„Was ist bloß mit diesem Land los?“
Hauptmann Günter Becks (Günter Naumann) vierter Auftritt innerhalb der DDR-Fernsehkrimireihe „Polizeiruf 110“ wurde ein ganz besonderer: Bei der im Sommer 1990 gedrehten und am 4. November 1990, also am ersten Jahrestag der Berliner Massendemonstrationen gegen die DDR-Führung und kurz nach Ende der Existenz ihres Staats, erstausgestrahlten Episode „Das Duell“ handelt es sich neben dem „Tatort“-Crossover „Unter Brüdern“ um die einzige, die die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche thematisiert. Ulrich Frohriep verfasste das Drehbuch, das Thomas Jacob, der zuvor bereits bei elf Beiträgen der Reihe Regie geführt hatte, inszenierte.
„Was ist das für’n Land, das seine Bürger zusammenschlagen lässt?“
Das Ministerium für Staatssicherheit zeigt sich angesichts der Leipziger Montagsdemonstrationen um die Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR herum beunruhigt und will vermeiden, dass sich Ähnliches in Berlin abspielt. Daher gibt Oberst Reuter (Helmut Schellhardt, „Ernst Thälmann“) bekannt, dass die Schutzpolizei von nun an dem MfS unterstellt sei. Becks Einsatz hat mit alldem zunächst einmal wenig zu tun: In einen Intershop wurde eingebrochen; der Täter stellt sich als Holm (Volker Herold, „Downhill City“) heraus, den Beck schon länger im Visier hat, nun auf frischer Tat ertappt wird, jedoch fliehen kann. Am Bahnhof Schönhauser Allee stößt er den jungen Mann Johann (Ralf Sählbrandt, „Der Staatsanwalt hat das Wort: Rosi fehlt“), der sich ihm in den Weg stellt, brutal die Treppe herunter und taucht im Demonstrationszug der DDR-Oppositionellen unter. Unter diesen erblickt Beck zu seiner Überraschung seinen Sohn Andreas (Peter Donath, „Abgehauen“). Als Beck von der Massenverhaftung von Demonstrant(inn)en erfährt, eilt er ins Präsidium, wo er unter den Festgenommenen seinen Sohn findet und entsetzt auf das brutale Vorgehen des MfS und der Polizei reagiert, die die Demonstrat(inn)en wie Kapitalverbrecher(innen) behandeln. Aufgrund der Demo-Teilnahme seines Sohns wird Beck in „Sippenhaft“ genommen und vom Dienst suspendiert. Zudem distanziert sich Andreas von ihm, weil er für die Exekutive tätig ist. Als Egon Krenz Erich Honecker als Generalsekretär ablöst und die Wende einleitet, wird Becks Suspendierung aufgehoben. Beck wehrt sich nun zusammen mit seinem Vorgesetzten Oberst Reuter gegen weitere Vereinnahmungsversuche durch das MfS und widmet sich erneut der Überführung Holms, der nach einem weiteren Einbruch eine Frau überfährt. Holm ist sich seiner Sache sehr sicher und glaubt, dass gerade angesichts der unruhigen Lage und des mangelnden Rückhalts der Polizei innerhalb der Bevölkerung ihm niemand mehr etwas anhaben kann. Doch Beck lässt Holm beschatten und lauert darauf, dass der brutale Verbrecher, der ein Menschenleben auf dem Gewissen hat und verantwortlich für Johanns Querschnittslähmung ist, einen Fehler macht…
„Unser neuer Generalsekretär hat die Wende eingeleitet!“
In dieser „Polizeiruf 110“-Episode ist die Rahmenhandlung interessanter als der eigentliche Kriminalfall um den skrupellosen Verbrecher Holm und bildet den eigentlichen Kern des Geschehens. Fernsehbilder des 40. DDR-Nationalfeiertags gehen über in Becks Einsatz am Tatort, der ihn direkt in den Demonstrationspulk treibt. Eine ausdrucksstarke Einstellung vermittelt bildlich, wie Beck im wahrsten Sinne des Wortes zwischen den Fronten steht. In Dialogen mit einem Polizisten reflektiert er zunächst noch unschlüssig die ungewöhnlichen Vorgänge, auf die Beteiligung seines Sohns reagiert er empört. Seine Frau Thea (Annekathrin Bürger, „Klassenkameraden“) wiederum schlägt sich eher auf Andreas‘ Seite. Die Polizeigewalt gegen im offiziellen Jargon als „Konterrevolutionäre“ bezeichnete Demonstrant(inn)en wird thematisiert und angemessen harsch kritisiert, Beck beginnt nach der Konfrontation mit ihr umzudenken. Dennoch wendet sich sein Sohn von ihm ab, er wird aufgrund seines Berufs sogar aus seiner Stammkneipe geworfen. Authentisierungsmaßnahmen sind originale TV-Bilder, u.a. Krenz‘ Amtsantritts, die korrekt wiedergegebene Chronologie der tatsächlichen Ereignisse und die Erwähnung der außerparlamentarischen Opposition, des Neuen Forums. Honecker-Porträts werden aus den Amtsstuben entfernt, Beck und seine Frau diskutieren durchaus kontrovers Krenz‘ Rolle im Staat. Polizeichef Genosse Oberst wiederum leugnet die Polizeigewalt, bei ihm ist die Wende nicht angekommen. Er steht stellvertretend für diejenigen, über die die Geschichte schließlich siegen wird, für die Vertreter der alten Ordnung, mit denen die Polizei nun offen streitet – denn diese Episode handelt auch vom Wiederentdecken von Streit- und Diskussionskultur, von den neuen Möglichkeiten des offenen Widerspruchs, von der Entmachtung alter autoritärer Strukturen.
„Ich bin für Recht und Ordnung zuständig, nicht für Politik!“
Damit fängt dieser „Polizeiruf 110“ perfekt die damalige gesellschaftliche Stimmung ein, wohlgemerkt in abstrakter Form, indem er die verschiedenen Positionen mit bestimmten Figuren besetzt – bis hin zum kriminellen Subjekt, das zum Nutznießer des politischen Umsturzes zu werden plant. Bisweilen verliert die Handlung ein wenig an Brisanz, wenn sie sich wieder Becks Jagd auf Holm widmet, steuert jedoch auf eine unerwartete Pointe zu, in der die innerdeutsche Grenze noch einmal eine entscheidende Rolle spielen darf. Innerhalb einer Sequenz wird Holms Freundin Doris (Kati Grasse, „Der Staatsanwalt hat das Wort: Das Wunschkind“) im Übrigen überraschend erotisch in Szene gesetzt, ein Hauch von Bonnie & Clyde schwingt mit. Demgegenüber wird indes die Tragik des querschnittsgelähmten Johanns gestellt, dessen Beziehung zu seiner sympathischen Lebensgefährtin Anna (Anja Kling, „Grüne Hochzeit“) infolge seiner Behinderung schwer kriselt und die verheerenden Folgen der Skrupellosigkeit Holms doppelt und dreifach unterstreicht. In diesen Momenten bewegt man sich gewissermaßen im gewohnten „Polizeiruf 110“-Sujet.
„Warum haben wir das nur so lange mitgemacht?!“
Becks Akzeptanz der Wende, sein glaubwürdiger Bewusstseinswandel in Bezug auf die gesellschaftliche und politische Realität, qualifizierte ihn für weitere „Polizeiruf 110“-Einsätze nach dem Beitritt der DDR zur BRD. Somit ist „Das Duell“ nicht nur ein geschichtlich und kulturell hochinteressantes Zeitdokument, sondern auch eine Zäsur innerhalb der Reihe, die beweist, wie nah am Zeitgeist sie im Zweifelsfall sein konnte. Lediglich in einem Moment schießt man, bei aller verständlicher Wut, übers Ziel hinaus: Wenn Beck „40 Jahre haben die uns beschissen! Eine Handvoll Schmarotzer!“ schimpft, muss man festhalten, dass die Selbstbereicherungen der SED-Politelite nun wirklich kein Vergleich zu den üppigen Summen sind, die deren korrupte, im Auftrag kapitalistischer Lobbys agierende BRD-„Kolleg(inn)en“ in die eigenen Taschen gewirtschaftet haben…