Es ist ein Heimaturlaub der etwas anderen Art, den Jasmina Tremer (Agnieszka Zulewska) da etwas außerhalb von Wrocław in einem Wohnwagen verbringt - die Enddreißigerin stammt aus dem ehemaligen Breslau, war in die Niederlande ausgewandert und hatte dort ihr Hydrologie-Studium abgeschlossen. Mit ihrem niederländischen Freund ist sie jetzt, 1997, in die alte Heimat zurückgekehrt, worum sie ein alter Bekannter, Jakub Marczak (Tomasz Schuchardt) gebeten hatte - der möchte nämlich nicht nur eine bevorstehende Wahl gewinnen, sondern traut den alten Seilschaften nicht, die das bevorstehende Oder-Hochwasser als ungefährlich abtun.
Jasmina, eine toughe Enddreißigerin, von Commander Andrzej Talarek (Tomasz Sapryk) in einem Militärhubschrauber direkt vom Wohnwagen abgeholt, macht dann vor den versammelten Honoratioren auch keinen Hehl aus ihrer Überzeugung: das Hochwasser wird Breslau überfluten, besonders den Norden der Stadt, aber eben auch die historische Altstadt, in der noch vor kurzem der Papst zu Besuch war. Doch statt auf ihre Prognose einzugehen, widersprechen die örtlichen Fachmänner, die die Einmischung der hemdsärmeligen Jasmina als Obstruktion betrachten: nichts wird überflutet werden, alles nur Panikmache, die Deiche und Entlastungsgräben werden das Wasser verkraften. Jasmina verläßt wortlos die Szenerie...
Jakub sitzt nun zwischen allen Stühlen: was soll er machen, er, der Jasminas Rat angefordert hatte? Natürlich vertraut er auf die Expertise der kompromisslosen Wissenschaftlerin, doch so einfach kann er sich über die Meinung der anderen auch nicht hinwegsetzen. Und da ist noch etwas: die beiden waren früher, ganz früher mal ein Paar. Aus dieser Beziehung stammt auch ein heute 14-jähriges Mädchen, das beim Vater aufwuchs und nichts von ihrer Mutter weiß - denn ihre Mutter war damals schwer heroinsüchtig und ist vor der Mutterrolle geflohen...
Einen Katastrophenfilm der etwas anderen Art stellt die polnische Produktion Wielka woda dar, in der ein historisches Naturereignis mit einer fiktiven persönlichen Geschichte verwoben wird. In 6 Teilen zu je knapp 55 Minuten inszeniert das Regisseursduo Holoubek/Ignaciuk die Geschichte einer Rückkehrerin, die fachlich kompetent die bevorstehende Katastrophe erkennt und beurteilen kann, ihr eigenes Privatleben aber in demselben Maße überhaupt nicht im Griff hat. Eine ziemlich ambivalente Persönlichkeit, hervorragend gespielt von Hauptdarstellerin Agnieszka Zulewska, die einerseits unnahbar und knallhart gegenüber der männlich dominierten Politiker- und Entscheidungsträgerriege auftritt, andererseits an ihren früheren Fehlern, die sie insgeheim bitter bereut, fast zu zerbrechen droht. Im Hintergrund die bedrohlich steigende Oder, deren Gefahrenpotential weder in der Stadt, aber noch viel weniger am Land erkannt wird.
Fein herausgearbeitet sind hierbei die halsstarrigen Proponenten, die in der alten Bürokratie aus Sowjetzeiten aufgewachsen sind, entgegen jeglicher Vernunft auf ihren Standpunkten beharren und mit purem Gottvertrauen eine Flutwelle in den Griff bekommen wollen. Als der Bürgermeister dann (wohlweislich nur mit dem Oberst im Schlepptau) Jasminas Rat folgt und die Dörfer bei den Stauseen inspiziert, muß er feststellen, daß dort das Wasser aus jenen Haltebecken noch gar nicht abgelassen worden ist. Und der zuständige Bezirksrat denkt auch gar nicht daran, denn seit ein paar Tagen bauen sie im Dorf an einer Bühne, schließlich werden dort die Sieger der alljährlichen Regatta geehrt. Da passt das mit dem Hochwasser jetzt grad schlecht...
Später, als Jasmina nur noch eine Sprengung der Dämme rund um ein im Südwesten gelegenes Dorf empfehlen kann, dessen Bewohner die angestiegene Oder gerade mühsam mit Sandsäcken zu stabilisieren versuchen, spitzt sich die Lage weiter zu, denn selbst die Polizei vermag es nicht, die darüber höchst aufgebrachte ländliche Bevölkerung zu zerstreuen - nicht einmal der Oberst, der seine Helikopter mit abwurfbereiten Sprengbomben einfliegen läßt, besitzt dazu genügend Autorität: "Gestapo, Gestapo" brüllen die Dorfbewohner und verteidigen mit Latten und Schaufeln den Damm gegenüber zwei Dutzend machtlosen behelmten Polizisten...
Zwischen diesen dramatischen Ereignissen turnt die zurückgekehrte Wissenschaftlerin über die Dächer von Breslau, muß sich um ihre bettlägerige Mutter kümmern, die sich mit geschätzt 250 kg Lebendgewicht kaum mehr bewegen kann (und will) und doch mit sanfter Gewalt ein paar Stockwerke höher untergebracht werden muß, da das Wasser unweigerlich kommen und ihre Wohnung überfluten wird. Doch am meisten setzt Jasmina das Wissen um ihre Tochter zu, die ihre Mutter nie kennengelernt hat - eine neben all dem anderen Trubel so schwere Hypothek, daß die oftmals aus einer Methadonflasche trinkende Blondine in alte Muster verfällt und sich bei einem schmierigen Dealer doch wieder Stoff besorgt...
Der mit viel Lokalkolorit umgesetzte Plot, in die kaum merklich auch ein paar Originalansichten von 1997 eingebunden wurden und die ansonsten mit aufwändig inszenierten Massenszenen von überfluteten und später verschlammten Straßen wie auch einer überzeugenden Deko mit zeitgenössischen Autos, Frisuren etc. punkten kann, führt - man ahnt es bereits - am Ende im privaten Bereich zu einigen Kompromissen, mit denen jedoch alle Beteiligten leben können.
Fazit: Hochwasser ist eine gelungene Katastrophenserie, die anhand der privaten Story eine Menge Interessantes über das Polen der Nachwendezeit offenbart, mit einigen skurrilen Momenten zwischendurch auch etwas zum Schmunzeln bietet und am Ende dann trotz aller Differenzen das Menschliche betont. Prädikat sehenswert: 7,49 Punkte.