Die erste TV-Serie (!) von Tim Burton (!) macht formal alles richtig: Die Ausstattung ist wunderbar (düster), die Musik von Danny Elfman angemessen stimmungsvoll, die Inszenierung ist solide (wenn auch „Burton light“) und die Besetzung ist exzellent. Sieht man mal davon ab, dass Jenny Ortega keine zweite Christina Ricci ist und hier mit ihrer permanenten Aubrey Plaza-Schnute einfach eine Masterclass in Underacting hinlegt, kann man sich mit der neuen Wednesday gut anfreunden. Darüber hinaus hat man nun endlich die Verschönerung von Gomez Addams aus den Vorgängerumsetzungen korrigiert und Luis Guzmán in der Rolle besetzt – und zwar so verunstaltet, dass er seinem gezeichneten Ebenbild bis aufs Schnurrbarthaar gleicht. In den erwachsenen Nebenrollen glänzen Gwendoline Chrstie (GAME OF THRONES), Riki Lindholme (eine Hälfte des Comedy-Duos Garfunkel & Oates) und Christina Ricci in einer Gastrolle.
Dennoch dürften Fans der alten Filme und auch der Cartoonvorlage massiv enttäuscht sein. Denn WEDNESDAY 2022 markiert einen neuen Meilenstein in der Harrypotterisierung der Unterhaltungsindustrie. Die Parallelen zu Rowlings Zauberlehrling sind so offensichtlich, dass sie selbst Muggels im Dunkeln erkennen würden: Wednesday wird auf eine Schule für „Outcasts“ geschickt („Hogwarts“ heißt hier „Nevermore“, könnte aber genausogut „Professor Poe’s School for Gifted Youngsters“ heißen), in der Stadt leben die „Normies“, die den Outcasts (vor allem Werwölfe, Gargoyles und Sirenen) eher feindselig gegenüberstehen. Auch Wednesday hat zu allem Überfluss übersinnliche Fähigkeiten (Visionen wie sie im Drehbuche stehen, inklusive kurzem Blackout und Augenrollen), dazu gibt es ein Monster und eine Reihe Mordfälle, die Hobbydetektivin Wednesday aufklären muss.
Im Grunde hat man hier also eine beliebte und bekannte Figur von etwas abseits des Mainstreams in bekannte Schemata gepresst und damit vollkommerzialisiert – Tiktoktrendtanz und Metakommentare („I find social media to be a soul-sucking void of meaningless affirmation.“) inklusive. Zum Glück sind einige der Dialogzeilen noch immer schön böse, auf Dauer verkommen jedoch auch diese zur Pose („I don't bury hatchets. I sharpen them.“).
Fazit: WEDNESDAY ist eine schöne kurzweilige Fantasyserie, die man vielleicht am besten dazu nutzen kann, um den eigenen Nachwuchs von Harry Potter & Co. auf etwas düstere Stoffe einzustimmen. An den Witz, den Charme, die Bösartigkeit und den (visuellen) Einfallsreichtum von Serien wie A SERIES OF UNFORTUNATE EVENTS oder den Filmen THE ADDAMS FAMILY sowie vor allem ADDAMS FAMILY VALUES (alles von Barry Sonnenfeld) reicht sie leider nicht heran.