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Nach dem frühen Tod der Mutter wächst der kleine Craig alleine bei seinem Vater auf. Um sein Taschengeld aufzubessern, besucht der fleißige Schüler mehrmals pro Woche den exzentrischen Milliardär Mr. Harrigan (Donald Sutherland), um diesem aus  Büchern aus dessen Bibliothek vorzulesen. Aus diesem jahrelangen Nebenjob entwickelt sich so etwas wie eine distanzierte Freundschaft zwischen den beiden: das alleinstehende Börsengenie genießt das Vorlesen, während der Heranwachsende Craig (Jaeden Martell) seine Allgemeinbildung verbessert. Harrigan, der seit Jahr und Tag denselben Stundenlohn zahlt, spendiert dem jungen Vorleser viermal im Jahr zusätzlich ein Rubbellos, das sich jedoch stets als Niete herausstellt.
Eines Weihnachtsabends jedoch, als Craig gerade volljährig geworden ist und sich über die Finanzierung seines Studiums Gedanken macht, erweist sich das obligatorische Los als Volltreffer: 3.000 $ hat er gewonnen. Der Großteil davon wird für zukünftige Studiengebühren verwendet werden, mit dem Rest jedoch möchte er Mr. Harrigan eine Freude machen: gerade selbst Besitzer eines teuren Handys geworden, das ihm sein Vater etwas widerstrebend geschenkt hatte, kauft er das gleiche Modell noch einmal für den alten Mann. Der lehnt das Geschenk zunächst ab, läßt sich dann jedoch schnell von dessen Nutzen überzeugen, kann man dort doch minutengenau die Börsenkurse abrufen. Stück für Stück weist Craig den Milliardär (Spitzname: Piratenkönig) in den Gebrauch des Handys ein, doch erkennt Mr. Harrigan bald auch dessen Gefahren bezüglich Fehlinformationen etc.
Eines Tages kommt Craig zum Vorlesen und findet Mr. Harrigan leblos vor: der schwerreiche Mann ist gestorben, das Handy mit Craigs Rufnummer hielt er noch in der Hand. Tief betroffen nimmt der junge Mann das Handy zunächst an sich, steckt es dann jedoch ein paar Tage später bei der Trauerfeier dem Toten unbemerkt in dessen Anzugtasche - mit ungeahnten Folgen...

Eine Kurzgeschichte von Stephen King diente Regisseur John Lee Hancock (Blind Side 2009, The Highwaymen 2019) als Vorlage für sein Coming-of-Age-Drama Mr. Harrigan's Phone, das als Horror-Film falsch etikettiert jenes Genre nur in ganz wenigen Szenen im letzten Drittel der Geschichte berührt und auch dort nie explizit wird. Stattdessen erfährt man von der Gedankenwelt eines heranwachsenden, braven Schülers, dessen kumpelhafter Papa sich redlich bemüht, jeden Tag das Essen auf den Tisch zu stellen. Ein unangenehmer Schulkollege und eine nette Klassenlehrerin runden das Bild des strebsamen Schülers in einer nordostamerikanischen Kleinstadt, das weite Strecken des Films bestimmt, ab.

Erst nach Mr. Harrigans Tod, als dessen Handy auf wundersame Weise weiter mit dem Jungen kommuniziert, stellen sich einige Gruselmomente ein, doch die späte Fokussierung auf gewisse Rachephantasien passt nicht so recht zum bisherigen Verlauf des Films, der von gegenseitigem Respekt und Wertschätzung geprägt war. Die Gewissensbisse, die Craig zwischenzeitlich dabei empfindet, werden darüber hinaus viel zu kurz abgehandelt, genauso wie des Milliardärs angebliche Charaktereigenschaft, Gegner "sofort zu eliminieren". Wie man dergleichen Rachegelüste, um die es in Mr. Harrigan's Phone aber eben nur am Ende geht, deutlich effizienter abhandelt, kann man sich im 2017er Death Note (und seinen Derivaten) anschauen.

Punktabzug gibt es auf jeden Fall für das geradezu unverschämte Product Placement des Eierfons aus dem Hause (fauler) Apfel, das in penetranter Weise viel zu oft namentlich erwähnt und werbewirksam in die Kamera gehalten wird; daß darüber hinaus Craigs Mitschüler sich im Aufenthaltsraum in Gruppen nach Handy-Herstellern einteilen (Samsung-Tisch, Eierfon-Tisch etc.) ist nicht nur völlig unrealistisch, sondern läuft auch dem Konzept, hier einen ernsthaften Film abzuliefern, komplett zuwider.

So bleibt am Ende ein recht zwiespältiger Eindruck: Sutherland (gewohnt souverän als Grandseigneur zwischen Arroganz und Melancholie chargierend) und sein sympathischer, junger Lesegast performen zwar durch die Bank sehenswert, kommen jedoch nicht gegen die viel zu zahm umgesetzten Mystery-Momente am Schluß an. Nicht Fisch und nicht Fleisch endet Mr. Harrigan's Phone dann höhepunktlos und pointenfrei irgendwo im Nirgendwo. 5 Punkte.

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