kurz angerissen*
Die Blaupause, die Wes Craven mit seinem Horrorklassiker "A Nightmare On Elm Street" schuf, erwies sich als reichhaltig genug, um im Laufe der Jahre sechs Fortsetzungen, ein Crossover und ein Remake mit ihr zu nähren. Dabei erkannte Craven ihre wahre Fülle bereits 1989, als er aus ihr gleich einen weiteren, einen Nicht-Freddy-Schocker modellierte, der unter gewissen Umständen ebenso einfach zur Reihe hätte geraten können. "Shocker", der Teenager-Schreck mit dem Elektro-Mann, orientiert sich nur allzu offensichtlich an der Rubberband-Reality aus den Teenager-Alpträumen mit dem Messerhandschuh-Mann, als dass man ihm einfach eine zufällige Ähnlichkeit unterstellen könnte. Nein, was Craven hier macht, ist bewusstes Arbeiten nach vorhandenen Konstruktionsplänen.
Dabei würde man "Shocker" nicht in seiner Gänze erfassen, stempelte man ihn als einfallslosen Freddy-Klon ab, der nach Nummer-Sicher-Fahrplan vorgeht. Der Reiz liegt ja schließlich gerade darin zu erleben, wie und in welchen Punkten der Meister von seiner bewährten Rezeptur abweichen würde. So lässt das Gesamtkonzept zwar in vielen Aspekten an die Markenzeichen der "Nightmare"-Serie denken. Das beginnt schon beim narrativen Aufbau und der Charakterisierung des Monsters, das in einer für Horrorfilm-Antagonisten ungewöhnlich intimen Eröffnung den Zuschauer daran teilhaben lässt, wie ein vergleichsweise gewöhnlicher Mann aus der unteren Mittelschicht (hier ein Hausmeister, dort ein TV-Techniker) durch seine ausgelebten Triebe zu etwas Unmenschlichem mutiert. Die Parallelen reichen hinein bis in die Bildkomposition bestimmter Szenen; wenn ein Zimmer mit blauem Licht geflutet wird, die weißen Vorhänge wehen und ein Mordopfer des Killers als blutbesudelte Geistererscheinung aus der Badewanne tritt, steht man bereits mit einem Bein in Freddys Twilight Zone.
Und doch begnügt sich Craven nicht mit der reinen Wiederholung, sondern bringt neue Elemente ein, die "Shocker" zu einem eigenständigen Erlebnis machen. Die Medienkritik ist beispielsweise ein permanenter Begleiter im Drehbuch (und bereitet so bereits gewisse Schwerpunkte aus der "Scream"-Reihe vor). Sie sorgt für ein selbstreferenzielles Verständnis der eigenen Materie und erlaubt es dem Regisseur insbesondere im Finale, völlig steil zu gehen und den konventionellen Weg klassischer Slasher-Filme durch die exzessive Nutzung phantastischer Elemente weit hinter sich zu lassen. Das Zapping durch die amerikanische Wohnzimmerunterhaltung der spätern 80er mag tricktechnisch schlecht gealtert sein, wirbelt Mitch Pileggi (der früher gerne punkig-fiese Rollen angenommen hat, bevor er als FBI-Direktor Skinner in "Akte X" einen völlig anderen Weg einschlug) doch wie ein Copy-and-Paste-Männchen begleitet von elektrischem Leuchten durch die Dimensionen und kabbelt sich mit einem torfnasigen Football-Jugendstar (Peter Berg), was die ganze Chose per se schon ins Komödiantische zerrt, weit mehr als der erste "Nightmare", der mit seinen infernalischen Heizungskellern, Blutfontänen und den Kratzgeräuschen von Metall auf Blech ungleich düsterer und ekliger ausfiel.
Natürlich kommt der Kabelmann trotz seiner Fähigkeiten im Leben nicht an die ikonische Strahlkraft des Pizzagesichts mit dem Ringelpulli heran, womit "Shocker" völlig zu Recht im Schatten seines Ursprungs geblieben ist. Andererseits ist es doch hochinteressant zu sehen, wie man erfolgreiche Rezepte zur Grundlage für experimentelle Neukreationen verwenden kann.
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