Das Weihnachtsfest im andalusischen Málaga ist im Jahre 2010 ziemlich verregnet, doch das hält die kleine dreiköpfige Familie nicht davon ab, sich den traditionellen Umzug am Marktplatz anzuschauen. Im abendlichen Trubel zwischen all den Leuten will der Papa (Raúl Prieto) gerade einen von der kleinen Tochter gewünschten Luftballon kaufen, als Amaya, für Sekundenbruchteile aus den Augen gelassen, plötzlich verschwunden ist. In heller Aufregung suchen die Eltern Ana (Loreto Mauleón) und Alvaro nach ihrem Kind, laufen die Strassen und Gassen ab, doch die Sechsjährige bleibt verschwunden.
Völlig konsterniert schalten sie die Polizei ein, die immerhin kurz darauf die Regenjacke der Kleinen in einem Hauseingang findet, doch von dem Kind selbst fehlt nach wie vor jede Spur. Zeugenbefragungen in den darauffolgenden Tagen führen ins Nichts, auch die Zeitungen berichten, am Ende wird eine landesweit übertragene Suche per TV geschaltet, in der die verzweifelten Eltern auftreten, doch Amaya, die offenbar entführt wurde, taucht nie wieder auf.
Besonderes Interesse weckt der Fall bei Miren (Milena Smit), die ein Volontariat bei einer örtlichen großen Zeitung absolviert - die blasse junge Frau wurde einst selbst Opfer eines Gewaltverbrechens und vermeint Parallelen zu ihrem eigenen Schicksal zu erkennen. Auf eigene Faust ermittelt sie von Anfang an zu Amayas Verschwinden, gerät dadurch auch mit Angehörigen der Hinterbliebenen aneinander, läßt sich jedoch nicht beirren und erfährt dabei stets wohlwollende Unterstützung durch den väterlichen Freund und Mentor Eduardo (Jose Coronado), einen früheren Journalisten und heutigen Honorarprofessor.
Längst ist der Fall aus den Schlagzeilen verschwunden und als Cold Case ermittlungstechnisch zu den Akten gelegt, als exakt an Amayas 12. Geburtstag im Jahre 2016 ein anonym an die Zeitungsredaktion verschicktes VHS-Band auftaucht, das in einer kurzen Sequenz ein in ihrem Kinderzimmer spielendes Mädchen zeigt - es ist Amaya, der es offensichtlich nicht schlecht geht. Ein Lebenszeichen nach all den Jahren vergeblichen Hoffens bedeutet für die Beteiligten, allen voran natürlich die Eltern, einen emotionalen Schock, und es werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, den Urheber des Tapes ausfindig zu machen: wo ist das titelgebende Mädchen im Schnee (so benannt, weil außer den wenigen Sekunden auf dem ansonsten unbespielten Band nur Rauschen bzw. "Schnee" zu sehen ist), wo ist Amaya?
Mit der Prämisse einer entführten 6-Jährigen weiß die auf einer Romanvorlage basierende spanische Netflix-Produktion La chica de nieve schnell das Publikum zu fesseln, auch die anschließende (vergebliche) Spurensuche hält den Spannungsbogen konstant weit oben, bis das ominöse VHS-Tape dem Fall eine neue Wendung zu geben scheint. Währenddessen wird langsam der Filmcharakter von Miren aufgebaut, einer traumatisierten jungen Frau, die als Außenstehende ganz andere Lösungsansätze als die Polizei parat hat und im Lauf der sechsteiligen Serie durch ihre Beharrlichkeit bald zur Hauptdarstellerin wird.
Geschickt offeriert das Drehbuch verschiedene Perspektiven auf den Fall, schürt Verdachtsmomente gegen Beteiligte und läßt die junge Journalistin auch mal gegen die Wand rennen, bevor ab der 5. Episode recht unvermittelt gezeigt wird, was damals auf dem weihnachtlichen Marktplatz 2010 tatsächlich geschah. Ab diesem Zeitpunkt spielt der Film - trotz weiterer unverzichtbarer Rückblenden vor allem in Marlens Vorleben - in der Gegenwart, bleibt aber bis zum Schluß weiterhin dramatisch und spannend, vor allem dadurch, weil auch dem/den Täter(n) ungewöhnlich viel Raum zur Entfaltung gegeben wird. Die plotseitig angeschnittenen Thematiken berühren dabei diverse Formen des Mißbrauchs und sorgen über das Filmende hinaus für Diskussionsstoff - mehr sei aus Spoilergründen allerdings nicht verraten.
Hervorzuheben ist die bemerkenswerte Performance von Milena Smit, die in ihrer Rolle voll und ganz aufzugehen scheint und das blasse, optisch wenig attraktive Opfer männlicher Gewalt mit dicken Augenringen und entsprechender Mimik jederzeit glaubhaft rüberbringt, nach wie vor leicht zu triggern ist, dabei auf jeden Mitleids-Bonus förmlich scheißt und ihre erlittenen Traumata stattdessen mit investigativem Journalismus zu bekämpfen versucht - eine darstellerisch starke Leistung der 26-Jährigen, erst recht im Hinblick darauf, daß sie keine Sekunde lang als Sympathieträgerin taugt.
Erfreulicherweise stimmt die Serie auch nicht in den zuletzt viel zu häufig gehörten Chor "alle Männer sind Schweine" ähnlich gelagerter Filmthematiken ein, sondern entwirft ein deutlich differenzierteres Bild der angedeuteten, aber nie offen ausgesprochenen Schattenseiten einer Gesellschaft - und wohl sicher nicht nur der spanischen.
Mit 6 Folgen ist Das Mädchen im Schnee nicht nur vom Erzähltempo, sondern auch von der Länge her genau richtig, verfranst sich kaum in unwichtigen Subplots, weist nur wenige, zum Schluß hin zwar vermehrt auftauchende (Stichworte: Explosion, Bankangestellter), die Handlung aber nie wirklich ausbremsende Logikfehler auf und ist daher nicht nur Krimifreunden zu empfehlen: 8,49 Punkte.