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„Delhi ist wie eine klaffende Wunde und wir sind nur ein winziges Pflaster.“
Der Dokumentarfilm des indischen Regisseurs Shaunak Sen gewann Preise beim Sundance Festival und in Cannes und war auch für den Oscar nominiert. Obgleich es vordergründig um die Rettung von Greifvögeln, insbesondere Schwarzmilanen geht, entpuppt sich das Werk als meditative Sinnierung über ökologische Veränderungen.

Indien, Neu-Delhi: Seit über 20 Jahren widmen sich die Brüder Mohammad und Nadeem der medizinischen Versorgung von Greifvögeln, deren Cousin Salik ist ihnen behilflich. In einem Keller haben sie ein provisorisches Krankenhaus eingerichtet, doch nun droht ihnen, der Geldhahn abgedreht zu werden. Anbei geben einige technische Hilfsmittel nach und nach ihren Geist auf…

Schwarzmilane sind glücklicherweise keine gefährdete Art, auch in Deutschland zeigt sich die Population mindestens stabil. Da Delhi allerdings die Stadt mit der weltweit schlechtesten Luft ist, fallen hier täglich Vögel vom Himmel, während sich der Rest zwangsläufig den äußeren Umständen anpassen musste. Etwa wie die Ratten, welche gleich in der ersten Einstellung in Scharen über den gräulichen Boden huschen, was auch gleich als Symbol für Enge und Überbevölkerung gedeutet werden kann.

Die Umgebungen schnüren dem Publikum wahrlich die Luft zu. In der Behausung der Protagonisten ist technischer Fortschritt ein Fremdwort, zuweilen fällt der Strom aus, nach einem Monsun bleiben Reste des Abwassers für längere Zeit und Delhi scheint dauerhaft unter einer Glocke von Smog zu stehen. Da gleicht es schon fast einem Wunder, dass die Idealisten immer wieder aufs Neue ihre Zeit den Tieren widmen und sich sogar in eiskalte Flüsse begeben, um einem flügelschlappen Milan zu helfen.

Leider erfährt man herzlich wenig über die drei Männer, obgleich diese hin und wieder über das Zusammenspiel von Mensch und Umwelt philosophieren. Man erhält zahlreiche Momentaufnahmen, viele davon wirken jedoch wie Füllmaterial. Demgegenüber bleibt der Informationsgehalt gering, zumal es keinen Erzähler im Off gibt und die drei nicht allzu mitteilungsbedürftig sind. Vielmehr lebt der Stoff von der leicht melancholischen Grundstimmung, unterstützt von einem sauber abgestimmten Score und der teils grandiosen Kameraarbeit. Dies ist primär bei Tieraufnahmen der Fall, die zuweilen recht geschickt angegangen werden, etwa, als im Hintergrund politische Unruhen in der Straße eingefangen werden und während des Zooms in den Vordergrund eine kriechende Schnecke erfasst wird.

Jedoch gestaltet sich das Unterfangen nie spannend, noch gibt es spektakuläre Entwicklungen zu vermelden. Zwar geben einige Philosophien Anlass zum Nachdenken, zumal viele Ansätze komplett nachvollziehbar sind, doch wirklich neue Erkenntnisse lassen sich kaum mitnehmen.
Wer sich von der Atmosphäre in Beschlag nehmen lässt, ist hier klar im Vorteil.
6 von 10

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