Review
von Leimbacher-Mario
Start-Ziel-Sieg!
Letztes Jahr erschienen ganze drei Pinocchio-Verfilmungen, alle ganz unterschiedlich und eigen. Positiv bis neutral ausgedrückt. Kein Wunder also, dass auch Del Toros Version (die mit Abstand beste der drei!) nicht die Aufmerksamkeit bekam, die sie verdient gehabt hätte. Erst recht bei einer solchen sauren Gurke wie Zemeckis' Versuch drüben bei Disney als „Anheizer“. Da spielt es auch kaum eine Rolle, ob die Disneyversion aus den 40ern für mich wohl der beste animierte Disneyfilm überhaupt ist. Es war einfach allerorts eine Pinocchio-Müdigkeit gegen Ende 2022 festzustellen. Dabei ist Del Toros „Pinocchio“ wirklich großes Kino - bei Netflix. Erzählt wird die Geschichte des Puppenbauers Geppetto, der im Krieg seinen kleinen Sohn Carlo verliert und schmerzhaft vermisst. Nach Jahren der Trauer erhebt sich ein neuer Sohn aus Pinienholz, magisch und naiv, der sein eigenes Abenteuer erlebt und eine düstere Welt kennenlernt…
Was macht Guillermo Del Toro also besser als die Konkurrenz? Was kitzelt er Neues aus der altbekannten Geschichte raus? Und wie entsteht diese einmalige Magie, der man sich kaum entziehen kann? Puh, die Liste ist lang. Es gibt etliche Gründe warum DIESER „Pinocchio“ einer meiner liebsten Filme des Jahres ist. Das fängt bei der exquisiten Stop-Motion-Technik an (sogar in und unter Wasser!) und hört bei der wesentlich düstereren, originalgetreueren Herangehensweise auf. Es gibt den Wal, aber auch Mussolini. Es gibt Bomben statt Esel. Es gibt Feen, die direkt aus Pans Labyrinth entsprungen sein könnten, und Synchronsprecher, die große Namen haben, aber nicht nur deswegen besetzt wurden. Es gibt sogar eine Art augenzwinkernde Unterwelt. Den Emotionen wird genug Zeit zum Atmen gegeben. Das hat etwas mit Pinocchios Naivität und Nervigkeit zu tun, mit seiner Charakterentwicklung, mit Del Toros spürbar persönlichem Zugang zum Stoff, der über Jahrzehnte (!) reifen durfte. Das geht vom sensiblen Score über skurrile Nebenfiguren bis zu den zeitlosen Themen der Lügen, des Erwachsenwerden, des Verlusts, der Opfer und des Abenteuers. All diese kleinen Rädchen greifen nahezu perfekt ineinander und ergeben ein imposantes Gesamtpaket!
Fazit: gewinnt nicht nur den Vergleich mit der neuen Disney-Real-Version deutlich, sondern kommt fast an die Urversion heran. Das ist beeindruckend und detailverliebt ohne Ende. Man spürt die Leidenschaft und Seele in jedem Frame. Magisch, tragisch und wahrhaft berührend!