„Jetzt geh‘ ich zum ABV!“
Das „Tatort“-Äquivalent der DDR, die Fernsehkrimireihe „Polizeiruf 110“, wurde auch in der Wendezeit, in der kurzen Phase der demokratisierten DDR vor ihrem Beitritt zur BRD, weiterproduziert, was die Episoden jenes Zeitraums besonders interessant macht. So auch die unter der Regie Peter Hagens („Feuerdrachen“) nach einem Drehbuch Regina Weickers Anfang 1990 entstandene, Ende 1989 spielende und am 06.01.1991 im DFF erstausgestrahlte „Zerstörte Hoffnung“ um juvenile Delinquenten, derer die Oberkommissare Jürgen Hübner (Jürgen Frohriep) in seinem 63. Fall und Lutz Zimmermann (Lutz Riemann) in seinem 25. und letzten Fall habhaft zu werden versuchen. Wie in der Reihe zu DDR-Zeiten üblich wird kein Handlungsort genannt, unverkennbar jedoch handelt es sich um Berlin.
„Dürfte ich vielleicht noch ein wenig zusehen? Das ist wie im Krimi hier!“
Alexander (Eduard Burza, „Mensch, mein Papa...!“), Schnalle (Thomas Lawinky, „Hass im Kopf“), Sioux (Oliver Goslicki, „Stein“), Sabine (Anja Kling, „Grüne Hochzeit“) und Grit (Alice Carpentier) treffen sich regelmäßig abends, um sich gemeinsam zu betrinken, zu randalieren und Münzfernsprecher zu knacken, aber auch, um einen Jugendclub aufzusuchen und dort abzuhängen. Bei Teilen der Clique führt dies zur Vernachlässigung der Schule oder der Lehre und zu Zoff mit den Eltern, z.B. bei Alex, der ein Auge auf Sabine geworfen hat und eifersüchtig reagiert, als sie mit Club-Türsteher Silvio (Thomas Mehlhorn, „Ein Mann wie eine Waffe“) flirtet. Aus Rache manipuliert er heimlich Silvios Moped, mit dem dieser verunglückt, als er den angehenden Konzertpianisten Karsten (Volker Ranisch, „Der Bruch“) als Sozius aufsitzen hat. Als Folge des Unfalls wird dieser nie wieder Klavier spielen können. Hübner und Zimmermann ermitteln im Jugendclub sowie im privaten wie beruflichen Umfeld der Clique, wodurch sie ihr langsam, aber sicher auf die Schliche kommen…
Was es eigentlich weder in der DDR noch in der BRD geben durfte, greift dieser „Polizeiruf“ auf: Jugendliche, die einen feuchten Kehricht auf die Gesellschaft geben, es lieber krachen lassen und Alkohol und Vandalismus frönen. Damit erweist sich diese Episode als geradezu visionär, indem sie der Perspektivlosigkeit und daraus folgenden Verrohung der Jugend in den 1990ern nach Ausschlachtung der DDR durch den BRD-Kapitalismus vorgreift. Lange Zeit fokussiert man hier die Clique, die man während ihrer unrühmlichen Aktivitäten, aber auch in Kommunikation mit ihren Erziehungsberechtigten zeigt: Alexanders Mutter (Renate von Wangenheim, „Familie Rechlin“) ist alleinerziehend und versucht ihn jeden Morgen aufs Neue verzweifelt, aus dem Bett und zur Lehrstelle zu kriegen, während er ihr die Schuld daran gibt, dass sein Vater abgehauen ist. Grit rebelliert gegen ihre systemtreuen Eltern (Renate Blume, „Der Prinz hinter den sieben Meeren“ und Jürgen Reuter, „Alfons Zitterbacke“) , die ihr den Kontakt zu Sabine untersagen wollen, welche wiederum Papis (Günter Schubert, „Looping“) kleiner Engel ist, der nichts Böses ahnend von seiner Tochter manipuliert und ausgenutzt wird, seit sich ihre Mutter nicht mehr im Haus befindet.
Bei der optischen Gestaltung der Clique orientierte man sich offensichtlich an damals aktuellen Subkulturen: Sabine wirkt bleichgeschminkt der Gothic-Szene zugeneigt, Sioux und Sabine sind Punks nachempfunden, der aufbrausende Schnalle tendiert mit kurzem Haar, Stiefeln und hochgekrempelter Hose offenbar zum Skinhead-Kult. In den Kinderzimmern hängen dennoch lediglich Poster von Silly und Tom Petty & The Heartbreakers und gehört wird sowohl im Club als auch privat seltsam langweilige Elektromucke, von der man anscheinend etwas ahnungslos glaubte, es handele sich um angesagte Jugendmusik. Die Unterschiede zwischen Normalo-Jugendlichen und sich zu Subkulturen hingezogen fühlenden Heranwachsenden waren den Filmemachern möglicherweise nicht ganz klar.
Nach dem schicksalhaften Unfall (der nicht für die Kamera inszeniert wurde, also offscreen stattfindet) schaltet sich schließlich verstärkt die Polizei ein. Sie klappert Lehrer und Lehrstellen ab, wodurch man eine Menge mehr über die Cliquenmitglieder erfährt – u.a., dass es sich um einen sehr diversen Haufen handelt, der fast ausschließlich zerrütteten Familien entstammt, in dem aber mitnichten jede(r) die Lehre schleifen lässt. Diese differenzierte Darstellung ist äußerst angenehm und beweist, dass man gewillt war, die Täter(innen) ernstzunehmen, statt lediglich Klischees als Reflektionsfläche für pädagogische und sozialistische Belehrungen zu entwerfen. Die Dialoge beinhalten auch nun möglich gewordene Kritik an allzu parteitreuen Mitbürgern und staatlicher Diskriminierung, beispielsweise wenn Hübner den Lehrern sinngemäß entgegnet, dass es möglich sein müsse, aufgrund seiner Fähigkeiten einen Beruf zu ergreifen, nicht nur aufgrund seiner Gesinnung. In die Verhöre der Delinquenten durch die Polizei bekommt man ebenfalls Einblicke. Zum einen erläutert die Polizei, wie man auf ihre Spur kam, zum anderen reagieren die Jugendlichen zunächst betont cool und überheblich, um sich schließlich doch gegenseitig in die Pfanne zu hauen. Ein Happy End gibt es bei alldem nicht.
Ein Ganter sorgt zudem für ein wenig Humor; das Verhältnis Sabines zu ihrem Vater wiederum mit Kuscheleinlagen und Küsschen auf den Mund mutet aus heutiger Sicht problematisch an, da man darauf konditioniert ist, so etwas als Indizien für sexuellen Missbrauch zu werten. Dies dürfte hier jedoch nicht so gemeint gewesen sein, da es diesbzgl. keine Zuspitzungen gibt und man diesen Aspekt gar nicht erst wieder aufgreift.
„Zerstörte Hoffnung“ ist, so hölzern er seitens der Jungmimen bisweilen auch gespielt sein mag, ein interessantes Dokument ostdeutscher Befindlichkeiten in einem bewegten, hochspannenden Zeitabschnitt, der die in ihn gesetzten Hoffnungen leider nicht erfüllen konnte – was dieser „Polizeiruf 110“ bereits zu ahnen scheint, sodass sein Titel doppeldeutig, weil nicht nur auf Karstens Schicksal bezogen, erscheint.