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Staffel 1

Als die junge Journalistin Beth Davenport (Lydia West) auf der Heimfahrt in der U-Bahn von einem überheblichen Arschloch angebaggert wird, erweist sich die zufällig mitfahrende Janice Fife (Dolly Wells) als trickreiche Helferin, die - im Gegensatz zu allen anderen Fahrgästen, die bewußt wegschauen - den Widerling mit einem Bluff kaltstellt. Beth kann ihr am Zielbahnhof gerade noch ihre Visitenkarte aufdrängen, dann muß Janice schnell weiter: sie gibt nämlich dem jungen Ben (Louis Oliver) Mathe-Nachhilfe. Der ist der Sohn des örtlichen Pfarrer-Ehepaars Harry (David Tennant) und Mary Watling (Lyndsey Marshal), die die resolute Lehrerin bereits erwarten.
Wie es der Zufall so will, bekommt Pfarrer Harry kurz zuvor in seiner Kirche von Edgar (Mark Quartley), einem geistig retardierten Gemeindemitglied, einen USB-Stick in die Hand gedrückt, den er doch bitte verstecken möchte, da dessen Mutter diesen nicht bei ihm finden soll. Harry tut wie ihm geheissen und so gelangt der Stick in seine Wohnung, wo der allseits respektierte Pfrarrer einen Blick auf den Inhalt werfen will - just in dem Moment, als die Nachhilfelehrerin eintrifft und ihre Matheformeln dem Filius per USB zu übertragen gedenkt. Durch diese Verkettung unglücklicher Umstände wird Janice Fife mit dem Inhalt des USB-Sticks konfrontiert und ist von dem darauf befindlichen (offensichtlich kinderpornographischen) Material, das sie natürlich dem untadeligen Pfarrer zuschreibt, derart entsetzt, daß sie sofort die Polizei rufen will. Dies jedoch kann der Gottesmann nicht zulassen und sperrt die kreischende Lehrerin kurzerhand in den Keller - bis ihm eventuell etwas Besseres einfällt.
Währenddessen reist die junge Journalistin aus der Eingangsszene in die Vereinigten Staaten, wo sie ein Interview mit einem zum Tode verurteilten Mörder erwirken kann: doch der mondän bis überheblich als "Superhirn" auftretende Jefferson Grieff (Stanley Tucci) liefert ihr nicht die gewünschten Antworten...

Es erfordert schon ein gerüttet Maß an Konzentration und Aufmerksamkeit, die grundsätzlichsten Begebenheiten aus der ersten der 4 Episoden von Inside Man zu erfassen - nicht nur, daß das Kellerdrama im Pfarrershaus und der Serienmörder in den USA kaum etwas miteinander zu tun haben, strotzt die Geschichte nur so vor Logiklöchern und nicht nachvollziehbaren Verhaltensweisen. Dazu gesellen sich in der Hauptsache bestenfalls durchschnittlich interessante bis schlicht unsympathische Charaktäre, deren Schicksal (Grieff einmal ausgenommen) dem Zuseher reichlich egal sein kann.

Drehbuchautor Steven Moffat, der für Netflix schon 2020 eine Dracula-Serie abdrehte (ebenfalls mit Dolly Wells), hat für sein neuestes Werk für den Streaming-Giganten ein Sammelsurium von Durchschnittstypen zusammengestellt, die einer nach dem anderen Opfer der Umstände und ihrer eigenen Unzulänglichkeiten werden. Während der Großteil der je etwa 1 Stunde dauernden 4 Teile im Haus des Pfarrers spielt und sich mit zunehmender Dauer immer grotesker ausnimmt, kontrastiert diese (insgesamt wenig spannende) Haupthandlung mit zeitweiligen Einschüben aus einem Gefängnis in den USA, in denen Todestraktinsasse Jefferson Grieff als Grandseigneur mit Hannibal-Lecter-Einschlag auftritt und seine Bonmots zum Besten gibt. Diese Zwischenbemerkungen sind dann letztlich auch der einzige Grund, sich die skurrile Mini-Serie bis zum Ende zu geben, während (geschätzt) mindestens ein Drittel des Publikums vermutlich schon vorher entnervt aufgibt.

Die Logiklöcher, von denen hier nur einige erwähnt sein sollen, verunmöglichen schlichtweg, das ganze Szenario ernst zu nehmen: da wäre zum einen der Pfarrer, der angesichts des kompromittierenden USB-Sticks die ganze Sache unbegreiflicherweise auf sich nimmt, statt der neugierigen Lehrerin die Wahrheit zu erzählen, nämlich daß der Stick einem Gemeindemitglied gehört. Dies ist umso unverständlicher, als der eigentliche Besitzer, später endlich zur Rede gestellt, sich gar nicht mehr an seinen USB-Stick erinnern mag. Wieso solch brisantes Material überhaupt auf einem Stick gespeichert wird, wieso der Pfarrer den Stick nicht einfach in irgendeiner Schublade in der Kirche verschwinden läßt (sondern diesen nach Hause schleppt), wieso die Nachhilfelehrerin überhaupt einen Stick für ihr Unterrichtsmaterial benötigt (statt dieses per mail zu schicken), all dies bleibt rätselhaft und dient nur dazu, die arg konstruierte Story von einer Geisel im Pfarrerskeller ins Bild zu setzen.
Daß die anfangs noch pfiffig auftretende Janice Fife mit der Zeit immer unsympathischer wird und man ihr schon bald einen schnellen Tod im Keller gönnen würde, kalkuliert das Drehbuch dabei genauso ein wie die seltsam unbeholfen auftretende junge Journalistin, die sich zu keiner Zeit wie eine Journalistin benimmt und ohne Auftrag auf eigene Kosten um die halbe Welt zu einem verurteilten Mörder fliegt, der die lebensunerfahrene (um nicht zu sagen: strunzdumme) Beth für irgendwelche Spielchen benutzt.

Aber vielleicht sind diese Verwirrspielchen, die kaum nachvollziehbaren Verhaltensweisen, die Gimmicks (angefangen von nicht unüberwindbaren Spielzeug-Handschellen über einen nicht notwendigen, defekten Heizlüfter bis hin zu einem als eine Art MacGuffin fungierenden USB-Stick) und die Filmrollen (Pfarrer, Mörder, Pädophiler etc.) auch einfach nur eine bewußte Provokation, mit der Moffat sein Publikum gleichermaßen testen wie auch zu einem gewissen Grad verarschen will - wer weiß?
Fazit: für den kaum glaubwürdigen Plot von Inside Man, dieses filmischen Zwitters, der so recht weder in die Kategorien Drama, noch Komödie, noch Krimi passen will, und für dessen krude Szenarien das Drehbuch noch nicht einmal irgendeine Begründung liefert geschweige denn eine wenigstens zusammenhängende Geschichte zu erzählen vermag, sind trotz durchwegs passabler Darsteller-Leistungen beim besten Willen nur maximal 4 Punkte drin.

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