Aus der Dunkelheit kommen Schmerzen
Man soll sich keine Meisterwerke nehmen und sie remaken, sondern verbesserungswürdige, mittelmäßige Filme und um sie im besten Fall mit heutigen Mitteln runderneuert und überlegen neu zu machen. „The Boogeyman“ (2023) ist ein sehr gutes Beispiel, wie man es ziemlich richtig macht. Diese moderne und verdammt spannende, pulstreibende Stephen King-Verfilmung macht sehr viel korrekt, verbindet Atmosphäre, Spannung und Schocks, geht vor allem anfangs wirklich unter die Haut und macht auch noch Spaß. All das ist eine erfolgreiche Mischung und einer der besseren Mainstreamgrusler seit langem. Erzählt wird in einer gewieften Mischung aus „Lights Out“ und „Babadook“ von der Urangst vor der Dunkelheit, vor dem Verlust geliebter Menschen, besonders Eltern oder gar Kindern, von einem alleinerziehenden Vater zweier Mädels, die nach einem scheinbaren Selbstmord in deren Haus von einem nächtlichen Besucher aus der Schattenwelt geplagt werden…
Ich fresse eure Babies!
Es gibt viele Horrorfilme mit „Boogeyman“ im Titel - diese Version von Rob Savage setzt zumindest in dieser Gruppe neue Maßstäbe. Er hat mir schon mit „Dashcam“ und vor allem „Host“ gehörig Angst wie Laune gemacht, sich verständlicherweise zu einem gefragten Horrorregisseur gemausert. Nun darf er mit diesem recht oldschooligen Monstermovie deutlich näher an den Mainstream - mit mehr Budget, mehr Möglichkeiten, mehr Bekanntheit und mehr 90s-Vibes. Nah an sowas wie dem „Poltergeist“-Remake - aber eben in gut. Ebenso mit leichten J-Horror-Hommagen. Savage spult eine routinierte bis höchst versierte Achterbahnfahrt der Jumpscares, Grimassen und Überraschungen ab. Erst recht wenn man vorher nicht den zu viel zeigenden und sogar vortäuschenden Trailer gesehen hat. Coole Settings und Ideen, das Spiel mit Licht, Schatten, Dunkelheit, ein echt fies-tolles Monsterdesign und nicht nur keine Angst vor Kindern als Opfer, sondern das gleich nahezu als Hauptthema. Da kann man nicht meckern. Natürlich kommen auch Klischees und gewohnte Muster nicht zu knapp - von der gebeutelten Familie über die Möglichkeit das Monster als Metapher zu sehen bis hin zu Szenen wie „Da ist glaube ich gerade etwas unter's Bett gekrabbelt“. Dennoch kann er Tempo, Interesse und Puls teils immens hoch halten - was man von etlichem Horror aus Hollywood sonst nicht sagen kann. Erst im letzten Drittel, wenn er letztendlich vollends zu einem Monstermovie fast in der Nähe eines „A Quiet Place“ wird, verliert er seine Wirkung. Nicht ganz, aber doch enorm. Vor allem weil er spätestens dann auch seine internen Regeln total verwässert und verwirrend bricht. Das ist schade, nimmt aber nicht genug, damit ich von einem positiven Urteil abweiche. Ein weiterer Pluspunkt ist seine top Kinderdarstellerin.
Fazit: sehr düsterer, spannender und (eher psychologisch-)unangenehmer Creature-Schocker, der sein Original aus den 80ern wortwörtlich in den Schatten stellt und zerfleischt… Dieser Boogeyman aus 2023 hat es in sich und gehört auf jede Horrorliste in diesem Jahr!