaupt scheint die meist sauertöpfisch dreinschauende Milena Smit, die in ihrer Rolle in Das Mädchen im Schnee deutlich fokussierter auftrat, ihrem Filmcharakter kaum gerecht werden zu können (oder wollen).

Schlichtweg ärgerlich ist dann - trotz insgesamt passabler Kamerarbeit - ein eine längere Szene begleitender Lapsus, stellvertretend für diverse andere: als nämlich an einem regnerischen Spätabend unerklärlicherweise ein Feuer ausbricht. Zuerst am Dach, dann in einem Zimmer im Erdgeschoß, doch bekämpft wird das Feuer nur mit Gejammer und völlig unlogischen Sprüchen ("Halte durch! ... Komm nicht rein!" - wtf??) und später, als die Perspektive erneut nach draußen wechselt, brennt das Feuer am Dach munter weiter, trotzdem der Regen hör- und sichtbar herniederklatscht...
Nein, Tin & Tina besteht im Großen und Ganzen nur aus Effekthascherei und hinterläßt somit, von der bemerkenswerten Performance der Kinderdarsteller einmal abgesehen, einfach einen schalen Nachgeschmack. 4 Punkte.

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