Ein recht heruntergekommenes Hochhaus in einem anonymen städtischen Vorort. 150 Bewohner. Keine irgendwie privilegierten Personen, eine Mischung ethnischer Gruppierungen, lebend am Existenzminimum. Alles scheint "normal". Doch plötzlich ist da diese schwarze Zone um das Gebäude herum, die Lichter der nahen Stadt sind verschwunden. Es ist unmöglich, das Haus zu verlassen. Nichts kommt herein, nichts gelangt hinaus und wenn doch, dann sieht man die Gegenstände oder Menschen nie mehr wieder bzw. nur mehr Teile von ihnen, das schwarze Nichts hat sie abgeschnitten.
Ein Film von Guillaume Nicloux, im Original schlicht LA TOUR (der Turm) betitelt. Natürlich musste man bei der deutschen Veröffentlichung noch den Bezug zum Corona-Lockdown davor setzen. Dieser hat den Regisseur, wie er im Interview berichtet, durchaus inspiriert, aber der Film geht m.E. deutlich darüber hinaus auf eine allgemeinere Ebene. Schön, dass es keine Erklärungen für dieses Phänomen gibt, weder am Anfang noch am Ende. Das hätte das Szenario komplett profanisiert. Hier geht es nur um die Frage, was wäre wenn (... 150 Menschen im absoluten Nichts eingeschlossen wären).
Das Internet ist weg, die TV-Empfänger zeigen kein Bild mehr, jede Kommunikation mit der Außenwelt ist zum Erliegen gekommen. Schon bald gehen Nahrung und Wasser zur Neige (nur der Strom steht fast ständig zur Verfügung, was ich ein wenig fragwürdig finde, auch die Atemluft wird nicht knapp). Paranoia, Verschwörungstheorien und Pseudoreligionen kommen auf, es herrscht Anarchie, auch wenn sich manche zu Gruppen zusammenschließen, um ihr Überleben zu sichern. Rassismus und Sexismus brechen sich Bahn. Schon bald gibt es die ersten Toten. Die letzten zivilisatorischen Maßstäbe werden aufgegeben.
Oh ja, das ist ein Horrorfilm wie er konsequenter und radikaler nicht sein könnte. Interessanterweise kam er bei den ganzen Horror-Aficionados nicht besonders gut an, womöglich, weil der Film bis zum Ende gnadenlos nihilistisch und humorlos bleibt. Die üblichen Witze, die so viele moderne Horrorfilme zu albernen Komödien machen, fehlen hier. Genauso wie Identifikationsfiguren im Film, was ihn auch konventionell gemacht hätte. Dies wird unterstützt durch den Verzicht auf bekannte Schauspieler. So ist man gezwungen, sich als Zuschauer allein mit dem Szenario zu beschäftigen, das zu einem Ende gebracht wird, das überzeugender und hoffnungsloser nicht sein könnte. Perfekt.