Review
von Leimbacher-Mario
Zwischen Genie und… Schwachsinn
„Glass Onion“ ist die Semi-Fortsetzung zum enorm erfolgreichen modernen Krimi „Knives Out“, eher ein Spin-Off würde man heutzutage sagen und eine gänzlich eigene Geschichte. Wieder von Rian Johnson inszeniert und ausgedacht, mit einem köstlichen Daniel Craig als Meisterdetektiv Benoit Blanc. Dieses Mal verschlägt es den ausgefuchsten Ermittler auf eine griechische Insel eines Milliardärs, der eine Art dekadentes Krimidinnerwochenende mit seiner bunten Clique veranstalten will. Doch natürlich kommt alles zehnmal anders als alle (inklusive uns Zuschauern) denken - und es müssen nachher Mordfälle und Rachepläne gelöst werden, an die man anfangs gar nicht dachte. Unter der strahlenden Mittelmeersonne, noch deutlich während der Coronapandemie spielend, damit sogar kokettierend, mit viel Augenzwinkern und (passend zum eigenen Titel und dem eines ebenso selbstironischen John Lennon-Songs) vielen Schichten - und dennoch absichtlich wenig bis nichts aussagend…
Was mir aber hier kaum etwas ausmacht. Denn „Glass Onion“ hat mir Spaß gemacht wie wenige andere Filme letztes Jahr. Und das bei einer stolzen Laufzeit von deutlich und selbstbewusst über zwei Stunden. Craig spürt man in jeder Sekunde, dass es eine Wohltat für ihn war die 007-Corsage endgültig wegzuschmeißen und in der Luft zu zerfetzen. Der stargespickte Cast ist abwechslungsreich, wunderschön selbstverliebt und hat untereinander durchaus Chemie. Die meisten der Wendungen kommen zur richtigen Zeit und halten auf Trab. Das sommerlich Feel färbt wärmend, spritzig und wohlig ab. Und selbst wenn er hintenraus etwas überdreht und unterwältigt zugleich, ist er für mich ein reiner Spaßfilm voller Ironie, der sich selbst, seine Kritiker und sein Subgenre erstaunlich locker und unernst updatet. Nicht total durch den Kakao zieht oder disrespektiert, aber eben einen feuchten Kehricht auf all seine Ebenen, Möglichkeiten, Verstrickungen und Kritiken gibt. Eine gewichtige Filmanalyse kann man zwar immer anführen, ist hier aber fehl am Platz oder schießt zumindest neben das Spielfeld dieser feucht-fröhlichen Sommer-Murder Mystery-Show. Denn hier stimmen für mich Tempo und Spielfreude, Tricks und doppelte Böden, Atmosphäre und Schauwerte. Dazu mit Dave Bautistas Pläät der wohl optisch interessante Schädel seit langem. Also: nicht überinterpretieren, nicht zu ernst nehmen, einfach genießen wie ein Cocktail am Infinitypool. Wem das zu wenig ist, darf das gut blöd finden. Aber irgendwie trifft Johnson für mich oft genug den richtigen Ton zwischen Troll und Genie, der zu Star Wars eben teilweise sehr wenig gepasst hat. Hier ist er voll in seinem Element und hat durch die Bank Freude an allen Elementen, Rätseln und Eitelkeiten.
Fazit: einer dieser großen Späße, bei dem ich total on Board bin und null den Hass von vielen verstehen. „Glass Onion“ ist ein sonniger und sensationell verspielter Mysteryirrsinn. Noch deutlich leichter, satirischer und augenzwinkernder als „Knives Out“. Launig, lebhaft, liebreizend wie Mona Lisas Lächeln. Also ich hatte wie gesagt tonnenweise und jede Minute SPASS!