Der Tod als allegorische Gestalt mit Sense, die in der Nähe der Alten und Kriegsversehrten geduldig auf deren Übergang wartet, ist dann doch eher Sache eines Ingmar Bergman. Bei Full Moon hingegen wird kurzerhand der Arztkittel übergezogen und mit dem Skalpell selbst nachgeholfen. Zeit ist schließlich Geld.
Doktor Death ist auf den ersten Blick nicht gerade die logische Wahl, um Publikumsliebling Blade bei den neu entdeckten Solo-Spin-Offs zu beerben. Dass man bekanntere Gesellen wie Pinhead und Tunneler für ihn auf die Ersatzbank geschoben hat, dürfte aber seine Gründe haben. Nicht nur zeigte Doktor Death im WWII-Kontext seines ersten und einzigen Auftritts in „Retro Puppet Master“ (1999) das größte Potenzial unter allen Neuzugängen, auch liefert der immer noch recht unverbrauchte Mini-Arzt wirksame Medizin gegen eine der größten Krankheiten der Franchise: Ihre mangelhafte Rotation. Dass er darüber hinaus auch noch ausschaut wie der kleine Bruder von Iron-Maiden-Maskottchen Eddie, dürfte zumindest auf den Postern helfen und womöglich sogar neue Zuschauerschichten anlocken, unterscheidet er sich anhand seiner kruden Gesamterscheinung doch durchaus ein wenig von den kindlich-verspielt wirkenden Designs der Kernfiguren der Reihe.
Konkrete Vorbilder werden für Doktor Death keine genannt, obschon die Popkultur einige Gesellen mit gleichem Namen kennt: Einen der Villains aus den Batman-Comics zum Beispiel, die Titelfigur aus dem Horrorfilm „Doctor Death: Seeker of Souls“ (1973) oder auch einen real praktizierenden Arzt aus den USA, dessen Biografie kürzlich zur Grundlage einer TV-Serie mit Joshua Jackson erklärt wurde („Dr. Death“, 2021 – 2023). Zur bitteren Realität gehen auch die Wurzeln des Puppendoktors zurück, gleichwohl sie geschickt verborgen werden, auf dass es dem Publikum nicht den B-Movie-Spaß verhagele. Und doch stecken natürlich Josef Mengeles Gräueltaten zur Zeit des Nationalsozialismus als mechanische Kraft in den Puppenfäden und lassen die kurzen Arme und Beine im satirischen Auftrag durch die Luft flattern; nicht anders als bei den anderen Puppen im Arsenal mit ihren deformierten Eigenschaften, aber vielleicht noch einmal eine Spur morbider.
So erfolgt der Einstieg in „Puppet Master: Doktor Death“ auch entsprechend rabiat, wird doch im Prolog ein alter Mann im Schlaf von Flashbacks in alte Kriegszeiten durchgerüttelt, als sich über seinem Bett in einem ansonsten völlig schwarzen Zimmer unter Stroboskoplicht die Silhouette des Doktoren aufbäumt, der ganz sicher keine Lebensrettung im Sinn hat. Würde es sich nicht von selbst verbieten, müsste man hier beinahe schon Parallelen zu einem gewissen Antikriegsfilm-Klassiker aus der Feder von Dalton Trumbo ziehen. Doch Obacht, wir befinden uns immer noch bei Full Moon und wollen derart blasphemischen Vergleichen lieber aus dem Weg gehen.
Ihre wahre Gestalt offenbart die Arbeit von Auftragsregisseur Dave Parker, der seit den frühen 90ern mit Charles Band kooperiert, mit dem Schwenk auf das Willkommensschild eines ländlich gelegenen Altersheims, das in den folgenden 59 Minuten als alleiniger Schauplatz der Handlung fungiert und die beschränkten Ambitionen der kompakten Produktion, die mit einer Anthologie-Episode mehr zu tun hat als mit einem Spielfilm, untermauert. Rund zwanzig Minuten lang wird man nun gemeinsam mit Hauptdarstellerin Jenny Boswell, die als Altenpflegerin April einen durchaus aufregenden ersten Arbeitstag erlebt, durch die Räumlichkeiten geführt; ein beliebtes Mittel, um Setting und Figuren sukzessive einzuführen. Chad Patterson als zartfühlender Ryan und Zach Zebrowski als arschiger Flynn bieten sich als ungleiche Tourguides im Blaukittel an, als Vierte im Bunde gesellt sich noch Emily Sue Bengtson hinzu, deren Jennifer dem Job mit allem gebührenden Pragmatismus begegnet.
Aufgrund der schrägen Bewohner, deren Zimmer zu den Freakshow-Zwischenstationen der nun folgenden Tour gemacht werden, fühlt man sich oft fast eher zu Besuch in einem Irrenhaus als in einem Altenheim, zumal Blitz und Donner allgegenwärtig sind. Ein Lebemann aus vergangenen Tagen macht den Pflegerinnen unentwegt sexuelle Avancen, eine Alte quasselt unentwegt okkultes Zeug, wieder eine andere malt gruselige Bilder – eines der besonders beliebten narrativen Stilmittel bei Full Moon, um Mythologie zu pflegen. Bei all dem eher komödiantischen als gruseligen Trubel wird zunächst sogar das Morden vergessen… bis irgendwann eine alte Truhe aus dem Bestand eines verstorbenen Bewohners geöffnet wird.
Hoffnungen auf allzu originelle oder auch nur grafische Splattereien müssen aber auch dann erst einmal im Kittel bleiben. Im Blutregen badet der grinsende Wicht mit dem Stirnreflektor zwar regelmäßig, der Quell des Blutes sprudelt aber doch nicht selten im Off. Paranoide Hetzjagden durch Bettlaken, Schatten und geisterhafte Erscheinungen bei Blitz und Donner sollen den eher gemächlichen Body Count mit Atmosphäre anreichern, doch die mag sich aufgrund der digitalen Optik und der leeren, wenig wohnlichen Kulissen wie aus einem Möbelhaus natürlich nicht einstellen. Für Entladung sorgt anstatt saftiger Gore-Effekte nicht selten eher das Overacting der Darsteller, oder auch mal ein junger Charles Band, dessen Visage auf einmal vom Bildschirm eines TV-Geräts grüßt.
Zum Glück ist da noch der letzte Akt, denn da wächst die Effekte- und Maskenabteilung plötzlich doch noch über sich hinaus und kredenzt uns einen simpel, aber effektiv in Szene gesetzten Über-Doktor, bei dessen Anblick gerade Fans sleaziger Italo-Zombieschinken einen freudigen Impuls verspüren dürften. Auch besinnt man sich hier endlich mal wieder auf den wahren Kern der Idee hinter der gesamten Franchise: Wenn der kleine Doktor in den Eingeweiden des großen sitzt, um ihn anhand von Sehnen und sonstigem Gekröse zu steuern, wird man Zeuge des vielleicht besten Einfalls der gesamten Franchise seit dem Finale von „Puppet Master III“.
Vorher allerdings herrscht viel Leerlauf, viel TV-Flair und wenig echtes Fachhandwerk. Erwartungsgemäß siedelt sich „Puppet Master: Doktor Death“ ungefähr auf dem Niveau des ebenso kurzen Demonic-Toys-Spin-Off „Jack-Attack“ an; vielleicht noch minimal darunter, weil der absolute Wille zur Hysterie fehlt, mit der sich der Springteufel durch eine ähnliche Kulisse wand, aber das ist wohl Geschmackssache. Gemessen an der knappen Laufzeit geht das Ergebnis als Zeitvertreib schon irgendwie in Ordnung. Doktor Death beweist immerhin, dass er das Zeug für die Stammbesetzung hat (eine nicht übermäßig große Hürde, zugegeben), davon abgesehen bleibt auch diese x-te Fortführung der größten aller Full-Moon-Reihen längst jeglichen Beweis schuldig.