Mitte des 19. Jahrhunderts wird in einer ländlichen irischen Gegend der Fall eines jungen Mädchens bekannt, die seit Monaten fastet und angeblich ganz ohne Nahrung überlebt. Während die einen an ein göttliches Wunder glauben, hegen andere allerdings Zweifel, und so wird eine Kommission gebildet, die eine englische Krankenschwester und eine Nonne beauftragen, der jungen Anna O’Donnell (Kíla Lord Cassidy) Tag und Nacht beizuwohnen, um die Hintergründe des Mirakels zu erforschen.
Während die Nonne jedoch nur beobachtet und nichts Auffälliges feststellt, entwickelt die der säkularen Seite zuzurechnende Krankenschwester Elizabeth Wright (Florence Pugh), genannt Lib, gewisse eigene Methoden, um hinter das Geheimnis der Elfjährigen zu kommen. Die jedoch verhält sich normal, betet mehrfach täglich und scheint auch sonst nicht von außen beeinflußt zu werden. Auch finden sich nirgends Spuren von heimlich verabreichter Nahrung, so sehr die Krankenschwester auch heimlich in Annas Zimmer danach sucht.
Dennoch bleibt Lib, die sich inzwischen mit dem angereisten Londoner Journalisten William Byrne (Tom Burke), der die ganze Sache für einen Schwindel hält, zusammengetan hat, weiterhin skeptisch, obwohl sie sich eingestehen muß, keine logische Erklärung für den tadellosen Gesundheitszustand des nicht essenden Mädchens gefunden zu haben. Als sich die Prüfperiode dem Ende nähert, kommt ihr dann doch noch eine Idee...
Basierend auf einem Roman nimmt das Netflix-Melodram Das Wunder den Zuseher mit auf eine Reise in ein ebenso armes wie religiös geprägtes Land, in dessen ruraler Umgebung Frömmigkeit und wissenschaftliche Aufklärung in einem starken Gegensatz zueinander stehen. Leider versäumt es Regisseur Sebastián Lelio dabei, den durchaus interessanten historischen Kontext mehr in den Vordergrund zu stellen und breitet stattdessen ein nicht sonderlich spektakuläres Leben einer bewußt ortsfremd gewählten Krankenschwester aus, die nach einigen Jahren Lazarettdienst an der Front sowie eigenen privaten Rückschlägen mittlerweile keine Ideale mehr zu haben scheint und die Sache eher pragmatisch angeht. Besonders sympathisch wirkt die Hauptdarstellerin Florence Pugh dabei allerdings nicht, und da sie in ihrer Rolle erst verhältnismäßig spät die Initiative an sich reißt, entwickeln sich vor allem im Mittelteil erhebliche Längen.
Daß sich die ganze Story am Schluß doch noch zum erwarteten Guten entwickelt, mag man vorausahnen, daß die anderen Darsteller, besonders Annas Familie, in Sachen Figurenzeichnung deutlich zu blass bleiben, um deren Motivation als Zuschauer nachvollziehen zu können, ist wiederum dem Drehbuch geschuldet. Einem Drehbuch, das dem Publikum leider auch ein paar klischeehaft kitschige Begebenheiten aus dem Vorleben der Hauptfiguren nicht erspart und darüberhinaus in manchen Details (was sagen wohl Hausbesitzer dazu, wenn sie nach Hause kommen und die Bude abgebrannt ist - offenbar gar nichts) nicht ganz zu Ende gedacht wurde.
Fazit: mäßig unterhaltsam verabsäumt es Das Wunder, Empathie mit einer der Hauptdarstellerinnen zu erzeugen und verliert sich in einer am Ende ziemlich konventionellen Story über gedankenverlorene Religiosität - freilich ohne dieselbe wirkungsvoll anzuprangern. 4 Punkte.