Diese Review enthält Spoiler und eine Trigger-Warnung.
Zwei stilisierte vergoldete nackte Frauen, knieend, die Oberkörper nach hinten gebogen und die Hände hinter den Köpfen verschränkt, die auf ihren Ellenbogen eine „unzerbrechliche“ Glasplatte balancieren – wer könnte zu diesem Kaffeetischdesign schon Nein sagen? Definitiv die resolute Maria, die gerade mit ihrem Neugeborenen und ihrem Ehemann Jesus im Möbelgeschäft von einem windigen Verkäufer beschwatzt wird. Da Maria bereits alle anderen Dinge von der Hochzeit bis zur sonstigen Wohnungseinrichtung bestimmen durfte, setzt Jesus sich durch und kauft den Tisch. Eine folgenschwere Entscheidung.
Die ersten zwanzig Minuten von Caye Casas Film könnten genausogut aus einer der bösen Satiren von Álex de la Iglesia stammen. Die zeternde Frau, der Mann, der alles richtig machen will, dazu noch ein erpresserisches Teeniemädchen, das sich in Jesus verschossen hat – allesamt Elemente einer bissigen Gesellschaftskomödie. Bis das Unglück geschieht. Und zwar nicht nur irgendein Unglück, sondern das Undenkbare, der schlimmste Alptraum aller Eltern.
Casas lässt den Vorfall glücklicherweise im Off geschehen, konfrontiert uns nur mit den Scherben der „unzerbrechlichen“ Tischplatte, mit dem blutigen Teppich und den Blutspritzern auf dem Plüschtier. Und mit dem ins Mark erschütterten Jesus, dessen Frau nur kurz fürs Abendessen einkaufen war und der nun mit dieser unvorstellbar schrecklichen Situation umgehen muss. Die folgende Stunde ist eine Tortur für Jesus und für uns, die wir mit ihm leiden, das Unheil verbergen, aber doch gestehen müssen.
Dabei geht das Leben weiter, der Bruder und seine Freundin kommen zu Besuch, die Nachbarstochter nervt, der Verkäufer bringt – zu spät! – die alles stabilisierende fehlende Schraube, es ist eine Farce, doch wir haben keinerlei Nerv für all das. Das ist auch das große Problem des Films: Der komödiantische Ton geht schlichtweg nicht zusammen mit dem, was vorher geschah und seitdem im Raum steht. THE COFFEE TABLE ist DER VORNAME mit einem toten Baby im Nebenzimmer.
Man muss schon sehr abgehärtet sein, um irgendetwas hier witzig zu finden, es braucht allein schon starke Nerven, den Film bis zu seinem konsequenten Ende durchzuhalten. Regisseur und Co-Autor Casas wollte bewusst eine emotionale Erfahrung schaffen, die man nicht vergisst. Das ist ihm gelungen. Ein wirklich guter Film ist THE COFFEE TABLE allerdings nicht geworden, dafür ist die Inszenierung nicht pointiert und sind die Charaktere nicht sympathisch genug. Hier hat man nur Mitgefühl mit dem armen Kind.
Der türkische Regisseur Can Evrenol (BASKIN, SAYARA) hat bereits ein Remake abgedreht, bei dem zu befürchten ist, dass es sich im Gegensatz zum Original in blutigen Details suhlt. Aber wenn THE (SPANISH) COFFEE TABLE eine Stärke hat, dann ist es gerade seine psychologische Grausamkeit. Und die wird durch explizite Splattereffekte nicht zu toppen sein.