Es sollte ein Schritt in ein neues, besseres Leben werden, dieser Umzug in die Traumvilla in der Vorstadt - das jedenfalls hatte Dean Brannock (Bobby Cannavale) für seine vierköpfige Familie geplant, als er sämtliche Reserven inklusive eines neu aufgenommenen Kredits dafür aufwendete. Doch wie so oft entpuppt sich das neue Domizil als wesentlich weniger schön, wenn man erst einmal darin wohnt: zunächst sind da die höchst merkwürdigen Nachbarn, die ungefragt und uneingeladen auf Deans neuem Rasen herumspazieren und sich sogar im Speisenaufzug verstecken, was sie nonchalant mit einem Gewohnheitsrecht früherer Hausbesitzer begründen. Das alleine jedoch vermag den stets mit einem Lächeln die Wogen glättenden Geschäftsmann noch nicht aus der Fassung zu bringen - als dann aber auch noch merkwürdige Briefe auftauchen, deren Absender nicht zu eruieren ist, kommen die neuen Hausbesitzer ins Grübeln.
Denn die höflichen Briefe, die sich stets auf das schöne Haus beziehen, als wäre dieses eine eigenständige Persönlichkeit, enthalten zwischen den Zeilen stets diffuse Drohungen bezüglich eventuell geplanter Umbauten oder auch nur unspezifischer Veränderungen durch die neuen Bewohner.
Wer könnte dahinterstecken? Der örtliche Sheriff nimmt die Sache nicht so wichtig, verspricht aber zu helfen. Doch dies genügt vor allem Nora (Naomi Watts) nicht mehr, die sich langsam bedroht fühlt - so bekommt der junge Dakota (Henry Hunter Hall) den Auftrag, das ganze Haus mit Kameras auszustatten. Doch der junge Mann hat nebenbei ein Auge auf die pubertierende Tochter Ellie (Isabel Gravitt) geworfen, was dem gestrengen Papa Dean wiederum nicht recht ist, der seine Familie von einem Unbekannten bedroht sieht und schnell mal Hausarrest verhängt, an den sich die 16-Jährige freilich nicht hält.
Der Ärger wird auch nicht weniger, als Dean schließlich die nebenberufliche Privatdetektivin mit Krebsleiden Theodora Birch (Noma Dumezweni) einstellt, die zum Teil erschreckende Erkenntnisse über die Vorbesitzer herausfindet. Zu allem Überfluß giert auch Noras Freundin Karen Calhoun (Jennifer Coolidge), eine gerissene Immobilienmaklerin, nach dem neuen Zuhause der Brannocks - vielleicht wäre es ohnehin das Beste, die Villa wieder zu verkaufen?
"Nach einer wahren Begebenheit" steht meist für True-Crime-Reihen, doch The Watcher ist ein wenig besser als die entsprechenden, meist wenig spannenden, halbdokumentatorischen Serien aus dem Hause Netflix - hier nämlich haben sich das Regisseurs- und Co-Autorenduo Ian Brennan und Ryan Murphy einige künstlerische Freiheiten erlaubt, die diese Spukhaus-Geschichte ein wenig auflockern. Es ist vor allem ein etwas eigenartiger Humor, der in allen 7 der jeweils etwa 45-minütigen Episoden der Serie aufscheint und die wenig innovative Ausgangslage (verunsicherte Neulinge in einer vermeintlichen neuen Traumvilla, die sich bald als Alptraum herausstellt) interessanter macht - und dann natürlich das in allen Facetten ausgewalzte whodunit-Ratespiel, mit dem sich auch der Zuschauer schnell beschäftigt. Wer von den - übrigens grotesk überzeichneten - Nachbarn könnte die stets mit The Watcher unterzeichneten Briefe geschrieben haben, oder ist es vielleicht ein Außenstehender wie die Maklerin, ein vergrätzter Lehrer, der Sheriff selbst oder gar der junge Überwachungstechniker (wie Dean irgendwann vermutet) - oder am Ende dann ganz jemand anderes?
Leider - und das zählt zu den Schwachpunkten der Serie - wird am Schluß nicht aufgelöst, wer wirklich hinter den Briefen steckt. Zwar liefern die Drehbuchautoren jede Menge Hinweise und überschlagen sich vor allem in der 7. und letzten Folge geradezu an diversen Lösungsmöglichkeiten, die jede für sich Minuten später gleich wieder ad absurdum geführt werden, doch gerade am Ende, wenn alle (oder zumindest die meisten) Beteiligten einen zufriedenstellenden Weg gefunden haben, ist der titelgebende unbekannte Watcher immer noch da und die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Ob dies für eine 2. Staffel dieser zu Unrecht als Horror klassifizierten Serie (die insgesamt nur wenige Minuten typische Haunted-House-Attribute wie Telefonklingeln, laufendes Wasser und unheimliche Schatten etc. bietet) reicht, sei dahingestellt.
So bleibt aber immerhin zu konstatieren, daß The Watcher zumindest eine einigermaßen unterhaltsame Serie geworden ist, die vor allem durch ihre abgedrehten Filmcharaktäre - neben einer grundsätzlich vorherrschenden Spannung über die Identität des Briefeschreibers - lebt. Obgleich keiner der Darsteller, angefangen von Kontrollfreak Dean über die offenbar geistesgestörte Bäumeversteher-Nachbarin Pearl Winslow (Mia Farrow in einer Nebenrolle) bis hin zur rebellischen Tochter, die ihren Vater über Social-Media-Kanäle beruflich vernichtet, auch nur die geringsten Sympathien zu wecken vermag, macht es doch Vergnügen, dem streckenweise krassen Treiben zuzusehen: 6 Punkte.