Angst lassen Seele platzen
Wer moderne und umweglose Horrorklassiker wie „Hereditary“ und „Midsommar“ schafft, hat sich sowas wie „Beau Is Afraid“ wohl verdient. Ari Aster fasst in dieser dreistündigen Reise in seine Ängste, Erinnerungen, Familienflüche einmal mehr seine scheinbar liebsten Themen an - und bläht diese erbarmungslos und rigoros auf. Autorenarthousekino per excellence. Intim bis irritierend. Ein Epos, das früher wohl Studios bankrott gemacht hätte. Hoffen wir, dass A24 diese mutige Investition überlebt. Denn „Beau Is Afraid“ ist ein Biest von einem Querschläger - nicht kategorisierbar, nicht erklärbar, nicht beschreibbar. Ich versuch’s dennoch: Beau hat Angst. Vor der Welt da draußen, vor seiner Vergangenheit, manchmal gefühlt vor der Wahrheit, vor sich selbst. Und vor allem vor einem Trip zu seiner Mutter, in sein Elternhaus - doch durch einen tragischen Unfall bleibt ihm wohl nichts anderes übrig und ein wildes Abenteuer voller Surrealismus, schwarzem Humor und Furcht, Verunsicherung, Horror beginnt…
Ich fürchte mich - also bin ich?
Ari Aster, du Arsch… Spaß - aber wie kann man so jung und schon so begabt, ballsy, erfolgreich (in der Filmbranche) sein? Umso besser für uns Filmnerds, eher sogar wunderbar dass solche Wunderkinder wie er, Chazelle oder Eggers nachkommen. Es hält einem dennoch den ein wenig traurigen Spiegel vor, wenn man bedenkt, dass man in einem ähnlichen Alter ist… Zurück zum Thema: Angst und Panik muss man deswegen aber natürlich nicht bekommen. Missgunst, dass ein Unterfangen wie „Beau Is Afraid“ wahrscheinlich mit Ansage (finanziell) scheitern wird, ebenso wenig. Denn selbst wenn das Teil einen (wie mich) etwas eingeschläfert und fragend zurücklässt, ist es dennoch enorm eigenständig, anders und bewundernswert. Das muss man erstmal in dieser Breite, Tiefe und diesem Extrem durchziehen und auf die Beine stellen. Phoenix spielt (wie zu erwarten) schmerzhaft gut, aufopferungsvoll und passend zum Thema am Rande des Wahnsinns. Den muss man wahrlich manchmal vor sich selbst schützen. Ängste, Träume, Traumata werden extrem gut und überdreht und zum Teil auch fies eingefangen. Jeder, der damit einigermaßen viel zu tun hat, wird das Mammutprojekt nochmal auf ganz anderen Leveln schätzen. Hinzu kommt eine Unberechenbarkeit, die ihres Gleichen sucht. Einige düstere Horrormomente, die Asters wahre Stärken meiner Meinung nach am besten zeigen. Allgemein eine unangenehm starke Balance zwischen Humor und Horror, die wieder neue Nuancen von ihm offenbart. Starke Nebendarsteller, abstruse Momente, kuriose Details, bockstarke erste 45 Minuten. Eine richtig feine Stopmotionsequenz der „La Casa Lobo“-Macher. Eine wirklich teuflische und dominante Mami. Ein unvergesslicher Dachboden. Aber eben auch eine Menge Fragezeichen, Redundanz, Länge bis Langweile, Theorie und Toleranztestung, Theater und Tücken. Ein garstiger Grenzgang mit Hang zum internen Expressionismus. Persönlicher und Ich-bezogener geht’s kaum von Aster. Und das kann einen auch schon mal kalt lassen bis abstoßen. Es ist eben sein „Only God Forgives“. Mal sehen, wie und ob seine Reise weitergehen wird. Mal sehen, wer da mitgeht. „Beau Is Afraid“ muss ich leider nicht öfters sehen - selbst wenn man noch viel herausziehen kann. Da fehlt mir ein gutes Stück Entertainment. Dennoch fühlt er sich irgendwie doch jetzt schon wie ein Filmklassiker an - zumindest für Filmstudenten.
Fazit: epische bis überbordende, überfordernde Therapiestunde - eher für Ari Aster selbst als den Zuschauer. „Beau Is Afraid“ verarbeitet ellenlang Mutterkomplexe, Familientraumata und Angststörungen zwischen kongenial und anstrengend. Ich sehe lieber klassischere (Horror-)Filme von ihm - dennoch respektiere ich diesen sehr persönlichen Erguss. Ich hoffe der verkopfte und seelische Samenstau ist nun gelöst. Phoenix ist jedoch (wie fast immer) uneingeschränkt legendär gut.