Review

Staffel 1

Ein Schicksalsschlag, der ihm seine kleine Familie nahm, hat Dr. David Hunter (Harry Treadaway) aus der Bahn geworfen - seitdem ist der einstmals hervorragende forensische Anthropologe vulgo Leichenbeschauer nicht mehr derselbe. Um mit der Vergangenheit abzuschließen, zog er aus der Großstadt in die britische Provinz nach Manham/Norfolk, wo er - klar unterfordert - als Assistent eines Dorfarztes Bagatellarbeiten erledigt. Als dort in einem Wald die Leiche einer Frau gefunden wird, wendet sich die örtliche Polizei, die dabei nicht recht weiterkommt, an Hunter. Der steht damit vor der Frage, ob er weiterhin sein beschauliches neues Leben beibehält oder ob er wieder an frühere Zeiten anknüpfen und sein hervorragendes forensisches Gespür und Fachwissen in den Dienst der Polizei stellen soll. Dr. Hunter entscheidet sich für Letzteres.
Es dauert auch gar nicht lange, da kommt der Forensiker durch Untersuchungen am Fundort der Leiche (und weniger an deren Körper) dem Täter auf die Spur. Doch der geistig zurückgebliebene junge Mann, der die Tote mit Flügeln aus Gänsedaunen drapiert hat, kann dies unmöglich aus eigenem Antrieb bewerkstelligt haben. Der Täter hat jedoch bereits Hunters Freundin gekidnapt und es gelingt dem zurückhaltenden Forensiker nur mit großer Mühe, sie wieder zu befreien.
Solchermaßen wieder in der beruflichen Spur, wartet bereits der nächste Fall auf den Anthropologen, diesmal geht es um eine verkohlte Leiche in einem verfallenen Haus auf einer Hebriden-Insel. Dr. Hunter gelingt es schnell herauszufinden, daß das Opfer weiblich war und ermordet wurde, während ihm seine örtlichen Kollegen staunend zusehen. Dann jedoch scheint irgendjemand von den Inselbewohnern großes Interesse daran zu haben, daß nicht weiter ermittelt wird. Zur Ablenkung sterben zuerst ein junger Polizist, später eine Hobby-Reporterin in ihren Autos, die jeweils in Brand gesetzt wurden.
Dummerweise herrscht gerade Sturm und miserables Wetter, sodaß die einzige verbliebene Polizistin vor Ort, Josie Fraser (Neve McIntosh), keine Verstärkung vom Festland anfordern kann. Sie, Dr. Hunter und ein pensionierter Beamter sind vorerst die einzigen, die noch Beweise sichern, während sie sich im zunehmend feindlicher werdenden Klima gegen die mißtrauischen Fischer unter deren Anführer Captain Iain Kinross (Stuart Bowman) behaupten müssen...

Die Romane des britischen Krimiautors und Journalisten Simon Becketts, besonders jene, die rund um den Forensiker Dr. Hunter angesiedelt sind, erfreuen sich einer gewissen Beliebtheit, und so nimmt es nicht Wunder, daß davon auch die Filmindustrie profitieren wollte. Die Produktionsfirma Paramount+ allerdings beging bei der Auswahl der Bücher schon ihren ersten großen Fehler, nämlich gleich zwei Romane auf einmal (die titelgebende Chemie des Todes sowie den in der Staffel deutlich mehr Screentime in Anspruch nehmenden Kalte Asche) in einer einzigen Staffel unterbringen zu wollen. Die Idee dahinter war vermutlich, mit dem ersten Buch die Figur des Dr. Hunter für den Zuschauer einzuführen, um ihm dann mit dem zweiten Roman ein wenig mehr Raum zu geben - das Ganze allerdings in nur 6 Episoden zu je etwa 40 Minuten. Ein Unterfangen, das ziemlich in die Hose gegangen ist, denn der erste Fall, Die Chemie des Todes, der durchaus Potential für eine ausführlichere Umsetzung gehabt hätte, wird recht gehetzt in den ersten beiden Episoden abgearbeitet, um zu Beginn der dritten dann abrupt "gelöst" zu werden - und ehe man sichs versieht, ist Dr. Hunter schon auf der schottischen Insel angekommen.

Fehler Nummer 2 ist die Besetzung der Hauptfigur mit Harry Treadaway: abgesehen davon, daß der hagere Brite Baujahr 1974 viel zu jung erscheint, um ihm die angedichtete Rolle als Koryphäe auf dem Gebiet der Forensik abzunehmen, macht ihn das Drehbuch zu einem antriebslosen Jammerlappen, der permanent unter Flashbacks leidet, in denen er allüberall seine verstorbene kleine Tochter in roter Jacke wiederzusehen glaubt. Dies geschieht derart häufig, daß es einem schon nach kürzester Zeit schwer auf die Nerven geht, zumal dies die eigentliche Story kein bißchen weiterbringt. Davon abgesehen erfährt man bis zum Schluß nicht, worin die damalige Familientragödie, in welcher Hunter Frau und Tochter verlor, eigentlich bestand. Wissen will man das aber ohnehin schon bald nicht mehr.
Dieser schlafmützige Dr. Hunter scheint erst dann zu erwachen, wenn er den Fundort einer Leiche untersucht: dann aber er gibt interessante Fakten zur menschlichen Verwesung von sich, ja doziert regelrecht und ist voll in seinem Element. Kurzum: dieser Hauptdarsteller besitzt hinsichtlich seines Verhaltens und mangels jeglicher Austrahlung nicht die geringste Eignung als Sympathieträger.

Da der erste Fall mit den bizarren, mit Flügeln versehenen Frauenleichen zwar interessant beginnt, dann aber im Schnellverfahren verwurstet wird, gilt das Hauptaugenmerk erzwungenermaßen dem zweiten, dem Insel-Fall. Dort allerdings gibt es nur holzschnittartige Figuren zu erleben, wie eine ältere Polizistin, die dem Alkohol zugetan ist, eine Frauenärztin, die mit der Untreue ihres Mannes zu kämpfen hat, einen engagierten jungen Polizisten, der vorhersehbarerweise bald ermordet wird, einen "reaktivierten" Pensionisten, der den Fremden (hier: Dr. Hunter) vor der Verschlagenheit der Inselbewohner warnt (obwohl er selbst sein ganzes Leben unter ihnen gelebt hatte - wtf?), eine asiatischstämmige Journalistin, die auch nicht lange lebt sowie einen bauernschlauen Fischer, der mit dem Schmuggeln sein Geld verdient und Stimmung gegen die Polizei macht. Dessen Sohn ist dann aber, wenig überraschend, ein weichherziger netter Kerl. Und natürlich spielt das miserable britische Wetter mit Starkregen eine tragende Rolle: es läßt Funknetze ausfallen, deckt Dächer über Leichenfundorten ab,  läßt aber freundlicherweise auch Leute in ihren Autos ver- und Kliniken abbrennen. Den Filmcharaktären ists egal, sie werden ohnehin kaum nass, lassen im Sturm ihre Anoraks offen etc.

Die Chemie des Todes bewegt sich - zumindest ab Mitte der 3. Episode - auf solidem TV-Niveau, ahmt ein bißchen andere Krimiserien nach, bietet jedoch weder besondere Vorkommnisse noch herausragende Darsteller - alles plätschert gemächlich vor sich hin. Ganz zum Schluß gibt es noch zwei Wendungen, von denen die eine nur für etwas künstliche Dramatik sorgt, die andere dagegen völlig unglaubwürdig erscheint (Stichwort: der alte Mann). Tatsächlich ist die Serie nur in den wenigen Momenten interessant, in denen Dr. Hunter über Verwesungsprozesse und deren Begleitumstände doziert - doch mit diesen kaum 10 Minuten kann man natürlich keine mehrteilige Serie füllen, zumal der Flashback-Forensiker den Rest der Laufzeit als Langweiler par excellence auftritt. Weitere Staffeln in dieser Tonart kann man sich daher getrost schenken - für diese reicht es für gerade noch 3,51, sprich 4 Punkte.

Details
Ähnliche Filme