Review

Der 19-jährige Thomas (Txomin Vergez) erwacht nach 3 Jahren aus dem Koma: alles scheint ihm neu, er kann sich nicht allein bewegen, vor allem aber erinnert er sich nicht, wie er ins Krankenhaus und in diesen Zustand geraten ist. Pfleger und Pflegerinnen waschen ihn, machen mit ihm Übungen, und so langsam kommen die Erinnerungen zurück. Es sind jedoch sehr vage Erinnerungen, die Thomas da hat, und schon in der ersten Nacht nähert sich ein Unbekannter seinem Bett und scheint ihn zu erwürgen. Dieser Unbekannte, den er das "Monster" nennt und vor dem er sich fürchtet, wird noch öfter auftauchen. Allerdings sieht ihn niemand außer Thomas. Stattdessen sprechen die Pfleger von einer Panikattacke.
Um seine Gedanken und die allmählich bruchstückhaft wiederkehrenden Erinnerungen zu sortieren, besucht ihn tagtäglich die Psychologin Anna (Clotilde Hesme). Von ihr erfährt Thomas, daß er der einzige Überlebende eines Familien-Massakers ist. Seine Eltern sowie sein Cousin wurden erschossen bzw. erstochen, er selbst wurde schwer verletzt mit einem Messer im Bauch aufgefunden. Seine Schwester Laura (Rebecca Williams) ist seit der Bluttat verschwunden, und Thomas erinnert sich auch nicht, ob sie an diesem Tag anwesend war. Überhaupt erinnert er sich nur sehr vage an einzelne Vorfälle und Begebenheiten vor der Mordnacht, doch Annas gezielte Fragen und ihr beharrliches Nachhaken helfen Thomas langsam aber sicher, die Umstände zu rekonstruieren, die zu diesem Ereignis geführt haben...

Überlebende eines Massakers, die unter Amnesie leiden und aus deren Perspektive sich Stück für Stück ein Mordfall aufklärt, sind für ein mitratendes Publikum meist interessant, zumal Hauptdarsteller Txomin Vergez in der französischen Produktion Der Patient relativ glaubhaft den um Aufklärung bemühten Rekonvaleszenten gibt, der sich jeden Tag ein bißchen weiter vorantastet.

In vielen Rückblenden erfährt man über mehr die familiäre Situation zuhause, die alles andere als friktionsfrei verlief: die Mutter hatte kurzfristig einen Liebhaber, von dem sie sich aber wieder getrennt hatte, Schwester Laura war eine unerschrockene Draufgängerin, die mit ihrer Zuneigung zu einer Klassenkameradin klarzukommen versuchte und Cousin Dylan (Matthieu Lucci), der für ein paar Wochen zu ihnen gezogen war, da seine Mutter eine schwierige Operation vor sich hatte, wurde eher als Störenfried wahrgenommen. Doch wie passt das alles zusammen, wer ist der dunkle Kapuzenmann, der als Monster öfters in der Gegenwart wiederkehrt und Thomas ängstigt? Wo ist Laura abgeblieben, seine Schwester, der er so sehr schätzte? Und wieso wird ihm der Umgang mit einem anderen Patienten, der im Rollstuhl sitzt und ebenfalls seine Eltern verloren hat, untersagt? Doch so angestrengt Thomas die Puzzlestücke seiner Erinnerungen auch sortiert, mehr als daß sich offenbar einige Pfleger inklusive seiner Psychiaterin gegen ihn verschworen zu haben scheinen, kommt bei seinen Überlegungen nicht heraus.

Die Wahrheit über das Familiendrama (und somit die finale Auflösung) fällt dann jedoch etwas anders aus, als man dies lange Zeit erwarten durfte - mehr sei aus Spoilergründen hier nicht erwähnt.
Der Patient
ist ein durchwegs interessantes Psycho-Drama mit fein abgestimmten Bildern und Dialogen, die den Zuschauer lange Zeit in eine bestimmte Richtung dirigieren, die sich allerdings - bedingt durch den Umstand, daß manche Rückblenden/Szenen bewußt offenlassen, ob es sich um Realität oder Einbildung oder eine Mischung aus beidem handelt - nicht unbedingt als schlüssig erweist. Ein Film, der über sein Ende hinaus noch ein wenig nachwirkt. 7 Punkte.

Details
Ähnliche Filme