Mitgestaltet von Guillermo del Toro, der zu jeder Folge eine kurze Einleitung moderiert, handelt es sich bei „Cabinet of Curiosities“ um eine Anthologie, eine Sammlung phantastischer Episoden zwischen Horror und Fantasy. Skript und Regie fielen dabei an jeweils unterschiedliche Mitstreiter, die Vorlagen lieferten neben del Toro selbst u. a. Panos Cosmatos oder auch H. P. Lovecraft. Der Einfluss von Letzterem scheint dabei auch in manch anderer Folge mal durch.
Episode 1 – Lot 36 / Lager 36
Nick hat bei einer Auktion den Lagerraum eines Verstorbenen erstanden. Bei der Durchsicht fallen ihm ein paar Gegenstände in die Hände, die einen wertigen Eindruck machen und so landet er damit bei einem Interessenten, der bereit ist, einiges dafür auf den Tisch zu legen. Nick hat keine Ahnung, worauf er sich da einlässt.
In der Einführungsfolge bekommt es die unsympathische Hauptfigur mit allerlei Okkultem zu tun. Bis es aber dazu kommt, vergeht einiges an Zeit. Inszeniert von Guillermo Navarro nach einer Idee von del Toro braucht „Lot 36“ etwas lange, um Fahrt aufzunehmen. Zum Ende hin gibt’s dann aber doch etwas Horrorfutter, offensichtlich stand hier auch etwas Lovecraft Pate. Die Umwege über den Lagerbetreiber und eine Kundin dienen zwar der Ausschmückung, nehmen aber etwas zu viel Zeit in Anspruch.
Tim Blake Nelson spielt einen Protagonisten, den man nicht gern haben kann, leider plätschert es etwas dahin. Ist aber insgesamt okay und bietet mit den in die verschwindende Beleuchtung hineinragenden Gängen des Lagerkomplexes eine ansprechende Kulisse.
Episode 2 – Graveyard Rats / Friedhofsratten
Masson hat Schulden und so behilft er sich mit dem Plündern von Gräbern. Konkurrenz machen ihm dabei die unter dem Friedhof residierenden Ratten, die ihm manche Leiche quasi vor der Nase wegschnappen. Bei einem besonders lukrativen Exemplar nimmt Masson seinen Mut zusammen und folgt den Nagern in den Untergrund.
Basierend auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Henry Kuttner inszenierte Vincenco Natali diese Episode der Sammlung. David Hewlett gibt den Verzweifelten, der sich irgendwie aus seiner Schuldenfalle ziehen will. Masson ist dabei mindestens ambivalent, aber auch die anderen Figuren taugen nicht als Vorbilder. So passen sie in die finstere Szenerie, die trist und später auch recht dreckig und finster daherkommt. Massons Begegnungen unter Tage sind dabei optisch mal mehr (praktische Maske) bis okay (CGI) gelungen, manch schwarzer Witz lässt aber hier und da schmunzeln. Der Ekelfaktor liegt höher als bei der Vorgängerepisode, insbesondere wenn man mit dem erwähnten Getier nicht gerade per Du ist.
Insgesamt ist „Graveyard Rats“ ein kurzweiliger Beitrag zu del Toros Reihe mit manch gutem Effekt und einem schön finsteren Setting.
Episode 3 – The Autopsy / Die Autopsie
Mediziner Dr. Carl Winters ist für mehrere Autopsien bei Sheriff Craven angereist. Man kennt sich und so lässt sich der Arzt über die Hintergründe der Tode informieren, die sich nicht en détail erklären lassen. Also waltet Winters seines Amtes und entdeckt bei der Bearbeitung der Leichen manche Merkwürdigkeit.
Das Ganze basiert auf einer Kurzgeschichte von Michael Shea, inszeniert hat diesmal David Prior, der schon bei „The Empty Man“ (2020) Regie führte. Mit F. Murray Abraham ist die Episode auch prominent besetzt.
Das Duo aus Winters und den Sheriff wirkt sympathisch und so folgt man der Story gerne, die sich aufbaut und dann in die titelgebende Autospie mündet. Hier zieht man langsam die Zügel an, bis sich das Szenario in einer gar nicht mal ekelfreien Packung entlädt. Zwar ist das effektreich und optisch auch gekonnt in Szene gesetzt. Der sich hier verschiebende Fokus weg vom Mysteriösen lässt aber auch die Spannungskurve abflachen.
„The Autopsy“ startet mysteriös und baut sich auf, entlädt sich am Ende dann aber nicht in Suspense, sondern Effekt. Die Auflösung wirkt etwas generisch, bietet dabei aber manch deftiges Bild und unterm Strich ist der Beitrag eine schöne Gruselstunde.
Episode 4 – The Outside / Das Äußere
Stacey ist in ihrer Bank eine graue Maus, die aufgebrezelten Kolleginnen nehmen sie kaum wahr. Auch bei einer Weihnachtsfeier eckt sie an, bekommt aber eine Lotion geschenkt, die sie ansehnlicher machen soll. Doch nicht nur scheint sie diese absolut nicht zu vertragen, auch der Fernseher beginnt, mit ihr zu sprechen.
Kate Micucci gibt hier das „hässliche Entlein“, das gerne ein Schwan wäre. Das Verlangen nach Bestätigung in einer Umgebung, die rein auf's Äußerliche fixiert ist, nimmt natürlich besessene Züge an. Da kommt auch Staceys ebenso schrulliger Ehemann nicht gegen an. Optisch erinnert manches Bild an Terry Gilliams Stil, inhaltlich ist die Auseinandersetzung sowohl auf der Ebene der Satire, als auch auf der des Anprangerns von Rollenbildern oder -vorstellungen durchaus unterhaltsam. Allerdings ist die Ausgangssituation recht schnell sehr klar und wird etwas ausgewalzt, das Tempo ist generell eher gemächlich. Der Wahn und das Ende mit allessagender Mimik sind dafür wiederum gelungen.
Mit „The Outside“, der Titel ist der Episode Inneres, inszeniert Ana Lily Amirpour eine Satire über die Fixierung auf das Äußere, die eine Weile braucht, um in Fahrt zu kommen. Zum Ende hin zieht's dann zwar an, bleibt auf die gesamte Strecke für das Format dann aber etwas zu harmlos.
Episode 5 – Pickman's Model / Pickmans Modell
In „Pickman's Model“ macht der Maler Will Thurber die Bekanntschaft mit dem Künstlerkollegen Richard Pickman, dessen Werke ihn nachhaltig verstören. Basierend auf einer Kurzgeschichte von H. P. Lovecraft, von der das Drehbuch aber merklich abweicht, inszenierte Keith Thomas eine schön ausgestattete und mit Crispin Glover in der Rolle des Pickman sehenswert besetzte, aber dramaturgisch auch holprige Episode.
Die Optik ist dabei chic, das frühe zwanzigste Jahrhundert wurde stilistisch ansprechend eingefangen, die Sets sind schön ausgeleuchtet und die Figuren bewegen sich in ihnen entsprechend. Die Geschichte lebt, wie es bei Lovecraft mitunter vorkommt, mehr von dem, was sie mysteriös macht als von einem stringenten Handlungsfortgang.
So bleibt es ein atmosphärischer und mit meist ordentlichen (und auch mal blutigen) Effekten versehener Eintrag. Trotzdem muss man sich von der literarischen Vorlage lösen und bekommt selbst dann nur eine schwach ausgearbeitete Dramaturgie mitsamt unrunder Schreibe, was angesichts des Vorlagenautors doppelt schade ist.
Episode 6 – Dreams in the With House / Träume im Hexenhaus
Walter Gilman, der in Kindertagen seine Schwester nicht nur versterben, sondern auch als Geist verschwinden sah, ist seitdem von dem Gedanken besessen, sie wiederzusehen. Dafür opfert er alles und als er eines Tages von einem Fremden ein Elixier bekommt, das ihn tatsächlich kurz auf die andere Seite bringt, fasst er den Plan, seine Schwester zurückzuholen.
Und dann kommt auch noch ein gruseliges Haus, eine Hexe und ein nerviges Rattenvieh hinzu. Manche Zutat ist recht verlockend, spielt das Ganze doch auch überwiegend in den 30er Jahren und bietet somit ein schön altmodisches Ambiente. Mit Rupert Grint hat man auch einen passenden Darsteller verpflichtet und die Vorlage stammt ein weiteres mal von H. P. Lovecraft.
Davon findet man hier allerdings mal wieder nur Rudimentäres. In Ansätzen ist die Geschichte noch zu erkennen. Die Umschreibung durch Mika Watkins unter der Regie von Catherine Hardwicke lässt aber einiges weg, dampft es runter und letztlich entscheidet sich alles damit, ob man das hinnehmen kann. Unkenntnis ist hier ein Segen, andernfalls kann man eigentlich nur enttäuscht bis verärgert sein.
Dafür punktet „Dreams in the Witch House“ mit einer schönen Ausstattung, ist ansprechend gefilmt und birgt atmosphärischen Grusel. Die letzte Szene wirkt allerdings drangeklatscht, warum auch immer. Sicher bleibt die Frage, ob eine adäquate Umsetzung überhaupt möglich ist – doch dann sollte man es vielleicht einfach lassen.
Losgelöst davon mag die Episode zwar unterhalten, ein Überflieger bleibt der ersten Staffel von del Toros Serie aber immer noch verwehrt.
Episode 7 – The Viewing / Die Besichtigung
Vier Individuen mit unterschiedlichen Talenten werden von einem geheimnisvollen und wohlhabenden Mann in sein Haus eingeladen. Dort konsumiert man dies, spricht über das. Der Grund für ihr Erscheinen offenbart sich erst spät und birgt eine grausame Erfahrung.
Panos Cosmatos, der auch an der Story mitschrieb, inszenierte hier eine durchaus ansprechende Episode in del Toros Reigen des Phantastischen. Insbesondere optisch ist „The Viewing“ auffällig. Seien es die Lichteffekte, die Ausstattung der Räumlichkeiten in dem von Peter Wellers Charakter bewohnten Anwesen oder die meist gelungenen Effekte, die sich bei der titelgebenden Besichtigung Bahn brechen.
Das ist alles chic, schön retro (wir befinden uns im Jahr 1979), aber auch etwas gestreckt ob der langen Diskussionsrunde. Oder man taucht dabei in die sich so aufbauende Stimmung ein und ist von der Auflösung abseits der Optik unterwältigt. Geht beides, doch insgesamt ist das hier eine der besseren Episoden.
Durch ihre grobkörnige Präsentation und einer Prise kosmischen Grauens (Gruß an H. P.) schafft es „The Viewing“, einen überwiegend positiven Eindruck zu hinterlassen. Mit „The Autopsy“ bisher der sehenswerteste Beitrag.
Episode 8 - The Murmuring / Das Rauschen
Das Ornithologenehepaar Nancy und Edgar bewohnt anno 1951 für eine Forschungsreise über Strandläufer ein altes Haus am Wasser. Nach dem Verlust ihrer Tochter stürzen sie sich in die Arbeit, doch beginnt Nancy sich alsbald auch für die früheren Bewohner des Hauses zu interessieren, denn sie sieht und hört mysteriöse Dinge des Nachts.
Inszeniert von Jennifer Kent („The Babadook“, 2014) nach einer Geschichte von del Toro selbst bekommt man mit „The Murmuring“ als Abschlussepisode der ersten Staffel eine recht durchsichtige Geschichte präsentiert, die sich an oft gesehenen Versatzstücken abarbeitet. Audiovisuell ist das durchaus ansprechend und auch die Ausstattung, die wieder eine vergangene Epoche auf den Bildschirm bringt, ist stimmig.
Das Thema Traumabewältigung ist im Horrorgenre schon oft beackert worden und grundsätzlich bietet sich das auch an, nur ist hier recht schnell klar, wie und wohin die Geschichte läuft und endet. Somit ist die Stunde bei aller gelungenen Präsentation recht spannungsarm geraten. Dazu noch, dass Nancy mit ihrer Art zunehmend anstrengender wird, Hintergrund hin oder her.
Als Abschluss der ersten Staffel gehört „The Murmuring“ zu den schwächeren Folgen dieser insgesamt doch interessanten Anthologie. Die Episoden sind wechselhaft, bewegen sich aber in einem okayen Rahmen. Manche besser, manche weniger. Allen gemein ist eine professionelle Präsentation und so kann gerne eine zweite Staffel folgen. Vielleicht dann ohne den Rückgriff auf Vorlagen von Lovecraft, denn denen kann man hier scheinbar nicht gerecht werden. Auch hätten die meisten Episoden durchaus etwas kürzer ausfallen dürfen, wirken sie doch nicht frei von Redundanz, um auf ihre (vorgegebene?) Länge zu kommen.
Zugegeben, bei einem Namen wie del Toro (wenn auch nicht in ausführender Tätigkeit) hätte ich insgesamt etwas mehr erwartet und doch kann man dem Kabinett mal eine Chance geben.