Ghostface in Manhattan – Der Slasher verlässt die Vorstadt
Es gibt eine besondere Art von Lärm, den nur ein gutes Slasher-Sequel erzeugen kann: das nervöse Rascheln im Publikum, wenn jemand einen dunklen Flur entlanggeht, das kollektive Einziehen von Atemluft, sobald ein Telefon klingelt. Scream VI weiß genau, wie dieses Geräusch klingt – und nutzt es mit der Gelassenheit eines Serienmörders, der seine Werkzeuge kennt.
Die sechste Runde des Meta-Horror-Franchise, inszeniert von Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett, beginnt mit einer beinahe frechen Geste. Ein Mord, der wie eine Variation der klassischen Scream-Formel wirkt, wird plötzlich zu etwas ganz anderem – eine Art falsche Ouvertüre, die dem Publikum signalisiert: Dieses Kapitel will nicht nur referenzieren, sondern neu arrangieren. Der Film wirkt, als hätte er die Regeln des eigenen Universums gelesen und beschlossen, sie zumindest ein wenig zu verbiegen.
Der größte Schritt ist geografisch. Woodsboro – die kalifornische Kleinstadt, in der Serienkiller offenbar so häufig auftreten wie Highschool-Abschlussfeiern – wird gegen New York City eingetauscht. Das verändert sofort die Dynamik. Plötzlich ist die Welt nicht mehr ein Vorort-Albtraum mit gepflegten Vorgärten und einsamen Häusern, sondern ein urbaner Ameisenhaufen. Ghostface, der klassische Stalker der amerikanischen Suburbia, bewegt sich nun durch U-Bahnen, Bodegas und überfüllte Straßen.
Und erstaunlicherweise funktioniert das.
Die Kamera nutzt Manhattan nicht als bloße Kulisse, sondern als Nervensystem. Enge Wohnungen, klaustrophobische Flure, Treppenhäuser mit flackerndem Licht – die Stadt wird zur Maschine, die Spannung produziert. Besonders eine U-Bahn-Sequenz an Halloween gehört zu den besten Momenten, die die Reihe seit Jahren hervorgebracht hat: Dutzende Ghostface-Kostüme, flackernde Neonlichter, ein Zug voller Menschen, die zu betrunken oder zu verkleidet sind, um Gefahr zu erkennen. Es ist die Art Szene, bei der man sich wünscht, Alfred Hitchcock hätte noch gelebt, nur um sie zu kommentieren.
Im Zentrum stehen erneut die sogenannten „Core Four“ – eine Gruppe junger Überlebender des vorherigen Massakers. Melissa Barrera als Sam Carpenter trägt dabei das emotional komplizierteste Gepäck: Sie ist die Tochter des ursprünglichen Serienkillers Billy Loomis. Das klingt wie ein Soap-Opera-Plottwist, funktioniert hier aber erstaunlich gut als psychologischer Motor. Barrera spielt Sam nicht als Horrorheldin, sondern als jemanden, der ständig mit der Möglichkeit ringt, selbst zur Gewalt zu greifen.
Jenna Ortega – inzwischen dank Wednesday eine Art Popkultur-Phänomen – bringt als ihre Schwester Tara eine Mischung aus Verletzlichkeit und trockenem Humor ein. Ortega hat diese seltene Qualität, gleichzeitig erschrocken und ironisch wirken zu können. Man glaubt ihr, dass sie Angst hat – und gleichzeitig, dass sie weiß, wie absurd diese Situation eigentlich ist.
Die Regisseure, die bereits Scream (2022) inszenierten, verstehen die DNA der Reihe erstaunlich gut. Wes Craven, der ursprüngliche Architekt der Serie, baute Scream einst als Horrorfilm, der gleichzeitig ein Kommentar über Horrorfilme war. Bettinelli-Olpin und Gillett behalten dieses Spiel mit Genre-Regeln bei, aber sie verschieben den Fokus leicht. Der Film spricht weniger über die Regeln von Slashern als über das Phänomen der Franchise selbst – über „Legacy Characters“, Fan-Kultur und die bizarre Idee, dass Mordserien irgendwann Teil eines popkulturellen Mythos werden.
Ein Highlight bleibt dabei natürlich Ghostface selbst. Anders als Michael Myers oder Jason Voorhees ist Ghostface kein übernatürliches Monster, sondern eine Rolle – eine Maske, die jemand aufsetzt. Diese Austauschbarkeit gibt der Figur eine besondere Energie. Jeder Angriff wirkt weniger wie das Werk eines Mythos, sondern wie eine Entscheidung eines Menschen. Und Menschen sind unberechenbarer als Monster.
Die Gewalt ist in Scream VI spürbar härter als in früheren Teilen. Messer gleiten tiefer, Kämpfe dauern länger, und der Film hat weniger Angst davor, Figuren wirklich leiden zu lassen. Das verleiht den Angriffen eine physische Wucht, die man in modernen Horrorfilmen oft vermisst, wo Schnitte manchmal eher wie Videospielanimationen wirken.
Auch formal zeigt sich der Film überraschend selbstbewusst. Die Kameraarbeit – häufig in langen, nervösen Bewegungen – erzeugt ein Gefühl von permanenter Bedrohung. Brian Tylers Score mischt klassische Horror-Streicher mit pulsierenden, fast urbanen Beats. Man spürt, dass diese Geschichte nicht mehr in der ruhigen Vorstadt spielt, sondern in einer Stadt, die niemals stillsteht.
Natürlich bleibt Scream VI ein Franchise-Film. Das bedeutet: einige Figuren dienen eher als Schachfiguren im Whodunit-Spiel, und der finale Twist ist weniger schockierend als die Serie vermutlich hofft. Die Reihe lebt davon, dass man ständig versucht, den Täter zu erraten – und irgendwann kennt man die Tricks.
Aber vielleicht liegt der Reiz dieser Serie ohnehin nicht im Rätsel selbst, sondern im Spiel darum, denn der Film hat noch ein Ass im Ärmel: Tempo.
Mit knapp zwei Stunden läuft Scream VI schneller als viele kürzere Horrorfilme. Szenen enden oft genau dann, wenn sie könnten anfangen langweilig zu werden. Die Regisseure haben ein Gespür dafür, wann ein Moment Spannung braucht – und wann ein gut platzierter Witz die Luft wieder aus dem Raum lassen darf.
Vielleicht ist das das Geheimnis dieser Reihe: Sie nimmt Horror ernst, aber nicht sich selbst. Während viele moderne Slasher versuchen, düster und bedeutungsschwer zu wirken, erinnert Scream daran, dass Angst und Spaß im Kino oft dieselbe Währung sind.
Und genau deshalb funktioniert der Umzug nach New York so gut.
Ghostface war immer eine Figur der Vorstadtparanoia – der Gedanke, dass das Böse direkt hinter der gepflegten Haustür lauert. In Manhattan bekommt diese Idee eine neue Dimension. Hier kann der Killer überall sein: im nächsten Apartment, im nächsten U-Bahn-Waggon, vielleicht sogar direkt neben Ihnen.
In einer Stadt mit acht Millionen Menschen ist Anonymität ein Versprechen.
Für Ghostface ist sie eher ein Arbeitsvorteil.