Nach einer fröhlich-grellen Nacht wacht Daniele (Federico Cesari) am nächsten Tag in einem Klinik-Bett auf. Er kann sich nicht erinnern, wie er hierher gekommen ist, doch wird ihm schnell klargemacht, daß er hier nicht so einfach hinausspazieren kann. Denn er befindet sich jetzt in einer Nervenheilanstalt, in die er, wie er staunend vernimmt, auf Wunsch seiner Familie eingeliefert wurde. Eine ganze Woche soll er dort bleiben, um sich, euphemistisch ausgedrückt, zu entspannen. Das Zimmer teilt er mit 4 weiteren männlichen Insassen, und an die Regeln muß er sich auch erst einmal gewöhnen: telefonieren nur einmal pro Tag auf Ansuchen bei den Pflegern (Handys gibts dort keine), detto rauchen und ansonsten bleibt nur sich mit sich selbst und den anderen zu beschäftigen.
Die anderen Zimmergenossen aber sind in Danieles Wahrnehmung zunächst "Verrückte", mit denen er eigentlich nichts zu tun hat (und haben will), da sich der junge Römer als "geistig gesund" und seine Einweisung eher als Mißverständnis betrachtet. Als er dann erstmals seine Eltern anrufen darf und ihm seine über den Anruf wenig erfreute Schwester mitteilt, daß seine Mutter gerade nicht zu sprechen sei, dämmert es dem 20-Jährigen langsam: er war am Vorabend ausgerastet, nicht zum ersten Mal übrigens, und hatte dabei seinen Vater niedergeschlagen. Der mußte daraufhin ins Spital und die Familie beschloß, den aggressiven jungen Mann vorerst in die Psychiatrie einweisen zu lassen. Entsprechend frostig verläuft dann auch der Besuch seines älteren Bruders, eines Polizisten, der ihm Klamotten vorbeibringt. Daniele erkennt, daß er gravierende Fehler gemacht hat und fängt an, sein Verhalten zu bereuen. Doch er kann sich nicht aktiv entschuldigen, da keiner aus seiner Familie mit ihm sprechen will - vorerst.
So beginnt er wohl oder übel, mit seinen Zimmerkollegen zu kommunizieren. Ein älterer Patient, Mario (Andrea Pennacchi), ist sein erster Ansprechpartner. Freundlich und ruhig spricht der ehemalige Lehrer mit ihm, und Daniele hört erstmals einem anderen Menschen aufmerksam zu und versucht, das Gehörte zu verarbeiten und Schlüsse für sich selbst daraus zu ziehen. Nachts jedoch findet er keinen Schlaf, da ebenjener Mario von lautstarken Alpträumen seiner Vergangenheit geplagt wird - an die er sich bei Tageslicht nicht erinnern kann. So muß Daniele lernen, mit den Umständen zurechtzukommen - und hört von jedem der 4 anderen Patienten (später kommt noch ein 5. hinzu) deren jeweilige Geschichte. Keine ist frei von Widersprüchen, doch die unbedingte Ehrlichkeit und Offenheit, mit der sie vorgetragen werden, beeindrucken Daniele zutiefst. Langsam und unmerklich entwickelt sich zwischen den 6 Männern eine Verbundenheit, wie sie Daniele noch nie zuvor erlebt hat.
Erst als im gegenüberliegenden Trakt bei den weiblichen Patienten die junge Nina (Fotinì Peluso) eingeliefert wird, läßt sich Daniele, der Nina von früher aus der Schule kennt, etwas ablenken - mit weitreichenden Folgen...
Von der Ausgangslage her mag man sich bei der italienischen Produktion Tutto chiede salvezza (englischer Titel: Everything Calls for Salvation) ein wenig an Jack Nicholsons 1975er Glanzrolle in Miloš Formans Einer flog über das Kuckucksnest erinnert fühlen, doch spielt in Regisseur Francesco Brunis 2022er Werk nicht eine brutale Anstaltsleitung den Gegenpart zum Hauptdarsteller, sondern steht vielmehr dessen eigene wunderbare Läuterung im Vordergrund, im Verlauf derer er in seinen zunächst verachteten Zimmergenossen die wertvollsten Menschen entdeckt, die er je kennengelernt hatte.
In den 7 Episoden, welche jeweils einen Wochentag in der psychiatrischen Anstalt beleuchten, lernt Daniele - und mit ihm aus seiner Perspektive der Zuschauer - wohl mehr über das Leben, als er in seinem ganzen vorherigen Dasein gelernt hatte.
Die Erkenntnis des Neuankömmlings, daß jeder Mensch einen wertvollen Beitrag zu einer Gemeinschaft leisten kann, ganz egal, wie alt er ist oder wie ihn die Gesellschaft ansieht, machen Tutto chiede salvezza zu einem höchst sehenswerten Film, in dem es an allen Ecken und Enden menschelt. Denn ein jeder hat sein Schärflein zu tragen, sei es ein Lehrer, der seine Frau umbringen wollte und heute stundenlang einen vor dem Fenster nistenden Vogel wohlwollend beobachtet, oder ein volltätowierter Kleiderschrank wie Giorgio (Lorenzo Renzi) mit einem kindlichen Gemüt. Der schreckhafte Madonnina (Vincenzo Nemolato), so genannt weil er stets die Madonna zitiert, wenn er eine Zigarette schnorren will, gehört genauso dazu wie Gianluca (Vincenzo Crea), Sproß eines hohen Militärs, der seinen schwulen Sohn zutiefst verachtet. Selbst ein Wachkoma-Patient, über den man nur aus den Erzählungen seines ihn besuchenden Vaters etwas erfährt, wird integriert in diese ungewöhnliche und doch so starke Gemeinschaft.
Dies gilt übrigens auch für die von ihrer Mutter gepushte Youtube-Influencerin Nina, der bisher nur äußerliche Werte wichtig waren bis hin zu einer Liaison mit einem wesentlich älteren Produzenten, der ihre Karriere befördern sollte, was in einem - zunächst schamhaft verschwiegenen - Suizid-Versuch gipfelte. Dazwischen erleben wir teils mitfühlende, teils ignorante Ärzte und Pfleger, die ihre ganz eigene Auffassung von der Behandlung der Patienten haben - fast wie im richtigen Leben?
Für die Kämpfer, für die Verrückten ist ein bewegendes, jedoch nie jammervolles oder anklagendes Drama, das mit einigen humorvollen Einlagen zwischendurch auch entspannende Momente bereithält, die Handlung und die Situation des Einzelnen wie auch des Kollektivs selbst nie idealisiert, sondern mit einem tragischen Ereignis auch für Tiefgang sorgt. Am Ende steht ein kleiner Hoffnungsschimmer für Daniele, dessen Leben sich durch die 7 Tage in der Psychiatrie entscheidend geändert hat. Tutto chiede salvezza - eine kleine Perle, in jedem Fall aber genreübergreifend eine Empfehlung: 8 Punkte.