Review

“Wie diese Blätter entstanden sind, ergibt sich aus deren Lektüre. Alles Überflüssige ist ausgelassen worden, sodass sie, unabhängig von dem Glauben oder Nichtglauben späterer Geschlechter, als einfache historische Tatsachen dastehen. Sie sind durchaus keine Erzählungen vergangener Dinge, in denen das Gedächtnis sich irren kann, sondern alle Berichte sind sofort niedergeschrieben und spiegeln den Standpunkt und die Auffassung der betreffenden Schreiber treu wieder.“

Vielleicht etwas übermütig an den Start gegangene (und sich auch so übermütig gebende) Kinoproduktion mit Nicolas Cage, welcher die letzten vielen Jahre eher andere Wege der Distribution und dies auch mit grundsätzlich anderen Budgets als hier gegangen ist; Cage hat sich um 2020 mit einigen beeindruckenden Leistungen und ebensolchen Filmen, allen voran Pig und Mandy wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gespielt und die Aufmerksamkeit auch der größeren Studios erreicht, die diesen erneuten Höhenflug ausnutzen wollten, hier mit einer Dracula-Variation, was zuvor schon gleich mehrfach finanziell gesehen in die Krise, in die Knie ging. Immerhin wird hier wieder einmal die große Leinwand bespielt, und gibt es ein Wiedersehen des Darstellers Cage mit seinem (Beinahe)Namensvetter Nicholas Hoult, gut zwei Dezennien nach dem schwarz-humoristischen Drama The Weather Man (2005), dort der Eine der Star, hier wird auch vermehrt Wert auf die Popularität des Anderen, des Jüngeren in den Credits und dem Marketing gelegt:

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts trifft der siebenbürgische Vampir Graf Dracula [ Nicolas Cage ] auf den englischen Anwalt Robert Montague Renfield [ Nicholas Hoult ]. Renfield hofft, einen Landdeal auszuhandeln, und nachdem er sich als nützlicher Assistent erwiesen hat, wird er schließlich zu Draculas Vertrautem, der ihm Unsterblichkeit und Superstärke und Geschwindigkeit verleiht, wenn er Käfer verzehrt. Fast 100 Jahre später ist Renfield es leid, Dracula Opfer als dessen Leibspeise zu bringen. Vor kurzem hatten sie eine knappe Begegnung mit Vampirjägern, die den Grafen fast getötet hätten, also zieht das Duo nach New Orleans, um sich zu erholen. Dort entdeckt Renfield eine 12-Schritte-Selbsthilfegruppe für Menschen in co-abhängigen Beziehungen, geleitet von Mark [ Brandon Scott Jones ]. Er spürt einen der gewalttätigen Liebhaber des Gruppenmitglieds auf, damit er ihn ohne Reue Dracula übergeben kann, aber sie werden von einem Attentäter angegriffen, der von der rivalisierenden Verbrecherfamilie Lobo, speziell der Matriarchin Bellafrancesca Lobo [ Shohreh Aghdashloo ] und ihrem Sohn Tedward Lobo [ Ben Schwartz ] angeheuert wurde und den Renfield tötet. Dabei zieht er die Aufmerksamkeit nicht nur der Gangstersippschaft, sondern auch der NOPD Officer Rebecca Quincy [ Nora Lum a.k.a. Awkwafina ] und ihres Partners Chirs [ Adrian Martínez ] sowie Rebeccas Schwester Kate Quincy [ Camille Chen ], einer FBI-Agentin auf sich.

Nun also mit den Universal Studios im Beisein, statt mit Armory Films, XYZ Films, oder The Fyzz Facility, oder einer anderen kleinen Klitsche, mit Hoult auch beginnend, in einer Gruppentherapie, einer Sitzung, einer gemeinsamen Hilfe, die Synchronisation ist furchtbar, es wird zurückgespult zum Anfang, es wird mit den Klassikern gespielt; man hätte es lieber so gehandhabt gesehen als Splatter- und Slapstickkomödie für die jüngere Generation, eine actionreiche Horrorklamotte, für eine andere Generation, die Jüngeren eben gedreht. Beide Darsteller kennen sich durchaus aus damit, es ist ihrer aber nicht mehr würdig, sie verdienen etwas Besseres, es wurde zum Glück auch Besseres für Beide zur gleichen Zeit gefilmt. Mit Lärm und Krawall beginnt man tatsächlich, die Gruppentherapie als Möglichkeit zum Sprechen, zur Einleitung, zur Vorstellung, zur Einführung von Dämonen und Monstern.

“Ich brachte in Erfahrung, dass der Wirt einen Brief des Grafen erhalten hatte, der ihn beauftragte, den besten Platz in der Postkutsche zu belegen; als ich ihn über Details ausfragen wollte, wurde er jedoch zurückhaltend und gab vor, mein Deutsch nicht zu verstehen. Das konnte nur eine Ausrede sein, denn bisher hatte er es verstanden; wenigstens schien es so, denn auf alle meine Fragen war mir stets eine genaue Antwort zuteilgeworden. Er und seine Frau, die alte Dame, die mich empfangen hatte, sahen sich erschrocken an. Als ich ihn fragte, ob er den Grafen Dracula kenne und mir etwas von dessen Schloss erzählen wolle, bekreuzigten sich beide und brachen einfach das Gespräch ab, indem sie sagten, sie wüssten nichts davon. Das Geld wäre in einem Briefe gesandt worden, das wäre alles. Es war nur mehr wenig Zeit bis zur Abreise, sodass ich nicht mehr fragen konnte; übrigens war die Sache recht geheimnisvoll und wenig erfreulich für mich. Kurz bevor ich wegging, kam die alte Dame zu mir aufs Zimmer und sagte in hysterischem Tone: »Müssen Sie denn hingehen, junger Herr? Müssen Sie denn wirklich gehen?« Sie war dermaßen erregt, dass sie das wenige Deutsch, das sie konnte, vergessen zu haben schien, denn sie mischte es mit Worten einer anderen Sprache, die ich absolut nicht verstand. Ich konnte ihr nur soweit folgen, um zu erkennen, dass sie Fragen stellte. Als ich ihr aber sagte, dass ich gehen müsse und dass wichtige Geschäfte mich riefen, fragte sie wieder: »Wissen Sie denn, was heute für ein Tag ist?« Ich antwortete, es wäre der 4. Mai. Sie schüttelte den Kopf und sagte wieder: »O ja, ich weiß, ich weiß; aber wissen Sie denn nicht, was für ein Tag heute ist?« Als ich verneinte, fuhr sie fort: »Es ist St. Georgsnacht; wissen Sie nicht, dass, wenn die Uhr heute Mitternacht schlägt, alle bösen Dinge in der Welt freien Lauf haben? Wissen Sie, wohin Sie gehen und zu wem Sie gehen?« Sie war so verstört, dass ich den Versuch machte sie zu trösten, aber vergebens. Schließlich warf sie sich auf die Knie und flehte mich an, nicht zu gehen, wenigstens meine Abfahrt um einen oder zwei Tage zu verschieben. Es war zu lächerlich, das alles, aber dennoch fühlte ich mich unbehaglich.“

"Die totale Banalisierung" wird hier zuweilen gezeigt, eine Hommage, eine Referenz, eine Parodie versucht, irgendwo zwischen Peter Jackson und Mel Brooks, es fehlt noch Leslie Nielsen, tot, aber glücklich. Auf die Schnelligkeit wird gegangen und die Buntheit, auf die blutigen Extreme, für die Unterhaltung, das Popcorn-Entertainment, inklusive so mancher Stuntarbeit und Effekteinsatz, dieses auch gar nicht übel, aber nicht unbedingt das, was man sehen möchte mit diesen Persönlichkeiten, die halbgare Horrorkomödie. Interessant wäre die Gage für Cage zu wissen, ob man ihn wie früher bezahlt hat oder sich an seinen B-Pictures; denn irgendwie ist man hier beides, eine teure Limitierung, eher etwas für den Streamingeinsatz, zum schnellen Verspeisen und Goutieren. Die Arbeit der Maske, der Dekoration und der Second Unit darf man wenigstens loben, das Bemühen der Darsteller, diesem Quatsch etwas Würde zu geben, es wird auf Kürze auch gegangen, dem Austoben in Kostüm und Garderoben.

Viele Mägen werden hier gespalten, viele Eingeweide gezeigt, viele abgetrennte Extremitäten und Köpfe, ein Spiel mit dem Genre, was bspw. Bloody Marie - Eine Frau mit Biss schon 1992 viel besser gezeigt und gebracht hat; Universal damals auch im Glück mit derlei Geschehen, später dann nimmermehr. Ein Minimum Polizeifilm wird hier mit hineingebracht, ein Gangstertreiben, das ist noch das Interessantere im "Mannschaftssport", es wird geflucht und gestritten, die Gegenseite des Übernatürlichen gezeigt, die Farben kräftig, der Score aufgedreht, die Bässe wummern, die Optik knallig, ein Rückfall in die Übertreibung, ohne wirkliche Überzeugung, wenn auch mit einigen wenigen Ideen. Ein Sichern der Zukunft und ein Wiederholen der Vergangenheit, eine rasche Groteske, mit wenig Gespür und Feingefühl, dafür umso mehr Aktionen.

Hinter der Produktion darf man Marco Beltrami für den Score, Robert Kirkman für die Idee und Chris Brewster als Second Unit Director an der Beteiligung erwähnen, ein Überfall auf einen Nachtclub durch schwerbewaffnete Einheiten, vorher ein flott-gewaltsames Intro, hinterher einige Schieß- und Kampfkünste, "Drei von fünf Sternen", so ungefähr. Gelungener sind andere aktuelle Beispiele wie Day Shift, ein richtiges Treiben, hier ein Wiederholen, "Vielleicht gibt es doch Hoffnung.", es wird mit Vorurteilen und Voraussetzungen gespielt, mit Overacting und Über-Inszenieren, ein unersättliches Wesen. Zwischen den Zeilen wird hier nicht gelesen, mittendrin wird einmal gefragt, warum man sich der Welt anpassen soll und nicht andersherum, und daran hätte man so richten sollen. Verkrampft wird hier zu oft gehandhabt, der Blick auf die toxische Beziehung und die Co-Abhängigkeit reicht vielleicht für einen Sketch, nicht für 90 min und nicht für die Bedürfnispyramide, es entfaltet sich nicht die volle Macht, nicht einmal im Ansatz, es wird gestottert und sich wiederholt, die Pointe stets die gleiche, und sie ist von Anbeginn an schon nicht wirklich gut, zwischen "Dracula-Power" und "Drama-Queen" und dem fehlgeleiteten Übermut.

Etwas Rettung gibt es durch die Wahl der Location, New Orleans und seine Umgebung, auch mit dem Geld wird mehr geklotzt und gekleckert, das nimmt man schon wahr, es ist für die Breitwand, nicht das kleine Tablet; das Kerngeschäft ist das Böse, ein "grandioser Anzug", zwischendurch bloß sieht Cage weniger aus wie Boris Karloff und mehr wie Theo Lingen, und er spielt auch so, ein Chargieren, ein Anpassen an die Welt, nicht umgekehrt. Hülsen werden hier geboten, Karikaturen statt Charaktere, ein Spielen für die letzten Reihen, die hier eher die leeren Ränge sind, ein Theater und eine Bühne. Ein Effekt heischen mit minimalem Hintergrund und viel an der Oberfläche, dem Oberflächlichen, der lange Scherz über den Prinzen der Walachei und seinen Diener, eine grundsätzlich voluminöse, aber leere Darbietung. Erst ein Turnhallenmassaker und die Stürmung einer Wohnanlage bringt etwas Leben (und den Tod) in das Geschehen hinein, ansonsten die verbleibenden Jahre eines erbärmlichen Lebens, einzig Awkwafina spielt das straight. Das Beste, was sie tun kann. Das Beste, was es zu sehen gibt.

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