Review

Spätes Wiedersehen von Neil Jordan hinter und Liam Neeson vor der Kamera; bei letzterem auch zu einer Zeit, als mit einer leichten, aber steten Abnahme der Zuschauer zu verzeichnen und eventuell auch zu beklagen ist. Neeson hat sich in einem zweiten Karrierehoch dem Genre des preisgünstigen Actionthrillers noch für die Kinoleinwand verschrieben oder dazu (finanziell beratschlagen lassen), was mehrere Jahre durchaus beständig erfolgreich war, aber in den letzten Produktionen trotz oder wegen der vertrauten Formel dahinter und der gefühlt gleichen Persona Neesons beim Publikum in Sachen Zuspruch daneben ging. Marlowe dabei als (k)eine Ausnahme von der Routine, wird auf einer literarischen Figur vertraut und auf eine Gattung Film, die sowieso älteres Klientel anspricht und möglicherweise auch ein höheres Niveau als das der reinen Unterhaltung verspricht. Initiiert 2017, aber in der Bewilligung unterstützt eventuell durch die beiden Knives Out - Vertreter, See How They Run, und die neuen Adaptionen nach Agatha Christie, also im Grunde dieselbe Inspiration (zuweilen als Gimmick), hier jedoch mit Raymond Chandler eine belletristisch nun gänzlich andere Quelle und theoretisch anders gestrickt:

Privatdetektiv Philip Marlowe [ Liam Neeson ] wird von der reichen Clare Cavendish [ Diane Kruger ] beauftragt, ihren vermissten Liebhaber Nico Peterson [ François Arnaud ] ausfindig zu machen. Marlowe wendet sich für weitere Auskunft an die Polizei selber, den befreundeten Detective Joe Green [ Ian Hart ], der ihm zur Hilfe Detective Bernie Ohls [ Colm Meany ] an die Seite gibt, allerdings auch berichtet, dass Peterson bereits tot sein soll, von einem Auto vor dem exklusiven 'Corbata Club' von Floyd Hansen [ Danny Huston ] überfahren nämlich. Da Marlowe sowohl von Clares Mutter Dorothy Quincannon [ Jessica Lange ] als auch dem ominösen Lou Hendricks [ Alan Cumming ] ebenfalls 'aufgefordert' wird, den Aufenthaltsort von Nico Peterson festzustellen, wird Marlowe stutzig.

"It was one of those Tuesday afternoons in summer when you wonder if the earth has stopped revolving. The telephone on my desk had the air of something that knows it’s being watched. Cars trickled past in the street below the dusty window of my office, and a few of the good folks of our fair city ambled along the sidewalk, men in hats, mostly going nowhere.(...)The buzzer sounded to announce that the outer door had opened, and I heard a woman walk across the waiting room and pause a moment at the door of my office. The sound of high heels on a wooden floor always gets something going in me. I was about to call to her to come in, using my special deep-toned, you-can-trust-me-I’m-a-detective voice, when she came in anyway, without knocking.(...)

Die Ära wird (anders im zugrundeliegenden Roman "The Black-Eyed Blonde: A Philip Marlowe Novel", eine durchaus wohlwollend aufgenommene Mimikry von Chandler, seitens des renommierten John Banville, die wie bspw. "The Long Goodbye" in den frühen Fünfzigern spielt) nicht beibehalten, die Welt ist im Krieg, Amerika hat noch eigene Probleme, ist aber im Bewusstsein der Geschehnisse in Europa; Hitler an der Macht und in Polen einmarschiert. Es ist Oktober '39, der große Schrecken und der eigene Kampf und das Grauen wird noch kommen und wird noch dauern; hier in Bay City kümmert sich der US-Präsident jetzt noch nicht darum. Und Marlowe auch nicht. Er macht sich eigene Gedanken, über andere Sachen, über Beobachtungen beruflich wie privat, er ist bei ersterem ausgelastet und braucht auch beim zweiten bald guten Rat und energische Tat. Die Klientin ist blond, sie ist jung, sie ist zumindest jünger als er, sie ist mysteriös und nicht auf den Mund gefallen, sie ist selbstbewusst, sie hat eine Aufgabe für ihn. Er ist der Routinier. Er wurde empfohlen. Er stellt die Fragen. Er macht sich auf die Fersen.

Eine Vermisstenanzeige wurde aufgegeben, jemand ist plötzlich wie vom Erdboden verschluckt, erst war er da, jetzt ist er weg. Ärger wurde angekündigt, auf Ärger wird man treffen, auf Beziehungen, die nicht koscher sind, auf unterschiedliche Kreise, auf die Upper Class sowieso, auf die Leute mit den Geheimnissen und mit den Schergen. Sieben Wochen war der gesuchte Mann verschwunden, Marlowe findet ihn sofort. Die Geschichte fängt jetzt an, der Ärger wächst und bleibt nicht fort. Bewegt wird sich in der Stadt herum, erst auf ausgetretenen Pfaden, dann auf eigenen Wegen, der eigentliche Auftrag ist im Grunde vorbei, die Polizei hat den Mord registriert und aufgenommen, sie könnte ihn auch übernehmen. Sie sind nicht interessiert, der P.I. umso mehr, was hat er zu verlieren. "I'm just an ordinary Joe, trying to earn a buck and stay out of jail."

Dargestellt wird die Handlung über ein größer werdendes Zentrum, der Umkreis vergröbert sich, es geht in die Besitztümer der Leute, es geht in die Clubhäuser, geschlossene Gesellschaften eigentlich, hier wie dort. Der Mord war nicht schön, und er war auffällig, wo fangen die Geheimnisse an und die Spielereien und wo die Lügen, geklärt werden kann diese nur über Kommunikation und Deduktion, und über Reduktion als der störenden Umgebung. Zwischendurch wird an einen Filmset gewandert, und das Geschehen dort (meist B-Picture Gangsterfilme mit Schießereien) und die Architektur gleicht sich mit den sonstigen Bildern, es ist ein Film, den man ansieht, einen mit Kostüm und Dekoration, mit Set und Setting, mit "Kameras ab!" und "Action!" Es wird viel geraucht, und Champagner und anderer Fusel geschlürft. Es wird verdrängt, es wird gelebt, und es wird nachgebohrt.

Von den Schönen und den Reichen und ihren Villen und berankten Pferdeställen in das Mausoleum, in die Spelunke, Ankünfte werden beobachtet, das Entfernen auch, die Details in den Aussagen sind entscheidend, eher in dem, was nicht oder was spät gesagt wird. Die Tage werden länger, die Abende vor allem, ein erfolgloser Wortwechsel führt über Abkürzungen oder auch Umwegen zu einer Interaktion, die mehr Erfolg verspricht. Manchmal ist das auch bloß eine Falle, dann wird sich steif daraus geprügelt und die Wunden vom kühlen Meer geleckt. "I'm more harmless than I look." Das geht so vorwärts, man weiß nicht recht um die Motivation des Ganzen, das Geld kann es nicht sein, er lehnt mehrfach weitere, also zusätzliche Angebote ("just to sweeten the pot") ab, persönliches Interesse wird auch nicht deutlich, vielleicht steckt es nach all den Polizistenjahren einfach so im Blut, und so simpel wird es auch gehandhabt und (bis auf einige Gewaltausbrüche) auch ohne Eindrücke gefilmt. Das ist nicht Thriller, es ist Krimi, es wird sich erkundigt und durchgefragt, es werden die Antworten, die gegeben werden oder nicht analysiert, und je nachdem weitere Fragen gestellt und weitere Figuren eingeführt; bis es irgendwann recht voll und verwirrend auch wird. Gegenfragen gibt es auch, oft die gleiche, wer ist der Auftraggeber, und wo wurde die letzte Sichtung vorgenommen, das Drehbuch und der Film als Schleichmanöver, ein bisschen im Kreise herum, es kommt auf die Beharrlichkeit an, mit der sich Marlowe (und sein unsichtbarer Begleiter, wir) durch das Dickicht müht und 'quält'. Die Welt hier deutlich ein Luftgespinst, ("We're in the real world here. You understand a real world.") ein wenig plätschernd und farblos, das Braun in den Tönen ist erstaunlich hell, das Grün auch, viel ist safari, oliv, mint, weiß, beige, gelb, die meiste Gesellschaft hier hat den Ernst der Lage noch nicht erkannt und ist auf Etepetete fixiert und auf die Bequemlichkeit und die Bekömmlichkeit eingestellt. Zwischendurch tauchen ein paar losgeschickte Handlanger auf, dann wird die Waffe gezückt und ein Spurt eingelegt.

Das könnte auch ein Zweiteiler sein, eine britische Mini-Serie, ein Weihnachtsspecial von ITV oder BBC, man redet hier zwar oft über Hollywood, ist aber weit weg von der jetzigen Filmlandschaft, man ist auch unähnlich den Bearbeitungen mit Garner, Gould und Mitchum, die jeweils aktuell wirkten; man ist irgendwie außen vor, 'Schnüffler' Neeson (als Oldtimer, der sich verbissen hat; manche Handbewegungen sind zittrig, auch er wird nicht jünger) macht seine Sache ordentlich, die Inszenierung scheint eher als Auftragsarbeit, desinteressiert oder zumindest nicht akzentuiert, die übrige Schauspielführung ähnlich. Da ist viel Fassade und viel Schein und Korsett, und vor allem auch (Selbst)Referenz; im kleineren Umkreis erschafft man seine gewisse ganz eigene,  verschwörerische, weitgehend überraschungsfreie Welt.

Details
Ähnliche Filme