Review

Erstens klingelt's anders und zweitens als man denkt


Eigentlich kam „Mr. Harrigan's Phone“ letztes Jahr perfekt um die Halloweenzeit, doch fiel er für mich irgendwie hinten rüber und ich kam nicht mehr dazu noch im Oktober auf Play zu drücken. Im Nachhinein muss ich das nun als glücklichen Umstand ansehen, da der Titel viel weniger gespenstig, gruselig und genre'ig daherkommt als 95% aller Stephen King-Verfilmungen… Der Film erzählt von einem Teenager, der einem alten, unfassbar reichen, einsamen und etwas altmodischen Mann mehrmals die Woche aus seiner massiven Privatbibliothek etwas vorliest. Kurz nachdem er dem wirtschaftsweisen Kauz ein iPhone geschenkt hat und dieser ihn zwar fasziniert, aber auch etwas angewidert von dessen (auch zukünftigen, gesellschaftlichen) Gefahren erzählt, verstirbt dieser und der Junge legt ihm sein Geschenk noch mit in den Sarg. Ich war noch nie Fan von offenen Särgen - denn kurz darauf kommt ein Anruf des Verstorbenen…

In seinen besten Phasen erinnert „Mr. Harrigan's Phone“ ein wenig an eine technisierte Version von „Death Note“, mit eher moralischen und gesellschaftlichen Fragen als wirklich thrillerhaften oder gar gespenstigen Punkten. Wenn in der Handlung klassische Schocks oder Spannungskino passiert sind, sehen wir meistens nur die Auswirkungen und die andere Seite der Medaille. Hier gibt’s also weder Ito noch King's Schauerseite, weder „The Grudge“ noch „Final Destination“, hier greifen keine Hände aus dem Grab, aus dem Handy, nach dem Leben der auf der Erde Wandelnden. Viel mehr geht es um die Tragweite der eigenen Entscheidungen, um die Verwirklichung der eigenen Träume, um literarische Meisterwerke und alles getragen von einer ungewöhnlichen Vater-Sohn-artigen Beziehung eines Altmeisters (Sutherland) und eines vielversprechenden Newcomers (Martell), den die meisten schon aus „Es“ kennen werden. Ich mag hier zusätzlich die comichaften Coming-of-Age-Vibes, die eher selten benutzten 00er-Jahre und die mal ganz andere Herangehensweise durch mehr Reife und Understatement. Ich glaube dennoch, dass hier von vorne bis hinten richtig viele unterwältigt bis enttäuscht sein werden - von den spärlichen bis nicht-existenten Erschreckern, Geistern, Spuks bis zum unfassbar simplen, realistischen, sturen und plötzlichen Ende. Außerdem wirkt's doch etwas wie eine aufgeblasene Kurzgeschichte. 

Fazit: eher allegorisch-abseitige Abhandlung unserer Handy-/Technik-/Internetsucht als der Grusler, den uns das Marketing weitestgehend verkaufen will. Wenn man das einmal akzeptiert hat, ist der Rest interessant und solide. Aber leider auch nie vom Hocker reißend. Nichtmal ansatzweise. Wer Horror erwartet, kann sogar gänzlich einpacken.

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