Wednesday Addams hat's zu weit getrieben. Nach einer Racheaktion an ihrer Schule verfrachten sie die Eltern an die Nevermore Academy. Hier tummeln sich nicht nur Wesen wie Werwölfe und Vampire, auch macht eine Mordserie die Gegend unsicher.
Ich schätze die beiden Addams Family Filme von Barry Sonnenfeld sehr, auch die Serie aus den 1960er Jahren ist spaßig, generell macht die morbide Sippe mit ihrer grufteligen Art Freude. Dass Fanliebling Wednesday eine eigene Serie erhält, ließ daher aufhorchen; der Name Tim Burton hinterließ eher ein ambivalentes Gefühl. War Burton mal ein Garant für abseitig-schrägen Spaß, ist darauf schon seit einiger Zeit nicht mehr Verlass.
Im vorliegenden Fall hat Burton bei den ersten vier Folgen Regie geführt ist auch in produzierender Weise eingebunden. Die erste Staffel mit ihren acht Folgen, in der die Schülerin nun meist losgelöst von ihrer Familie unterwegs ist, sehe ich als überwiegend gelungen. Wdnesdays morbide Art, die soziopathische Ader und der optisch-modische sehr ansprechende Stil sind doch faszinierend und ehrfurchtgebietend auf gleiche Weise. Ihre Darstellung orientiert sich dabei merklich an den etablierten Verhaltensweisen und diese sorgen für manch skurrile und doch sympathische Aktion. Jenna Ortega ist hinreißend in der Rolle, da hat die Castingabteilung einen richtigen Treffer gelandet. Ortegas Spiel ist dabei essentiell für das Gelingen und sie liefert ab. Stoisch und auf ihre Weise knuffig bleibt Wednesday ihrer Art treu. Und sie blinzelt doch, wenn auch sehr selten.
Luis Guzman als Gomez sieht der Ursprungsversion aus Charles Addams' Comics durchaus ähnlich und kommt wie es zur Figur passt, sympathisch rüber. Catherine Zeta-Jones als Morticia ist immerhin okay, da wollte der Funke nicht so recht überspringen. Gerne mehr gesehen hätte ich von Fred Armisen als Onkel Fester. Allerdings bekommt die Familie als Nebencharakter nur sehr wenig Zeit vor der Kamera, was bei der Ausrichtung der Serie auch nachvollziehbar ist.
Prominenter wird da das jugendlich wirkende Ensemble an der Schule und drumherum ins Bild gesetzt, allen voran Wednesdays Mitbewohnerin Enid, gespielt von Emma Myers, die so ziemlich das Gegenteil der in schwarz Gekleideten verkörpert. Das sorgt für eine interessante Dynamik und birgt komödiantisches Potential.
Die Film-Wednesday in Gestalt von Christina Ricci hat ebenso Auftritte als Marilyn Thornhill, was ein netter Fanservice ist. Gleiches gilt für Eiskaltes Händchen, das hier als Sidekick fungiert und wie niedlich ist es bitte mit seinem kleinen Partyhütchen?
Gwendoline Christie als Schulleiterin bleibt trotz mancher Präsenz merkwürdig blass, das trifft allerdings auf einige Figuren zu. Der Rest bleibt Beiwerk mit wechselndem Unterhaltungswert.
Die Serie bringt etwas mehr übernatürliche Elemente und Figuren ins Spiel, webt die üblichen High School-Motive mit ein und richtet sich wohl eher an eine jugendliche Zielgruppe. Da allerdings der Wednesday innewohnende Hang zu sarkastischen Sprüchen herübergerettet wurde, holt man auch ganz gut alte Fans ab. Sofern man sich auf das Szenario einlassen und darüber hinwegsehen kann, dass die Hauptfigur gerade zum Ende hin etwas mehr aufweicht, als es nötig ist.
Das Ganze spielt zwar in einer und um eine Schule, aber vom Unterricht sieht man so gut wie nichts. Was lernen die da eigentlich? Die Serie interessiert sich nicht dafür, lässt die Protagonistin lieber die immer gleichen Sets abklappern und schickt sie von A nach B und später wieder nach A. Immerhin sind die Bauten gelungen, das generelle Produktionsdesign ebenso und so kann man diese Redundanz wohlwollend übersehen.
Der Fall, dem Wednesday nachgeht, ist soweit okay, verzettelt sich aber in seinen Fährten und gerade in den späteren Folgen der Staffel kommt da der Verdacht auf, dass man es mit dem Hakenschlagen doch etwas zu gut gemeint hat. Thematisch gibt's neben dem Monsterplot noch die erwartbaren Zutaten. Ein bisschen Coming of Age, Abnabelung von den Erzeugern, Liebeleien, Teeniekram. Es ist offensichtlich, wo hier die Hauptzielgruppe verortet wurde.
Die Monster wirken eher comichaft denn realistisch (und nicht mal schön designt) und mildern den dem Szenario innewohnenden Gruselfaktor ziemlich ab. Auch wird der Konflikt zwischen den „Outcasts“ und den „Normies“ nur oberflächlich beleuchtet. Mag mag sich nicht, fertig.
Insgesamt kommt die Serie nicht ganz an das Gefühl der beiden eingangs erwähnten Filme ran, dazu ist das hier zu sehr Teenie-Dramedy und zu wenig „Addams Family“, aber es hat trotzdem seinen Reiz. Die Serie weiß, warum sie die titelgebende Figur permanent in den Mittelpunkt stellt, denn die junge Dame bzw. Ortega muss das ganze Ding hier tragen. Das gelingt überwiegend und ließe man sie aus dieser Gleichung raus, wäre das hier eine recht uninteressante Angelegenheit geworden. Löst man sich von der nicht so recht fesselnden Haupthandlung und lebt in den vielen launigen Momenten, kann man hier richtig Spaß haben.
Trotz der offensichtlichen Zielgruppe und der merklich darauf hingestrickten Inszenierung und mancher Redundanz sowie Streckung auf den letzten Metern ist die erste Staffel ausreichend unterhaltsam. Nicht mehr so schwarz wie gewohnt, aber immer noch dunkel und witzig genug und mit Potential für mehr.