„War er schon mal gewalttätig?“
Das Dresdner „Tatort“-Trio aus Karin Gorniak (Karin Hanczewski), Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) und Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) ermittelt in seinem für Gorniak und Schnabel 15., für Winkler neunten Fall nach einem Drehbuch Kristin Derflers, das Regisseur Andreas Herzog inszenierte. Herzog lieferte damit seinen vierten Beitrag zur öffentlich-rechtlichen Krimireihe ab, der am 8. Januar 2023 erstausgestrahlt wurde und sich von einem klassischen Whodunit?-Fall zu einem Psycho-Thriller entwickelt.
„Blaues Wunder, roter Schal!“
Heike Teichmann (Tanja de Wendt, „Lindenstraße“), Inhaberin der familienbetriebenen Gärtnerei Teichmann, wird mit einem Hammer erschlagen von ihrem Schwiegersohn Patrick Teichmann (Nico Rogner, „Ein Tisch in der Provence“) aufgefunden. Der zurückgebliebene Mitarbeiter Juri (Alexander Schuster, „Der Geschmack der kleinen Dinge“) hält die Tatwaffe noch in der Hand, ergreift die Flucht und verstreckt sich. Damit ist er für die Kommissarinnen Gorniak und Winkler sowie deren weitestgehend von seinen schweren Verletzungen genesenen Abteilungsleiter Schnabel dringend tatverdächtig. Unterstützung wird Juri von seiner Schwester Swetlana (Lara Feith, „Zwischen uns die Mauer“) zuteil, die ebenfalls für die Gärtnerei tätig ist und ein Verhältnis mit Patrick Teichmann pflegt, der in seiner Ehe mit Nadine (Kristin Suckow, „Wo ist meine Schwester?“), der Tochter der Erschlagenen, nicht mehr glücklich ist. Doch warum entführt Juri Nadines und Patricks kleine Tochter Anna (Amelie Zappe)? Die Ermittlerinnen ahnen, dass bei Familie Teichmann etwas im Argen liegt. Existiert gar ein weiteres, bisher unbekanntes Familienmitglied, das in den Fall verwickelt ist…?
„Mit’m Messer im Rücken geht’n Ossi noch lange nicht nach Hause!“
Der Mord wird nicht gezeigt, lediglich die Leiche, und Juri sofort als Verdächtiger eingeführt. Als es scheint, er entführte die kleine Anna, um sie zu beschützen, ergeben sich Zweifel an seiner Schuld. Wovor will er sie beschützen? Leider kann er sich nicht artikulieren. Anschließend wird die Beziehungskiste aufgemacht und die Handlung somit um eine Ebene erweitert – noch bevor ungefähr zur Hälfte eine interessante Wendung eingeflochten wird, die weitere Tote produziert. Es geht in die Untiefen der Vergangenheit, in der illegale Aktivitäten schwerwiegende Folgen haben, die in der Gegenwart eskalieren.
Das Narrativ entwickelt sich dabei immer mehr in Richtung eines Psycho-Thrillers, der mit einem nicht sonderlich häufig Verwendung findenden, dennoch klassischen (und hier nicht gespoilerten) Gruselmotiv arbeitet, während Regisseur Herzog und sein Team die formale Gestaltung der Episode entsprechend anpassen. All das kulminiert in einem fast schön verstörenden, spannenden Finale inklusive zusätzlich dramatisierender Zeitlupen und erklärenden Rückblenden. Mit einem beiläufigen Kommentar vom Beginn sollte der glücklicherweise seinen vorausgegangenen Fall überlebt habende Schnabel Recht behalten…
In seiner Erzählweise, die sich lange Zeit nah an den Ermittlerinnen und deren Erkenntnishorizont orientiert, lädt dieser „Tatort“ zum Miträtseln ein, scheint mitunter relativ vorhersehbar, hat dann aber doch die eine oder andere Überraschung in petto. Viel wird über Blicke kommuniziert und transportiert; auf Nuancen zu achten lohnt sich, ohne dass man, von einem Wochenendkater geplagt, überfordert würde. Die irgendwie kalten, melancholischen Bilder spiegeln perfekt die Stimmung dieses Falls, aber auch schlicht den Drehzeitpunkt im Februar und März 2022 wider. Der Kamera mit ihrer Freude an Zooms auf Details zu folgen, bereitet ebenso Freude wie einige kunstvoll ausgeleuchtete Einzelszenen.
Schauspielerisch ist das – mitsamt einer Doppelrolle – ebenfalls recht großes TV-Heimkino, das Ensemble scheint prima zusammenzupassen. Dass es dem ermittelnden Trio nicht die Show stiehlt, ist einmal mehr unter anderem Verdienst des unnachahmlichen Martin Brambach, während sich Hanczewski und Gröschel in ihren Rollen stärker als zuletzt zurückhalten, um den Teichmanns und Konsorten Raum zur Entfaltung zu geben. Beste Krimi-Unterhaltung zur Hauptsendezeit!