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Lehrreich dürften die Erfahrungen gewesen sein, die Bill Rebane mit seinem allerersten Langspielfilm „Monster A-Go Go“ gemacht hatte. Gelernt hatte er, dass sich jede noch so ambitionierte Vision in ihre Bestandteile auflöst, wenn mitten in der Produktion auf einmal der Geldhahn versiegt. Was als wissenschaftlich angehauchte SciFi-Mystery gedacht war, endete als völlig verkorkste Skurrilität, notdürftig reanimiert mit den Sparschwein-Innereien von Gore-König Herschell Gordon Lewis, verdammt zu einem untoten Mitternachts-Dasein im Drive-In. Die Moral kann am Ende nur gelautet haben: Beim nächsten Mal machen wir alles genau andersherum.

Und tatsächlich – „Invasion aus der Tiefe“ liest sich wie eine Invertierung von Rebanes erstem Regieversuch. Das „Outer Space“, das der Science Fiction seit jeher als Kanon dient, wird zum „Inner Earth“ verdreht, bei dem die außerirdische Gefahr nicht aus dem Weltall, sondern aus dem Inneren der Erde kommt. Dieser Kniff wird zwar in einer bedeutungsschwangeren Erklärungsszene gegen Ende wie ein Plottwist verkauft, ist aber schon recht früh offensichtlich. Im Grunde reicht ein Blick auf den Originaltitel.

Ferner wagt Rebane erstmals den dimensionalen Sprung vom Schwarzweiß- in den Farbfilm. Willkommen in den technisch überlegenen Siebzigern! Vor allem aber, und das dürfte hohe Priorität genossen haben: Es gibt diesmal eine in sich geschlossene Narration. Eine ungestörte Vision. Nur ein Regisseur, der das Drehbuch aus der Feder seiner eigenen Frau abfilmt. Lediglich die Wälder von Wisconsin sind immer noch mehr oder weniger dieselben… sieht man mal vom Schnee-Topping ab. Denn diesmal nehmen wir die Perspektive einer Gruppe von Hubschrauberpiloten ein, die im mittleren Westen Amerikas abgeschieden von der Zivilisation recht unsanft darauf aufmerksam gemacht werden, was in der restlichen Welt gerade den Seelenfrieden stört, während sie ihre Transportflüge machen…

Im Geiste ist Rebane ganz offensichtlich immer noch den B-Movies der 50er verschrieben, jeglicher Chic dieser Zeit wurde allerdings mit dem Schwarzweiß-Korsett abgestreift. Die Blockhütte in den verschneiten Wäldern, die sich alsbald zum zentralen Setpiece aufschwingt, erlaubt erst gar keine konkreten Bezüge zum Zeitgeist. Weder können sich hier Badegäste am Strand sonnen noch finden sich dort junge Menschen zusammen, um den Twist zu tanzen. Gewissermaßen erlaubt das Ambiente sogar einen Ausblick auf die weitere Zukunft des Genrefilms; die weiße Landschaft mit ihren Schneemobilen und hochgewachsenen Tannen erinnert an Low-Budget-Reißer wie „Demon Possessed“ (aka „The Chill Factor“, 1993) oder „Ghostkeeper“ (1981), einer der Darsteller könnte mit seinem wallenden Haar und rot schimmernden Vollbart als Schmalspurversion des jungen Kurt Russell aus „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1982) durchgehen.

Handfestere Genre-Referenzen lassen sich wiederum im Soundtrack festmachen: Beim Main Theme, das vor allem immer dann erklingt, wenn Helikopter in der Luft oder Schneemobile im Wald für etwas Action (im Sinne von Bewegung) sorgen, handelt es sich nämlich um eine äußerst dreiste Jukebox-Kopie von Ennio Morricones legendärem Score zu „Zwei glorreiche Halunken“. Mit Blick auf die Eiswüste soll sie die Hüttengaudi wohl zu etwas vergleichbar Epischem wie Sergio Leones Klassiker aufblasen, in Wirklichkeit schafft sie es aber, Morricone eine komödiantische Seite abzugewinnen.

Abseits der wenigen Sequenzen mit motorisierter Antriebshilfe ist „Invasion aus der Tiefe“ leider eher ein Nordic-Walking-Film, wenn überhaupt. Es wird viel durch die Wildnis spaziert und noch mehr in der Hütte herumgesessen. Erzählerische Konsistenz in allen Ehren, aber die völlige Abstinenz von allem visuell Ungewöhnlichen sperrt jegliches Vergnügen aus. Wie spannend kann es schon sein, ein paar Piloten dabei zuzuschauen, wie sie mit müdem Blick über Vorgänge spekulieren, von denen sie mehr gehört als mit eigenem Auge gesehen haben? Der Hitchcock-Ansatz, die Bedrohung im Unsichtbaren zu lassen, kann angesichts des mangelnden Budgets zwar als kluger Schachzug bezeichnet werden, da Rebane mit etwas inszenatorischem Geschick nun der Weg offenstünde, eine große Geschichte mit geringen Mitteln zu erzählen. Diese Strategie hat vorher auch schon ein Ray Milland mit „Panik im Jahre Null“ ausprobiert. Etwaiges Geschick allerdings ist, weit mehr noch als bei Milland, völlig abstinent. In Sachen Schnitt, Regie, Dialog- und Schauspielführung herrscht dermaßen viel Passivität, dass auch der Subtext nicht viel mehr über die Ereignisse hergibt als die Bilder. Und an diesem Punkt wird der Film zur Geduldsprobe für den Zuschauer, welcher das Gefühl vermittelt bekommt, mit zwei gebrochenen Beinen im Winterurlaub zu sitzen und eigentlich bloß wieder nach Hause zu wollen.

Zu Rebanes Ehrenrettung sei gesagt, dass zumindest seine offensichtliche Faszination für Kommunikationsstrukturen und -Technologien aller Art teilweise durchscheint und nachzuempfinden ist. Schon „Monster A-Go Go“ wies ein gewisses Interesse dafür auf, wie Informationen zwischen Wissenschaft, Polizei, Militär und Bürgerschaft hin- und hergeschoben wurden. Diesmal stehen Funk und Radioübertragungen im Fokus. Obwohl oder gerade weil Sender und Empfänger immer nur auf einer Seite gezeigt werden, nämlich derjenigen mit den Fragezeichen über dem Kopf, entsteht so ein gewisser Suspense, der das gewählte Konzept greifbar macht. Abseits jeglicher Bewertungskriterien allerdings befindet sich die allerletzte Szene, ein religiös aufgeladener Bruch mit dem eher wissenschaftlich motivierten Aufbau bis zu diesem Punkt, der als letztes Enthüllungsmoment seine Wirkung nicht verfehlt, wie auch immer diese ausfallen mag.

Das hilft aber alles nichts, wenn das Gesamtergebnis so gnadenlos langweilt. Mit „Invasion aus der Tiefe“ scheitert Bill Rebane aus völlig anderen Gründen als bei seinem ersten Versuch, aber er scheitert fast ebenso krachend. Es ist ein Film für gemütliche Spaziergänger, die auch dann nichts anderes als einen gemütlichen Spaziergang erleben wollen, wenn sie einen Science-Fiction-Film einschalten. Doch wenigstens war dem Regisseur hiermit erstmals die Realisation einer eigenen Vision vergönnt.

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