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Whodunit im Glashaus - „Knives Out“ geht in Serie


Pensionierte Polizisten verdingen sich ja gerne im Anschluss noch als Wachleute, Sicherheitsbeamte oder Privatdetektive. Besonders voraus Schauende beginnen mit dieser Zweitkarriere schon während ihrer aktiven Dienstzeit. So auch der berühmteste Staatsangehörige Großbritanniens. In „Knives Out - A Murder Mystery“ tauschte Daniel Craig Coolness gegen Verschrobenheit, Alphatiergehabe gegen Understatement, One-Man-Show gegen Teamwork und rückte damit ganz nebenbei den guten alten Whodunit wieder in den Fokus des modernen Kinopublikums.

Der durchschlagende Erfolg dieser gewitzten Mixtur aus Agatha Christie-Hommage und bissiger Gesellschaftssatire machte eine Fortsetzung unvermeidlich und sowohl der durch Star Wars gebeutelte Regisseur Rian Johnson sowie der durch Bonds Ende seiner Paraderolle beraubte Craig griffen bereitwillig zu. Zumal Ihnen der Happen vom Streaming-Giganten Netflix fürstlich vergütet wurde. Immerhin gut 400 Millionen Dollar werden für die Rechte an zwei Sequels kolportiert. Da kann man schon mal auf eine Kinoauswertung verzichten.
Ob eine fast reine TV-Auswertung dem Ruf des Films langfristig guttun wird, darf zwar bezweifelt werden, aber bei entsprechenden Abrufzahlen muss nach einer Trilogie ja noch lange nicht Schluss sein. Peter Ustinov war auch nicht mehr der Jüngste als er mit Hercule Poirot in Serie ging und anders als Agent 007 muss Benoit Blanc keine halsbrecherischen Stunts absolvieren, um das Böse zur Strecke zu bringen.

Wer jetzt aber eine nur leicht variierte Kopie des Originals erwartet, dürfte enttäuscht sein. Ryan Johnson ist clever genug, um auch mit seinem zweiten Krimi-Puzzle für ordentlich Verwirrung zu sorgen. Dass Netflix auf dem Endlostitel „Glass Onion: A Knives Out Mystery“ bestand, soll ihn daher auch massiv verärgert haben, schließlich ist außer Genre und Protagonist alles anders. Zwar gibt es wieder ein Verbrechen in einem geographisch begrenzten Setting auf dem praktisch alle Anwesenden verdächtig sind. Allerdings findet dieses erst in der Filmmitte und unter gänzlich anderen Rahmenbedingungen statt. Die Gemeinsamkeiten liegen eher in Machart und Struktur.
So legt Johnson wieder eine Reihe falscher Fährten, arbeitet viel mit Rückblenden und sorgt recht unvermittelt für einen radikalen Perspektivwechsel. Das macht erneut sehr viel Spaß, ist erneut toll photographiert und wartet erneut mit einem sehr spielfreudigen Ensemble auf, aus dem vor allem Dave Bautista und Daniel Craig heraus stechen.

Dennoch bleibt „Glass Onion“ etwas hinter seinem Vorgänger zurück und die Erklärung dafür ist so banal wie offensichtlich: das Skript. Bei allem Esprit, bei aller Raffinesse, bei aller Gewitztheit handelt es sich eben doch um einen Whodunit, bei dem die allmähliche Aufklärung eines Verbrechens sowie die Suche nach dem Täter die Basis bildet. Ist dieser Kriminalfall nicht schlüssig ausgearbeitet, kommt das ganze Konstrukt ins Schlingern. Bei der gläsernen Zwiebel gewinnt man vor allem im Schlussdrittel den Eindruck, dass Rian Johnson beim Drehbuchschreiben vor lauter Dialogwitz und Budenzauber den eigentlichen Fall aus den Augen verloren hat. Auch die beißende Gesellschaftskritik kommt diesmal weniger subtil daher. Vieles ist greller und bunter ausgemalt, was die Distanz zu den Figuren vergrößert und die Freude am Entdecken schmälert.

In „Knives out“ sah man genüßlich in die Abgründe einer disfunktionalen Familie aus der Oberschicht. In „Glass Onion“ ist die Gruppe weniger homogen. Ein Tech-Milliardär, eine Politikerin, eine etwas verblasste Modeikone sowie ein drolliger Influencer mitsamt Baywatchnixen-Anhang ist sicherlich noch illustrer, taugen aber kaum zur Identifikation. Hier schaut man mehr zu und fühlt weniger mit. Immerhin sind Edward Nortons Elon Muskerade, Dave Bautistas Social Media Clown und Kate Hudsons B-Heidi so auf den Punkt, dass man ihre Überzeichnung für vorstellbar hält.

Es ist Rian Johnsons Ideenreichtum und Daniel Craigs komischen Qualitäten zu verdanken, dass auch Benoit Blancs zweiter Fall ein sehr unterhaltsamer Krimispaß geworden ist. Mankos wie das Fehlen einer überraschenden Auflösung, die ein wenig zu plakative Kapitalismuskritik sowie der dramaturgisch aus dem Ruder laufende Schlussakt können aber nicht so einfach weg diskutiert und sollten im dritten Teil tunlichst vermieden werden. Denn es wäre sehr schade, wenn Daniel Craig ein zweites Mal in Rente gehen müsste, schließlich steht ihm auch die aufs bloße Ermitteln beschränkte Lizenz ausgezeichnet.

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