Review

Staffel 1

Ein erneuter Versuch der Serialisierung des Star Wars Franchises durch Disney. Die Bandbreite der bisherigen Einträge liegt da zwischen gelungen („The Mandalorian“, seit 2019) und dem Gegenteil („The Book of Boba Fett“, 2021) und so kann man inzwischen an eine neue Serie einfach nur wie an eine Wundertüte rangehen. Man weiß nicht, was man bekommt und ob des unbekannten Inhalts schwingt erst einmal eine gehörige Portion Skepsis mit.

Bei „Andor“ war das nicht anders. Aber, und das vorweg, positiver hätte die Überraschung kaum sein können. Wenn auch die Umsetzung das Fandom mal wieder (wie nachzulesen ist) spaltet, geht hier für mich etwas in Erfüllung, was ich mir schon seit geraumer Zeit gewünscht habe.
Dabei war Cassian Andor als Figur in „Rogue One“ (2016) nicht das Highlight für mich. In der vorliegenden Serie jedoch gefällt mir beides, Figur und Darsteller Diego Luna, merklich besser. Doch was macht „Andor“ nun zu einem in bester Ansicht außergewöhnlichen Eintrag in die Star Wars Galaxis?

Es beginnt damit, dass sich das Ganze hier ernster nimmt und erwachsener wirkt. Den märchenhaften Touch, der dem Franchise meist innewohnt, spart man hier aus. Die Atmosphäre ist rauer, Handlungen haben Konsequenzen, der Ton des Aufbegehrens und der Kampf ums Überleben werden hier direkter und ungeschönt in Szene gesetzt. Ich liebe die Geschichten um die Jedi, die Macht und alles drumherum. Aber hier wird endlich auch mal eine andere Facette dieser Welt, dieser Galaxie gezeigt, wie sie so auf dem Bildschirm noch nicht zu sehen war. Und das tut einfach gut. Die Thematik, mit der sich „Andor“ beschäftigt, gibt dies aber auch her und glücklicherweise nimmt man das auch an.
Man wirft einen Blick hinter die Kulissen mancher Einrichtung des Imperiums, sieht dessen Funktionsweise und erahnt in vielen Gesprächen und Vorgängen, wie leicht sich die dem Apparat innewohnenden faschistoiden Strukturen Bahn brechen und welche Außenwirkung das hat. Und es gibt sogar fähige Offiziere und Strumtruppen, das Imperium ist hier kein Kasperverein, als welcher er in manchen anderen Einträgen wirkt. All dies untermauert die Bedrohlichkeit dieses bislang eher nur von außen als Bollwerk des Bösen ausformulierten Konstrukts. Es füllt das seit der ersten Trilogie bekannte Monster mit Struktur und Leben.

Und dann gibt es natürlich auch die Seite, die sich wehrt. Die Rebellion im Keim, noch operierend von unterschiedlichen Zellen aus, unkoordiniert, aber sich langsam vernetzend und einen scheinbar aussichtslosen Kampf führend. Mit Sabotage hier und da, Guerillamethoden und auch Anschlägen.
All dies nicht durchbrochen von dem sonst gewohnten Humor. Die Konsequenz, mit der hier Figuren geschaffen und beseitigt werden, ist bemerkenswert und erfrischend. Bestes Beispiel hierfür ist Cassian Andor selbst, der Leute auch um die Ecke bringt, wenn es eben sein muss. Oder er dies für richtig hält. Zimperlich ist hier niemand, was das Bild dieser geerdeten, mitunter geradezu dreckigen Existenz, abrundet. Dass Fanatismus dabei mitunter auf beiden Seiten herrscht, spart man nicht aus. Ebenso beleuchtet man das Entstehen der Rebellion von verschiedenen Seiten, so spielt auch beispielsweise Mon Mothma und ihre Bindung an die politischen Strukturen auf Coruscant eine nicht unwichtige Rolle.

Auch wird beleuchtet, was man persönlich opfert, wenn man sich so einer Rebellion hingibt. Wenn man dieser Idee alles unterordnet. Das wurde bislang meist heroisch eingeworfen, in ein paar Sätzen abgehandelt. In „Andor“ gibt es von Andeutungen, dem Lebenswandel bis hin zu einem eindringlichen Dialog mit Luthan ein größeres Bild, was es bedeutet, sich solch einer Sache zu verschreiben. Es ist nichts, was man im Vorbeigehen erledigt. Es ist eine der Ebenen, auf welcher „Andor“ eben diesen auch nachdenklicheren Ton anschlägt, der mehr Ernsthaftigkeit in die Hintergründe der bekannten Saga bringt und die Dringlichkeit dieses gesamten Aufbegehrens untermauert. Die Figuren werden hierdurch spürbar und gehen einem Nahe.

Inszeniert ist die erste Staffel oft in Blöcken aus jeweils drei Episoden. Man hat also eher mehrere Filme vor sich und so ist die Veröffentlichungspolitik seitens Disney mit den wöchentlichen Folgen auch nicht optimal. In der Gesamtbeschau tut das der Qualität allerdings keinen Abbruch, denn dazu ist „Andor“ einfach zu gut. Im Gegensatz zum „Abenteuer der Woche“ bei Mando gibt es hier einen überspannenden Handlungsfaden, der mit Nebenhandlungen befüllt wird und viele Charaktere an verschiedenen Orten langsam aber sicher ein großes Netz spinnen lässt. Dabei wirkt keiner der Schauplätze dabei uninteressant, die Gewichtung passt.
Auch optisch präsentiert sich ein weit weniger künstlich anmutender Look als in „Boba“ oder „Obi“. Das liegt nicht nur an den durchweg gelungenen Effekten, sondern auch daran, dass vermehrt wieder echte Drehorte und Kulissen genutzt werden. So sinnvoll die StageCraft-Technologie auch ist, der Einsatz als Allzweckwaffe zeigte ihr in meinen Augen zuletzt die Grenzen auf.

Hervorzuheben ist auch die generelle Kameraarbeit, „Andor“ kann in dieser Kategorie glänzen, bietet wunderbar atmosphärische und auch mal richtig beeindruckende Bildkompositionen und findet ein angemessenes Framing. Auch auf dieser Ebene macht die Serie einfach alles richtig.
Ein visuelles Highlight dürfte Folge 6 „Das Auge“ sein, das Finale des zweiten Dreiteilers. Doch auch inhaltlich wird was geboten, so changiert „Andor“ zwischen den Genres. Eingebettet natürlich immer noch in die bekannte Mischung aus SciFi und Fantasy, gibt es hier neben auffallend gelungenen Dialogzeilen noch Spionagethriller, Heistmovie, Knastfilm etc. on top. So ganz verwunderlich ist das vielleicht nicht, besieht man sich die Schreiberlinge, die an der Serie mitwirkten. So finden sich mit Dan & Tony Gilroy die Drehbuchautoren mancher Bourne-Filme darunter oder mit Beau Willimon einen Mitwirkenden an „House of Cards“ oder „The Ides of March“ (2011).

Auch musikalisch bewegt man sich mitunter abseits der bekannten Pfade. Die Untermalung gefällt mit Abwechslung, Komponist Nicholas Britell bringt neben einem etwas unscheinbaren Hauptthema von perkussiven Passagen bis hin zu Synthiepop viele verschiedene Stile mit ein. Die sich variierende Titelsequenz ist da ein weiteres nettes Detail.
Wie erwähnt ist Diego Luna wieder mit an Bord und macht seine Sache durchaus gut. Den kompletten Cast zu nennen sprengt den Rahmen, Highlights sind jedoch Stellan Skarsgard als Luthen Rael und Genevieve O'Reilly als Mon Mothma, die fleißig an der Rebellion schmieden. Auf imperialer Seite sticht Denise Gough als Lieutenant Dedra Meero heraus.
Unsicher bin ich da eher bei Kyle Soller als Syril Karn, der in der Rolle zu unterdrückt hibbelig wirkt. Es wird sich noch zeigen, wo seine Reise hingeht und was man mit der Figur anstellen möchte, deren labiles Verhalten hoffentlich nicht nur ein Gimmick ist. Potential ist vorhanden.

Star Wars für ein ernsthafteres Publikum. Klingt platt, aber es gibt ganz gut das Gefühl wieder, mit dem man an „Andor“ rangehen kann. Ein spannender Plot, interessante Figuren, ein auf ein Minimum reduzierter Fanservice, ein geerdets Setting und eine Erzählweise, die sich Zeit nimmt und doch viel erzählt, die Figuren entwickelt, aber auch Konsequenz in Aktion übt. Von der ersten bis zur großartigen letzten Episode der ersten Staffel für mich das Beste, was Star Wars seit langer Zeit hervorgebracht hat.

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