Kaum eine Verfilmung dürfte den späten, gut gereiften, etwas langweiligen Stephen King wohl bisher präziser abgebildet haben als diese Adaption einer Kurzgeschichte, die erstmals 2020 in der Sammlung „Blutige Nachrichten“ veröffentlicht wurde. Auch wenn „Stand By Your Man“ von Tammy Wynette als Klingelton aus dem kalten Grab entweicht und sämtliche Trigger des Handy-Horror-Subgenres der 00er Jahre aktiviert, echten King'schen Horror gibt es in „Mr. Harrigan's Phone“ (fast) keinen zu erleben.
So viel sollte man vielleicht wissen, um sich nicht mit falschen Erwartungen eine durchaus vorhandene Qualität dieses Films zu verderben: die Möglichkeit des gemütlichen Eintauchens in die Atmosphäre einer versunkenen Kleinstadt des amerikanischen Nordostens. Wie ein Großteil von Kings Spätwerk lebt auch dieses von den gesetzten Erinnerungen an vergangene Coming-of-Age-Zeiten, erzählt mit einer ruhigen Stimme, die es längst nicht mehr darauf anlegt, vordergründig zu schocken. Sie ist zufrieden, wenn man im Geiste ein paarmal über die Inhalte der frisch verhallten Worte nachdenkt und sich erst als Resultat dessen eine leichte Gänsehaut einstellt.
Jaeden Martell, der mit seinen 19 Jahren nun bereits zum dritten Mal im Castle-Rock-Universum zu Besuch ist, sieht sich als Hauptdarsteller dem Traum einer erfüllten Jugendzeit ausgesetzt, in dem die Charaktere selten den dunklen Mächten in ihrem Inneren folgen. Erziehungsberechtigte, Lehrer und einsame alte Menschen zeigen in derartigen Konstellationen sonst gerne ihre hässliche Fratze, sie verbieten, maßregeln und klammern, im Extremfall entwickeln sie sich zu Monstern. Der Hauptfigur dieser Geschichte jedoch widerfährt von seinen Bezugspersonen nichts als reine Harmonie. Wenn gewisse Nebenfiguren (zunächst ein Bully in der Schule, später weitere Figuren, die keine Rücksicht auf ihre Umwelt nehmen) dann doch mal für Konflikte sorgen, so dient das lediglich dem Antrieb der übernatürlichen Handlung, weniger dazu, Monströses zu erschaffen.
Die fehlenden Ecken und Kanten in der dargestellten Welt des Teenagers wirken so realitätsfremd wie ein gut gepolsterter Wohlfühltraum... und bisweilen ebenso schonend für den Puls. Eine gewisse Langeweile breitet sich aus, es ist allerdings ob der warmen Dialoge eine solche, in der man gerne verweilt. Keine, für die man brennen würde oder in die man sich wissentlich begeben würde, aber von ihr fortzugehen ist schwierig, wenn man einmal da ist. Vielleicht liegt es an der unwirklichen Stimmung dieses Films, vielleicht auch einfach an der guten Chemie zwischen Jaeden Martell und Donald Sutherland, denen man Stunden dabei zusehen könnte, wie sie über die Handy-Technologie und ihre Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft diskutieren. Denn kaum ist Sutherland aus der Handlung genommen, zerfällt auch das Traumkonstrukt ein Stück weit. Es übernimmt ein Alptraum, der aber nie richtig durchstartet. Kein Horror, kein Grusel, lediglich wieder diese Sehnsucht nach Vergangenem.
In seiner Unscheinbarkeit versteckt „Mr. Harrigan's Phone“ also immerhin etwas, das Gefühle auszulösen weiß, auch wenn man sich durch die konstruierte Welt der Hauptfigur dabei hochgradig manipuliert vorkommt. Man kann aber wohl zumindest sagen, dass es keiner 106 Minuten bedurft hätte, um die Kurzgeschichte zu adaptieren... ein Kurzfilm oder eine Anthologie-Episode hätte genügt.