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Als ihnen ihr Vater anläßlich eines Familientreffen 2011 in Damaskus eine glänzende Zukunft als Profi-Schwimmerinnen voraussagt, ahnen die beiden sportlichen Schwestern Sara (Manal Issa) und Yusra Mardini (Nathalie Issa) noch nicht, welche Strapazen sie am Weg dorthin noch vor sich haben werden. Große Ereignisse werfen bekanntlich ihre Schatten voraus, und was damals als arabischer Frühling begann, hat sich 2015, 4 Jahre später, zu einem Bürgerkrieg ausgeweitet, der das zivile Leben in der syrischen Hauptstadt immer mehr bedroht. Als das Dach der Schwimmhalle, wo die beiden Schwestern fleißig trainieren, von Bomben durchschlagen wird, sieht auch deren Vater, selbst erfolgreicher Schwimmer, den Zeitpunkt gekommen, seine beiden älteren Kinder ins sichere Europa zu schicken. Ganz wohl ist ihm nicht dabei, daher wird ein Cousin als Begleiter auserkoren, und schon bald ist das Trio per Flugzeug am Weg nach Istanbul.
Dort angekommen müssen sie jedoch einem Schlepper vertrauen, der sie an die Küste bringen soll, von wo aus sie die gefährliche Passage zu den griechischen Inseln auf sich nehmen müssen. In einem altersschwachen, überfüllten Schlauchboot treten sie die Überfahrt an, doch als der Kahn ständig leckt und auch noch der Motor ausfällt, scheint die Reise ein böses Ende zu nehmen. Da besinnen sich die beiden Schwimmerinnen auf ihre sportlichen Fähigkeiten und springen ins nächtliche Mittelmeer - mehrere Stunden schwimmen sie neben dem Boot, womit sie den anderen Flüchtlingen das Leben retten. Als dann glücklich die Insel Lesbos erreicht wird, ist die Freude groß - doch noch liegen tausende Kilometer vor ihnen. Über Serbien und Ungarn erreichen sie dann per Bus doch noch bald ihr Ziel Berlin, wo sie in einem Flüchtlingslager Aufnahme finden.
Dort heißt es aber erst einmal warten und Geduld haben, und der Traum von den olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro rückt vorerst in weite Ferne. Durch Zufall lernen sie den Berliner Schwimmtrainer Sven (Matthias Schweighöfer) kennen, der den beiden bei seinem Verein, den Wasserfreunden Spandau, die (unverhoffte) Möglichkeit eröffnet, für Olympia zu trainieren...

"Nach einer wahren Begebenheit" ist die Netflix-Produktion Die Schwimmerinnen untertitelt, und tatsächlich ist die zweite Regiearbeit der ägytisch-walisischen Regisseurin Sally El Hosaini ein Biopic einer geglückten Flucht zweier Schwestern, von denen die eine dann schlußendlich tatsächlich an den Sommerspielen in Brasilien teilnehmen dürfte. Die Regie arbeitet dabei mit bildgewaltigen, zum Teil ikonischen Einstellungen und einer Menge eingängiger Popsongs, die dem Publikum den (Über-)Lebenswillen und die Lebensfreude der beiden Schwestern jederzeit deutlich vor Augen führen. "Aus dem Typus moderner, liberaler arabischer Frauen komplexe Heldinnen zu machen“ war der Regisseurin ein Anliegen, das ihr mit der Umsetzung dieses Steifens auch hinsichtlich der beteiligten Darsteller durchwegs gelungen ist.

Es mag der eigenen, falschen Erwartungshaltung eines (vermeintlichen) Flüchtlingsdramas geschuldet sein, daß man sich hinsichtlich der geglückten Flucht nach Europa etwas näher mit deren geschilderten Umständen befasst: angefangen von syrischen Kontrollposten, die fremden Frauen die Brüste betatschen über eine aktiv unbewachte türkische Küste, wo schmierige Schlepper kaum seetüchtige Nussschalen an verzweifelte Menschen um viel Geld verhökern bis hin zu wenig gastfreundlichen Inselgriechen, die die Flüchtlinge möglichst schnell loswerden wollen, da sie offenbar um ihr Geschäft mit Touristen fürchten gibt es hinterfragenswerte Momentaufnahmen, erst recht von der erstaunlich einfachen Überwindung des ungarischen Grenzzauns bis hin zu aus dem Nichts auftauchenden Bussen, die von dort direkt nach Berlin fahren und dabei die oftmals von diversen NGOs berichteten Schikanen auf der Balkanroute wie Prügel, Zurückweisung, sexuellen Mißbrauch, Beraubung, Einsperren etc. weitestgehend ausblenden. Der Grund hierfür liegt aber eben einfach darin, daß Die Schwimmerinnen nur zu einem Teil das Thema Flüchtlingsdrama anschneidet und hier nicht den leidvollen Alltag abbildet, sondern in Form einer Biographie eine ebenfalls dramatische, aber eben glücklicherweise weniger schlimme Flucht darstellt.

Im letzten Teil verflacht die Geschichte dann spannungstechnisch zusehends, da man das glückliche Ende bereits vorhersehen kann. Schweighöfer spielt seine Rolle als sympathisch-hilfsbereiter Berliner routiniert herunter und läßt den Traum von der Olympia-Teilnahme wieder aufleben. Der Zwist unter den Schwestern, von denen nur Yusra Mardini den sportlichen Ehrgeiz behält und schließlich nach Rio de Janeiro fliegt, wirkt da etwas aufgesetzt, um die nachlassende Handlung etwas aufzufetten. Immerhin entschließt sich Sara, wieder nach Griechenland zurückzugehen und dort als Flüchtlingshelferin zu arbeiten - durchaus ehrenhaft, für einen Kinofilm jedoch schlicht zu wenig spektakulär.
Daß Yusra für ihre heimatlichen syrischen Farben schwimmen möchte und die ihr angebotene Teilnahme im Team Refugee Olympic Athletes nur als Trostpflaster sieht, wird im Film nur kurz angeschnitten (die erschwommene Goldmedaille dort - tatsächlich wurde sie Fünftletzte - mag man unter künstlerischer Freiheit verbuchen), daß sie sich jedoch 4 Jahre später mit dem syrischen Team qualifizierte und trotzdem erneut für die Flüchtlingsauswahl antrat, ist umso bemerkenswerter - fand jedoch leider keinerlei Niederschlag im Drehbuch.
Fazit: ein hoffnungsvoll-lebensbejahendes Biopic über eine junge Sportlerin, die dank Disziplin und Willensstärke ihren Traum verwirklicht und sich dabei ihre Lebensfreude bewahrt - dank kräftiger Bilder streckenweise kinogerecht geschönt wirkend und zu sehr von Optimismus getragen, damit der Realität etwas entrückt, aber gerade dadurch sicher ein Vorbild für viele andere: 6 Punkte für Die Schwimmerinnen.

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