Eine der wichtigsten Regeln des Horrorfilms lautet: Überquere niemals die Grenze zwischen Licht und Dunkelheit. Denn im Dunkeln, da hausen die Monster. Das macht Silberfische vermutlich zu den Urvätern aller Filmmonster. „The Boogeyman“ ist beileibe nicht der erste Silberfisch-Horrorfilm. Es ist auch bei weitem nicht der erste, der den „Boogeyman“ im Titel trägt. Es ist ja nicht einmal die erste Verfilmung der gleichnamigen Kurzgeschichte von Stephen King. Mit welchem Recht sollte man ihm also überhaupt Aufmerksamkeit schenken?
Mit dem Recht der Gelegenheit womöglich. Wer zufällig über das Poster stolpert und nicht gleich angeödet zum nächsten Titel zappt, der kann genauso gut mal einen Blick investieren, denn: what you see is what you get. Strampelkäfige mit klimpernden Mobiles, Schranktüren mit gähnenden Löchern aus Schwarz, Wohnbereiche, die sich etappenweise in Hell und Dunkel aufteilen und eine nie ganz sichtbare Kreatur, ein wenig größer als ein Silberfisch zugegeben, die Parcours läuft. Kings Story um einen Familienvater, dessen drei Kinder vom Boogeyman geholt wurden, wird nur als Aufhänger verwendet, um die Story auf den Psychiater zu verlagern, dem all das geschildert wird. Die unauffällige Regie scheucht unauffällige Darsteller durch die Kulissen und lässt sie gegen eine nur halb physisch präsente Entität ankämpfen, die immer mit einem Bein im Geisterreich zu schweben scheint, dann aber doch zum Erschrecken aller Mütter und Väter dazu in der Lage ist, das Mobile im Prolog mit Blut zu besudeln. Keine Gefangenen, egal wie alt. Immerhin.
Wer David Sandbergs „Lights Out“ gesehen hat, wird einige Parallelen feststellen. Abgesehen von der nackten Licht-an-Licht-aus-Mechanik wird auch hier wieder mit stimmungsvollen Grün-Rot-Leuchten und Beleuchtungsintervallen gearbeitet. Wie bei Sandberg spürt man die gespeicherte heiße Luft, die entsteht, wenn man eine Kurzgeschichte zum Langfilm aufbläst. Atmosphärisch wird man aber fast noch eher in die wenig anspruchsvollen, aber zumindest effektiven Schocker der 00er Jahre gesogen: „The Dark“ (2005), „Der Fluch von Darkness Falls“ (2003) und, natürlich, „Boogeyman – Der schwarze Mann“ (2005).
Die Bedrohung ist diesmal ein Goblin mit Spinnenbeinen, der in ganzer Pracht lediglich auf einer Kinderzeichnung zu sehen ist und der ansonsten wie eine Hauswinkelspinne in den unmöglichsten Ecken des Eigenheims lauert, um seine Augen funkeln zu lassen wie ein entflohener Riddick. Keine Überraschungen an dieser Front. Das hat ein „No One Will Save You“ mit seinen raffinierten Erweiterungen eines im Ansatz ebenso altmodischen Creature Designs besser hinbekommen.
Bis zum Ende bleibt der Kampf der verfluchten Familie gegen das ungreifbare Ding einigermaßen spannend, nein, sagen wir lieber interessant, weil die zwielichtige Inszenierung des Boogeyman zum Glück bis zum Abspann nicht für eine überzogene Spezialeffekte-Orgie geopfert wird. Andererseits wird gerade bei seinen Fähigkeiten, Menschen zu imitieren, nicht einmal ansatzweise das Creep-Potenzial ausgeschöpft. So wie überhaupt permanent Regeln in den Raum geworfen werden, nur um sie dann in logisch betrachtet fragwürdigen Auflösungen wieder über Bord zu kippen. Auch das tragische Los der befallenen Familien wird vom Drehbuch nicht ausreichend greifbar gemacht. So bleibt ein technisch maximal durchschnittlicher Goosebump-Schocker, der ebenso schnell gesehen wie vergessen ist – zumal der besondere Gimmick-Effekt von „Lights Out“, „Smile“ und Konsorten mit einer Leuchtkugel und ein paar Kerzen bestimmt nicht erreicht wird.