Review

„Weihnachten ist eben scheiße!“

US-Regisseur Joe Begos („Bliss”) legte dem Genrepublikum im Jahre 2022 einen Tech-noir-Slasher unter den Weihnachtsbaum, der Weihnachtshorror in der Tradition von „Black Christmas“ und „Stille Nacht, Horror Nacht“ mit Science-Fiction-Dystopien der Marke „Terminator“ und „RoboCop“ im Low-Budget-Retrogewand miteinander verbindet: „Christmas Bloody Christmas“.

„Die Welt da draußen ist groß...“

Tori (Riley Dandy, „City of Gold“) betreibt mit ihrem Angestellten Robbie (Sam Delich, „Der Spinnenkopf“) einen Plattenladen in einer US-amerikanischen Kleinstadt, ist wie Robbie alleinstehend und kann dem Weihnachtsfest so gar nichts abgewinnen. Ihr Tinder-Date mit einem echten Sperminator lässt sie kurzerhand sausen und beschließt, lieber zusammen mit Robbie den lauen Heiligabend – es fällt Schnee bei eher milden Temperaturen – bei Alkohol und Gesprächen über Filme und Musik rumzubringen. Dem macht jedoch bald der amoklaufende Weihnachtsmann-Roboter „Robosanta+“ (Abraham Benrubi, „The Finest Hours“) aus dem örtlichen Spielzeugladen einen Strich durch die Rechnung: Eine technische Fehlfunktion erinnert ihn daran, ursprünglich einmal eine fürs Verteidigungsministerium entwickelte, militärische Killermaschine zu sein. Seine blutige Spur zieht sich durch das beschauliche Örtchen…

„Knallen Sie ihm den verdammten Kopf weg!“

Begos leitet seinen Film mit einer TV-Programmvorschau und Werbespots ein, darunter ein den „Robosanta+“ bewerbender Clip. Toris stylischer Plattenladen hat noch geöffnet, mit Robbie quatscht sie sehr offen über Sex – bis der Plan für einen gemeinsamen Abend steht, von dem Robbie sich etwas mehr verspricht, denn er ist in Tori verschossen. Sie glauben, es gebe nur ganz wenige gute Weihnachtslieder, kennen also meine Weihnachts-Playlist nicht (aber das nur am Rande). Den imposanten, vom bulligen Abraham Benrubi verkörperten „Robosanta+“ sieht man in voller Pracht erstmals im Spielzeugladen, der von Freunden der beiden betrieben wird. Die ersten alkoholischen Getränke werden konsumiert und zu zweit geht’s weiter in die Kneipe, wo man über Musik und Weihnachtsfilme schwadroniert. Begos nimmt sich Zeit für die Exposition, auf den kommenden Horror deutet erst eine in den Nachrichten verlautbarte Rückrufaktion bezüglich des Roboters hin. Während dieser sich im Spielzeugladen in schöner Point-of-View-Perspektive in Bewegung setzt, betritt ein frustrierter Typ kurz vor Schließung die Kneipe. Wer kann das wohl sein? Ach, der Sheriff.

Das Kneipen- und Angetrunkenengequatsche wird sehr realistisch wiedergegeben, das Dialogbuch verzichtet auf zusätzliche Karikierungen. Derweil findet der „Robosanta+“ ganz den Genreregeln folgend seine ersten Opfer im kopulierenden Pärchen im Spielzeugladen. Robbie fährt mit Tori zu ihr nach Hause, wo man fröhlich weitertrinkt und die Themen Filme, Musik und Filmmusik vertieft, bis man endlich miteinander herummacht – was in Sachen Fan-Service schon mal die halbe Miete ist. Welcher Genrefreund träumt schließlich nicht von einem Job im Plattenladen mit einer coolen, attraktiven Chefin, mit der man erst wunderbar über pop- und subkulturelle Nerdthemen quatschen und sie anschließend flachlegen kann? Doch auch im weiteren Verlauf bleibt Begos der Struktur seines Films verpflichtet und zeigt die parallel stattfinden Untaten des wütenden „Robosanta+“, der mittlerweile ins Nachbarhaus eingedrungen ist und dort axtschwingend Köpfe platzen lässt. Leise rieselt der Schnee, laut splattert der Santa.

Weshalb Robbie und Tori ihr Tête-à-Tête beenden, nachdem er sie per Cunilingus zum Höhepunkt gebracht hat, verstehe wer will; aber viel Zeit für eine Fortsetzung wäre ohnehin nicht geblieben, denn nun bekommen die beiden Wind davon, was vor sich geht – und dass der Militär-Santa auch vor kleinen Kindern keinen Halt macht. Tori weckt ihre Schwester Liddy (Kansas Bowling, „Once Upon a Time in... Hollywood“) und deren Mann, doch nur Robbie und sie können entkommen – zunächst zumindest. Der unkaputtbare Killerrobo zieht weiter Scheitel mit der Axt und zerteilt Fratzen, lässt sich dabei auch von der Polizei nicht aufhalten. Aufgrund seines überaus menschlichen Äußeren weiß noch niemand, dass es sich bei ihm um eine Maschine handelt, was ihm zum Vorteil gereicht. Er verhält sich wie ein typischer Slasher-Antagonist und die Bullen eben wie so oft: wie ignorante Idioten, als sie Tori kein Wort glauben und sie festnehmen. Erwartungsgemäß avanciert sie dennoch zum Final Girl in einem wahrlich nervenaufreibenden Finale.

Obwohl „Christmas Bloody Christmas“ in der Gegenwart spielt, versuchte Begos sich an dem Spagat, ihn mit den Tugenden des ‘80er-Genrekinos zu inszenieren: Die wirklich guten Spezial- und Make-up-Effekte sind offenbar allesamt echte Handarbeit, der Soundtrack stammt aus dem Synthesizer (wenn nicht gerade Metalsongs laufen oder sonstwie verzerrte E-Gitarren quietschen) und sehr (vielleicht gar etwas zu) viel weihnachtlich rot-grünes Neonlicht sorgt für die tolle visuelle Ästhetik des Films. Dramaturgisch übereilt er nichts, sondern arbeitet mit wohliger Suspense und sympathischen Figuren, um schließlich das Tempo immer weiter anzuziehen, es mit dramatisierenden Zeitlupen zu konterkarieren, ein klassisches Finale zu zelebrieren und sich gegen Ende sogar in Sachen Creature- bzw. Robot Design noch etwas einfallen zu lassen, bei alldem aber trotzdem unterhalb der 90-Minuten-Marke zu bleiben. Nerdige Details wie ein paar im Laden herumstehende VHS-Kassetten oder ein „Spookies“-Plakat wärmen das Herz zusätzlich, Hommagen an Vorbilder wie „Terminator“ bereiten cinephile Freude. Zugegeben, das muss man nicht mögen und wirkt bisweilen etwas überstilisiert, gleichwohl: mir gefällt’s. Der profunde Austausch Toris und Robbies zu Themen wie Horror, Hardrock/Metal und Filme dürfte vor allem all jene erfreuen, die sich ebenfalls für diese kulturellen Aspekte interessieren. Andere könnten damit aber ein Problem haben, vor allem dann, wenn sie nur Bahnhof verstehen.

Meine Kritikpunkte sind jedoch andere und betreffen den „Robosanta+“, diese Mischung aus T-800, dem RoboCop und dem menschlichen Weihnachtshasser aus „Stille Nacht, Horror Nacht“. Dass er sogar Autofahren kann, ist innerhalb eines in der Gegenwart und nicht etwa in der Zukunft spielenden Films dann doch etwas zu viel des Guten. Wünschenswert wäre hier ein Pro- oder Epilog gewesen, der die Hintergründe dieser Killermaschine ein wenig erläutert und ihr Verhalten damit etwas plausibler erscheinen lässt. Und daraus, dass doch eigentlich noch wesentlich mehr seiner Sorte herumlaufen müssten, macht Begos leider gar nichts, womit er das Potential dieser Art von Bedrohung nicht voll ausschöpft. Dennoch: Schwer sympathische, inszenatorisch und technisch gute saisonale Unterhaltung für Genrefans!

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