Review

Okkultismus, Kirchenmotive, übersinnliche Dämonenerscheinungen, ein sechsjähriges Kind mit einer besonderen Gabe beziehungsweise einem Fluch, eine teuflische Babysitterin... ein Schelm, wer da an das „Omen“ denkt.
Thematisch sicherlich am Grandmaster des Okkult-Horrors angelehnt, bewegt sich „Die Prophezeiung“ jenseits von Richard Donners Genrereferenz, ja nicht einmal in den Sphären der Zeitgenossen „End of Days“ oder „Die neun Pforten“, geschweige denn „Im Auftrag des Teufels“. Chuck Russells Millenniumsbeitrag verhält sich wie die gerade Linie eines Pulsmeßgerätes bei einem Toten. Kein Spannungsaufbau, keine Mystik, weder physischer noch psychischer Horror... ein Armutszeugnis bei den Anforderungen, die das Genre mit sich trägt.

Der größte Fehler, den ein Horrorfilm begehen kann, ist es, den Zuschauer die gesamte Laufzeit über cool bleiben zu lassen. Als Paradebeispiel dafür ist der effektetechnisch wegweisende, aber atmosphärisch unglaublich emotionslose „Das Geisterschloss“ von Jan de Bont in die Filmgeschichte eingegangen. „Die Prophezeiung“ will da nicht hintenanstehen und kommt ähnlich ineffektiv daher. Ziel verfehlt, setzen, sechs.

Apropos sechs. Die Wurzel der Geschichte ist ein sechsjähriges Kind, die Zahl des Teufels ist es auch. Beileibe nicht die einzige, aber zunächst einmal die entscheidende Parallele zum „Omen“, dreht sich hier doch alles um ein verlorenes Kind, dem von früh an Autismus attestiert wird; natürlich nur von den weltlichen Ärzten, die die dahinterstehende Mystik nicht anders erklären können. So sagt eine vollkommen Fremde in der U-Bahn zu Kim Basinger (sinngemäß): „Es ist nicht wichtig, ob Sie gläubig sind oder nicht. Das ist ihm egal.“ Soll heißen, man kann noch so sehr versuchen, die unheimlichen Vorkommnisse mit Rationalität aufzuklären, letztendlich gibt es auch noch eine Welt hinter der sichtbaren.
Und diese wird scheinbar durch die Abstrakta Gut und Böse gelenkt. Später wird Rufus Sewell nicht direkt als Teufel, doch aber als Gestalt mit allen Charakteristika des Teufels ins Spiel gebracht, denn er ist die Gestalt, die das Kind auf die dunkle Seite ziehen will.
Vorerst werden uns aber in der erklärenden Ausgangssituation die Bestandteile der Geschichte erklärt. Maggie (Kim Basinger) ist die Hauptfigur, eine offensichtlich selbstlose, alleinlebende Krankenschwester. Eines Tages steht plötzlich ihre drogenabhängige Schwester mit einem Baby vor der Tür. Trotz herzlicher Aufnahme verschwindet ihre Schwester plötzlich mit etwas Geld aus der Wohnung und lässt das Kind bei Maggie.
Sechs Jahre später taucht sie plötzlich wieder auf – mit ihrem neuen Mann, Eric Stark (Rufus Sewell), der eine dubiose Organisation führt. Es stellt sich heraus, dass dieser Eric Stark es aus irgendwelchen Gründen auf die kleine Cody abgesehen hat, die Maggies Schwester vor sechs Jahren bei ihr abgestoßen hat.

Der emotionale Höhepunkt der Geschichte hatte in dieser Einleitung bereits ihren Einstand. Der anfängliche Kampf um das Sorgerecht gestaltet sich beinahe spannender als der gesamte weitere Filmverlauf, was ziemlich tragisch ist, weil das nur eine Herleitung für die eigentliche Okkultismus-Story ist.
Die wird nur schleppend in Gang gebracht, was sicherlich – das muss man dem Film zugute halten - im Genre so üblich ist. Russell arbeitet verstärkt mit ominösen Vorzeichen. Eine Teufelsfigur aus Stein vor Maggies Fenster, das sich selbst drehende Spielzeugauto, der sich selbst aufwirbelnde Schnee einer Schneekugel. In dem gut gemeinten Versuch, all diese Einstreuungen möglichst latent erscheinen zu lassen, gelingt es der Szenerie nie, den Zuschauer in die geheimnisvollen Vorkommnisse eintauchen zu lassen. Während man die Szenen sieht, denkt man beinahe über das Handwerk, über die Kulissen des Films nach. Man verfolgt die Gedankengänge des Regisseurs und hinterfragt, wieso er was nun wie inszeniert und welchen Effekt das beim Zuschauer hervorrufen soll. Das kann nur deshalb geschehen, weil man emotional vollkommen unberührt bleibt und das Gehirn die Gelegenheit bekommt, nachzudenken. Zu keiner Zeit empfindet man ein mulmiges Gefühl im Bauch, nie hat man das Gefühl, selbst Teil der Atmosphäre zu sein. Stattdessen beginnt man zu denken und fragt sich, mit welchen Mitteln wohl dieser oder jener Effekt realisiert worden ist oder mit welchen Worten bestimmte Handlungselemente wohl im Drehbuch vermerkt wurden. Mit anderen Worten: man ist nicht so recht bei der Sache.

Dann kommt Christina Ricci ins Spiel, und das Geschehen gewinnt automatisch an Substanz. Sie bringt Persönlichkeit ins Spiel, und zwar mit einer bewundernswerten Souveränität, die wohl aus der jahrelangen Routine von der „Addams Family“ über „Beetlejuice“ zu „Sleepy Hollow“ resultiert, welche ja noch heute anhält („The Gathering“). Leider verabschiedet sie sich recht schnell wieder aus dem Handlungsverlauf, während die seltsamen Helferlein Starks in den Vordergrund rücken. Außerdem wird nun Jimmy Smits als FBI-Agent eingeführt. Die Rolle ist in ihrer klischeehaften Anlage ziemlich nutzlos, doch Smits macht zumindest das Beste daraus. In seiner skurrilen Mischung eines Brad Pitt aus „Sieben“, eines David Duchovny in „Akte X“ und eines Denzel Washington in „Dämon“ gelingt es ihm, mit seiner hilfsbereiten und aufrichtigen Art zumindest das Interesse des Zuschauers zu wecken. Für die Story bringt das aber leider rein gar nichts.

Derweil kommt Kim Basinger in den Genuss ihrer ersten Visionen. Auch hier sticht wieder viel zu sehr der handwerkliche Charakter hervor und verdeckt die Wirkung. Man fängt wieder zu grübeln an, was sich die Designer der Monster und Schattenwesen gedacht haben, welche historischen Hintergründe dahinterstecken usw. Es ist so, als wenn man im Drehbuch eine imposante Szene nachliest, diese im fertigen Film aber bei weitem nicht die Wirkung entfaltet wie die eigene Fantasie. Ein Zimmer voller Ratten; unwirkliche Wesen mit Ziegenhufen und Hörnern, die sich wie eine Fata Morgana um die nur wenige Meter entfernte Tür bewegen; flatternde Schattengestalten, die sich in einem dämonischen Kreis formieren; eine kreischende Medusagestalt, die voller Wut gegen das Fensterglas der U-Bahn schlägt. Das alles hört sich auf dem Papier wunderbar schaurig an. Sieht man es im fertigen Film, bleibt man seltsam unberührt. Ohne Frage sehen die Gestalten nicht schlecht aus, aber vielleicht ist genau das das Problem. Es fehlt die Subtilität, trotz der Verwischeffekte sind die Gestalten zu deutlich erkennbar; bei aller Bemühung, Implizität heraufzubeschwören, wird nur das Gegenteil erreicht. Wie so etwas besser funktioniert, hat ein Jahrzehnt zuvor „Jacob's Ladder“ bewiesen, der auf ähnliche Weise Schattengestalten darstellen wollte, es aber im Gegensatz zu „Die Prophezeiung“ auch geschafft hat.

Das Finale in der Kirche ist sehr konventionell (zuvor versucht man sich noch an einem Schockeffekt mit dem Mädchen im weißen Kleid, das Kim Basinger den Rücken zugedreht hat... in „The Others“ gab's das auch, und zwar wirklich gruselig), teilweise an eine weniger opulente Version der Kirchensequenz aus „End of Days“ erinnernd, inklusive Teufelsgestalt und Zerstörung des Gebäudes. Optisch zumindest ein kleines Glanzlicht, aber einmal mehr emotional neutral; selbst, als...
(was aber ja am Ende nur halb so schlimm ist, wie es aussieht).

Tja, ich würde sagen, Ziel verfehlt. Wenngleich „Die Prophezeiung“ optisch sicherlich das Potential gehabt hätte, sich sowohl von „Das Omen“ als auch von den ja wirklich nicht gerade wenigen Okkult-Horrorfilmen der Jahrtausendwende abzugrenzen, wird jegliches Potential einfach so in die Luft gepustet. Das Primärziel, Spannung zu erzeugen, wird vollkommen verfehlt, was schon an sich eine Todsünde für einen Regisseur ist. Hinzu kommen teils schwache Schauspielerleistungen (auch Kim Basinger und Rufus Sewell, welcher mich nach „Dark City“ auch hier nicht so ganz überzeugen konnte, trotz eines interessanten Gesichts) sowie an sich gelungene, aber in der Herangehensweise unpassende Special Effects. Auch dieser Film wird sein Publikum finden, für mich hat er aber auf keiner Ebene funktioniert, weil alle entscheidenden Fehler gemacht wurden, die wirklich von Belang sind. Mehr als zwei Pünktchen für den technischen Aspekt der Effekte und das ohne Zweifel gute, hinter dem Film stehende atmosphärische Szenario sind deswegen leider nicht drin.

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