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Staffel 1

Mit reichlich Idealismus ausgestattet tritt der frischgebackene Anwalt Owen Hendricks (Noah Centineo) seine neue Stelle bei der CIA an - doch der 24-Jährige, der in einer Dreier-WG lebt, muss zunächst bitteres Lehrgeld bezahlen: nicht nur, daß er von einem Haufen arbeitsscheuer Kollegen umgeben ist, darf er als "Neuer" zunächst einmal die Drecksarbeit machen, was in seinem Fall bedeutet, sich erst einmal durch abertausende Drohbriefe und -mails an die CIA durchzuarbeiten, für die er eine Art Gefahrenanalyse erstellen soll. Tatsächlich findet der fleißige junge Mann dann aber einen Fall, der seine Aufmerksamkeit erregt: eine ehemalige russische Spionin, inzwischen in ein amerikanisches Gefängnis abgeschoben, droht mit der Preisgabe von Informationen zu bestimmten verdeckten Operationen der CIA, wenn sie nicht bald freigelassen wird.
Mit der Billigung seines Dienststellenleiters Walter Nyland (Vondie Curtis-Hall) reist Hendricks schnurstracks in den Jemen, wo er, auf dergleichen Missionen völlig unvorbereitet, von der CIA-Agentin Dawn Gilbane (Angel Parker) gefangengenommen und gefoltert wird. Die bemerkt gerade noch rechtzeitig, daß der Rookie tatsächlich aus Washington stammt und läßt ihn wieder ziehen - zurück in der Heimat bleibt Hendricks jedoch unverdrossen am Ball und reist nach Phoenix/Arizona, wo er die Absenderin des Drohbriefs dann persönlich aufsucht. Und in der Tat gehört die eiskalt-berechnende Max Meladze (Laura Haddock) nicht zu der Masse der üblichen Drohbrief-Dummschwätzer, sondern weiß eine ganze Menge Dinge, die den jetzigen Entscheidungsträgern der CIA sehr unangenehm werden könnten. Darüberhinaus plant die ex-Spionin, wieder in ihrer alten Heimat aktiv zu werden. Fortan muß Hendricks zwischen ihr und seinem Chef und anderen CIA-Leuten vermitteln, die sich bezüglich der Reaktivierung der Spionin alles andere als einig sind. In dieser für ihn völlig ungewohnten Rolle sitzt Hendricks zwischen allen Stühlen, scheint doch die mit allen Wassern gewaschene Max der schwerfälligen US-Behörde immer einen Schritt voraus zu sein...

Von der Thematik her entspricht die neue Spionage-Serie The Recruit aus dem Hause Netflix den üblichen Genre-Konventionen: ein Ost-West-Spionagethriller aus der Zeit nach dem kalten Krieg, der den Hauptdarsteller nicht nur in den Jemen, sondern später auch nach Wien, Genf und Prag führt. Das ganze mit reichlich Sarkasmus, diversen humoristischen Einlagen und sehr viel flotten Sounds von Funk und Soul über HipHop und Rap bis hin zu Industrial gemischt punktet die von einem ganzen Autoren-Kollektiv verfasste Serie jedoch vor allem vom entwaffnend-naiven Auftritt Noah Centineos, der seinen Filmcharakter des unbedarften Anwalt-Neulings derart überzeugend und sympathisch rüberbringt, daß man sich die 8 Episoden zu je etwa 55 Minuten trotz diverser Unwahrscheinlicheiten und (gewollter) Übertreibungen bis zum Schluß gerne anschaut.

Trotzdem die Serie The Recruit von Anfang an klar macht, daß sie sich selbst nicht allzu ernst nimmt (erkennbar an Hendricks neuen Kollegen, die aus jahrzehntelanger Erfahrung genau wissen, wie man sich um jeden unangenehmen Job, ja eigentlich jegliche Arbeit herumdrückt) ist dieses Agenten-Drama keineswegs als Satire oder Komödie aufzufassen, denn trotz des hohen Selbstverarschungsfaktors spielen alle Beteiligten mit dem größtmöglichen Ernst - und es wird auch in der Tat blutig, nicht nur als Hendricks einen Fingernagel einbüßt (und sich mit dem Rat "Fingernägel wachsen nach" trösten muß), sondern auch wenn er unvermittelt in Schießereien zwischen verfeindeten Agenten gerät und am Ende sogar einer Lovestory mit der ominösen ex-Spionin Max Meladze verdächtigt wird.
Dazwischen bleiben immer wieder kurze Momente mit seinen WG-Zimmergenossen Hannah (Fivel Stewart), mit der er früher mal zusammen war, und Terence (Daniel Quincy Annoh), einem schwulen Schwarzen: beide versuchen immer wieder, dem von seiner anstrengenden Arbeit völlig überlasteten Hendricks zu helfen. Doch während Hannah trotz gegenteiliger Beteuerungen immer noch Gefühle für ihren Ex hegt, muß dieser als Gegenleistung für wichtige Informationen derweil die ältere CIA-Mitarbeiterin Amelia (Kaylah Zander) daten, die diese Art Dienstleistung schon öfters in Anspruch nahm und entsprechend routiniert herunterspult.
Überhaupt scheinen - mit Ausnahme seines stets korrekt auftretenten Chefs Nyland - fast alle Kollegen einen Sprung in der Schüssel zu haben und ihr eigenes Süppchen zu kochen: ein CIA-Mann im Libanon muß einen Vertrag über Alimente unterzeichnen (Überbringer der zunächst mit Fuck you unterzeichneten Dokumente ist natürlich Hendricks), und der Wiener CIA-Mann Xander (Byron Mann) hat eine verheimlichte Affäre mit der Frau eines Russenmafia-Bosses...
All dies jedoch nimmt der junge Anwalt eher ungerührt zur Kenntnis, fühlt er sich doch dem stets wiederholten Motto "die Agency zu schützen" verpflichtet. Selbst die hartgesottene Meladze, eine spindeldürre tätowierte Killerin mit verbrauchtem Gesicht (ebenso klischeehaft wie überzeugend von der Britin Laura Haddock dargestellt), die über versteckte Waffen, Pässe und diverse Bankschließfächer verfügt und feindliche Agenten im Vorübergehen am Klo vermöbelt, wird langsam auf den unbedarften Beau aufmerksam...
 
Gleichwohl The Recruit wohl kaum mit der (oder auch nur irgendeiner) Realität verwechselt werden sollte, weiß die Serie dank seiner furiosen Hauptdarsteller auf hohem Niveau bestens zu unterhalten. Nur selten fallen die an sich riesigen Logiklöcher auf, von den üblichen Filmfehlern (wie einer Schießerei, die mal kurz pausiert, damit Hendricks einen emotionalen Moment genießen kann oder von hinten durch MP-Salven zersiebte Luxuskarossen, die durch wilde Flucht alle Einschußlöcher verlieren etc.) mal abgesehen - für den überflüssigen Cliffhanger zum Schluß (eine zweite Staffel sei in Planung, heißt es - was bei Netflix allerdings gar nichts heißt) gibt es jedoch Punktabzug. Dennoch ist die abwechslungsreich-unterhaltsame Agentenstory um den jungen Antihelden Owen Hendricks fast uneingeschränkt empfehlenswert: 8 Punkte.

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