Es gibt immer noch Serien und Filme, die effektiv in Vergessenheit geraten sind und nun von Schatzgräbern des Internets wieder ans Licht gebracht werden, wenn denn die Briten nicht so gründlich gewesen sind, die ganzen Bändern zwecks Wiederverwertung bis 1974 zu löschen oder die Amis die Chosen in ihren „Vault Fires“ versehentlich abgefackelt haben.
Nachdem ich „Out oft he Unknown“ wieder hervor“geschürft“ hatte, sind noch andere, kleinere, Serien in die Startlöchern vorgerückt. Eine davon, die mir bis vor sechs Monaten sogar via des gefräßigen Youtube und der allwissenden Wiki total unbekannt waren (die Serie hat z.B. gar keine Wiki-Seite) ist „The Frighteners“ von 1972. Effektiv eine Art Nachfolgeprojekt zu der ebenfalls kaum noch bekannten, aber immerhin früher auf DVD ausgewerteten Gruselserie „Tales of Unease“ von 1970, bot „The Frighteners“ 1972/73 für 13 Folgen lang den Zuschauern im TV grimmige Unterhaltung mit makabren Untertönen, wobei allerdings die übernatürlichen Elemente in diesem Fall ausgespart wurden. (Weswegen ich auch das entsprechend aus Unkenntnis gesetzte Genre „Horror“ wieder entfernt habe!)
Es handelt sich um 13 halbstündige Dramen oder Thriller, die entweder effektiv ein Gefühl von Angst oder Bedrohlichkeit provozierten, psychische oder psychologische Untiefen ausloteten und nicht selten mit einem fiesen Twist endeten, ähnlich den Serien „Alfred Hitchcock presents“ und „Thriller“ (sowohl die US- wie auch die UK-Version der 70er).
Dabei versuchten die Macher keinen durchgehenden Look zu generieren, sondern einen gewissen Tonfall beizubehalten, wohingegen die schmalen TV-Budgets häufig nur Kammerspiele zuließen, die man möglichst effektiv in Szene setzen wollte. Merkmal ist meistens ein – hauptsächlicher – Spielort, wie bspw eine Fahrkabine, ein Klassenzimmer, eine Hochhauswohnung oder ein Wohnzimmer bei Nacht.
Bisweilen kann und konnte man bereits schnell vorahnen, wohin die Reise ging, bisweilen haben die Autoren aber auch die eine oder andere unerwartete Idee aus der Tasche gezogen. Dennoch ist das Ergebnis selten wirklich mitreißend, dafür aber bleiben manche Episoden relativ lange im Gedächtnis hängen, weil sie meist ausnehmend gut gespielt sind.
Die eher herbe psychologische Natur, gepaart mit der Tendenz zum Downer, bewirkte dann auch, dass die Serie häufig im späten Abendprogramm quasi „versteckt“ wurde und auch nicht sonderlich viel Resonanz erfuhr, zusätzlich gebeutelt durch verschiedene Technikerstreiks, die schließlich bewirkten, dass zwei der dreizehn Episoden nur in Schwarz-Weiß gedreht werden konnten, der Rest war in Farbe.
Hier jetzt ein paar Eindrücke zu den einzelnen Episoden in der Ausstrahlungsreihenfolge:
Los geht es mit „The Minder“ (1), einer Story, die sicherlich auch harte Gangsterfilme hat inspirieren können. Ausgehend von einer Befreiungsaktion eines Gangsterboss aus dem Krankenhaus, spielt der Rest der Folge in einer fast leeren Hochhauswohnung, wobei der Verletzte zunehmend misstrauisch ist, ob seine rechte Hand sich nicht eventuell von der Gegenseite hat kaufen lassen und ihn nun in eine tödliche Falle gelockt hat. Das ist alles ein wenig brüchig konstruiert und sehr textlastig, erfährt aber halbwegs seine Rettung durch einen gut vorbereiteten Schlusstwist. Als Beginn und Guy-Ritchie-Blaupause ohne Humor leider nur mittelmäßig.
Leider ahnt man auch bei „The Night of the Stag”(2) schon reichlich früh, worauf die Story hinaus läuft: die verschmähte Ex-Freundin, die sich in den Junggesellenabschied ihres Ex drängelt, seine neue gemeinsame Wohnung sehen will, dort übernachtet, aber gar nicht gehen will. Jenny Linden ist als „Ginny“ leider ein wenig zu bissig, um die erwartbare Pointe besonders zu machen. An dieser Stelle hatte ich mir um mangelnde Originalität schon etwas Sorgen gemacht.
Gänzlich in einer Garage auf dem Land spielt „Old Comrades“ (3), man erlebt mit, wie zwei Ex-Soldaten ihren ehemaligen Sergeant besuchen, mit dem sie offenbar noch eine Rechnung offen haben, die dieser wohl vergessen hat. Der Hauptgrund, diese Episode zu sehen, liegt bei John Thaw („The Sweeney“) und George Innes, die die psychopathisch fröhlich angehauchten Besucher mit beängstigender Intensität spielen. Die Richtung des Plots ist auch hier wenig überraschend, da wieder stark textgebunden, aber das Finale ist ein wenig anders, wenn es darum geht, militärischen Drill auf den Kopf zu stellen.
Generell gilt „The Manipulators“ (4) als eins der Highlights der Serie und auch in Sachen Optik und Inszenierung kommt hier endlich mal Bewegung in die Sache. Zwei Männer unternehmen von einer Wohnung aus eine Art psychische Folter für ein gegenüber lebendes Ehepaar mit Baby, wobei sie die Eheleute pawlowesk „abrichten“, indem sie anrufen, schreiben und Gerüchte über Untreue streuen. Unterbrochen wird das immer wieder von einem halb automatisierten Schreibmaschinenkurs, an dem die Ehefrau teilnimmt und dort nach Stakkatobefehlen und Leuchtreflexen tippen lernt. Die Soundkulisse ist beachtlich, die Moral wird gleich mit im Dialog geliefert und die Story hat bei 25 Minuten sogar Zeit für einen Dreifachtwist, der 1972 wohl noch ganz schön herbe war, aber auch heute noch funktioniert. Eine beachtliche Leistung, für die der bekannte Regisseur Mike Hodges die Lorbeeren einfahren kann.
Noch viel besser hat mir allerdings „The Disappearing Man“(5) gefallen, denn die Folge ist nicht nur verstörend und konsequent, sie weist auch bemerkenswerte Parallelen zu vielen Motivationen von Amokattacken auf, wie sie heute ständig vorkommen. Victor Maddern spielt den mausgrauen Harry, der so in sich gekehrt im Abfallbusiness arbeitet, dass seine Anwesenheit häufiger mal nicht mehr wahrgenommen wird – teilweise nicht mal von ihm selbst. Das ginge noch, wenn nicht auch alle anderen Menschen seines Lebens, darunter seine Gattin, die Nachbarn, Freunde im Pub und Leute auf der Straße ihn – bewusst oder unbewusst – nicht mehr zu bemerken scheinen. Als seine Name auf einer Liste für Wohnungssuchende nicht mehr auftaucht, beschließt er, auf sich aufmerksam zu machen. Harrys Schicksal ist wahrlich zunehmend horribel und mit böser Ironie gewürzt, wenn er etwa gegen Ende vor zwei Polizisten eine Ladenscheibe einschmeißt und die Beamten so tun, als hätten sie nichts gesehen, weil sie sich im Pub haben voll laufen lassen und den Anschein wahren wollen. Der visuelle Angelpunkt dieser Episode (die dankbar an mehr als einem halben Dutzend Schauplätzen spielt) ist Harrys Reflexion in einem Subway-Fenster, die seine Erfahrungen wiederspiegelt. Insgesamt meisterhaft.
Eher mittelprächtig ist dann wieder „Firing Squad“ (6), in welcher ein Söldner mit seinem Lohn nach London zurückkehrt und von seinen betrogenen Kameraden in Empfang genommen wird. Die wollen in erster Linie das Geld als Rache, aber solche Dinge laufen eben mal aus dem Ruder. Interessant ist, dass die zweite Hälfte der Folge komplett im leeren Chelsea-Stadion der frühen 70er spielt, aber für den hier angesetzten Twist bietet die Folge den vier Charakteren nicht genügend Raum, um sie am Ende außer mit einem Augenzwinkern wirklich funktionieren zu lassen – ein doppelter wäre besser gewesen.
Schön creepy ist wiederum die in s/w gedrehte Folge „Miss Mouse“ (7), in der ein sich streitendes Ehepaar nach einem Abendvergnügen in seine Hochhauswohnung zurückkehrt, wo die titelgebende Nachbarin von ihrer Wohnung aus akustisch auf das Kleinkind des Paars aufgepasst hat. Eine Affekthandlung lässt die Ehefrau tot zurück, aber diese Babyphone laufen natürlich weiter und so hat die freundliche Nachbarin plötzlich ein Pfand in der Hand, wie sie ihre eigenen Lebensumstände künftig verbessern könnte, wenn sie den Mord als Unfall bezeugen sollte. Hier kommt dann tatsächlich der notwendige Doppeltwist, den man nicht verraten sollte, aber er ist schon ziemlich gemein, aber eben schwarzhumorig genug, um die Folge sehr erinnerungswert zu machen.
„The Treat“ (8) ist für 1972 sicher noch relativ untypisch gewesen, denn es geht, so semi durch die Blume, um Homosexualität. Ian „Bilbo“ Holm spielt einen Heimaufseher, der mit drei alten Heiminsassen, alle früher in der Armee, auf einen Wanderausflug in die Natur geht. Die drei Herren sind nicht mehr sonderlich gut beieinander, ziemlich kindisch und vielleicht schon etwas dement, verstehen aber von den Umständen in ihrem Heim noch genug, um auf drastische Art und Weise das durchzubringen, was sie interessiert. Die Folge schlingert in der zweiten Hälfte ein wenig auf der Stelle, weist aber ein unangenehme Pointe auf und dräut die ganze Zeit vor sich hin, was auch dem Augenrollen und merkwürdigen Gesabbel der alten Herren hängt. Nicht zum Wohlfühlen, aber gut.
Sehr beliebt ist auch „Bed and Breakfast“ (9), die ein Pärchen zeigt, welches mitten in der Nacht per Auto ein abgelegenes Haus ansteuert. Sie bringen selbst ein Schild an, welches anzeigt, dass es sich um eine Pension handelt und argumentieren sich dann mit sanftem oder wenigster sanftem Druck ins Innere, um ein Zimmer für die Nacht zu bekommen. Ian Hendry ist großartig als mit sanfter Stimme, aber nur mühsam unterdrückter Wut, schwadronierender Vorausgänger der „Home Invasion“, während das ältere Ehepaar nicht weiß, wie ihm geschieht. Doch positiv gesehen ist auch hier eine Wendung mit dabei, die an einem tragischen und gleichzeitig bösartig-komischen Punkt führt, den man am Anfang so nicht erwarten kann. Muss man erlebt haben, lohnt sich aber durchgängig.
Richtig schön abgründig gerät dann „You remind me of someone“ (10), was ein Anhalter äußert, der sich irgendwie in die LKW-Kabine eines Truckers argumentiert und auf der Reise nach Newcastle immer häufiger äußert, der Fahrer sähe aus wie der Mann, mit dem sich seine Frau immer getroffen hat – sie könnten glatt ein- und dieselbe Person sein. Die Sache wird immer bedrohlicher, denn der Mann hat eine Waffe und dazwischen geschnitten sind Szenen von dem Haus, aus dem er am Anfang der Folge in verdächtiger Natur losgefahren ist und welches jetzt von den Behörden geöffnet wird. Anders als sonst ahnt man auch hier schnell, das hier ganz übel etwas nicht stimmt, aber der faselnde Jack Hedley als bedrohlicher Anhalter ist eine faszinierende Figur und der Schlusstwist ist zwar eine Variante, die es auch schon in Hitchcocks Serie gab, hat aber andere, furchtbarere Vorzeichen.
Liefen die ersten 10 Folgen von Juni bis September strukturiert durch, wurden die letzten drei Folgen erst im Mai/Juni 1973 ausgestrahlt. Die schwächste, aber dennoch intensive Folge ist sicherlich „The Classroom“ (11), die nicht mehr als ein Zwei-Personen-Stück ist. Patience Collier ist eine beliebte Lehrerin, die an diesem Abend ihren Ruhestand begeht und Clive Swift ist ihr Schüler von vor 30 Jahren, der wissen möchte, warum ausgerechnet ihn seine Lehrerin gehasst hat, während sie sonst so beliebt war. Die Bedrohlichkeiten schwingen hier hin und her, aber so gut die Darsteller sind und so anrührend das Drama dahinter, die Auflösung hat mich nicht ganz überzeugt. Einen sehr traurigen Unterton muss ich aber konstatieren.
In ein ähnliches Horn stößt „Glad to be of Help“ (12), die erzählt, wie ein Tory-Stadtabgeordneter am Ende seiner Sprechstunde noch mal Besuch von einem ehemaligen Nachbarn, einem Preisboxer bekommt, welcher rumpelig den Fall seines Sohnes wiederaufnehmen möchte, der wohl im Gefängnis gestorben sein soll. Niemand sonst konnte ihm helfen und langsam aber sicher wird er wütend…und immer wütender. Ein regelrechter Nägelkauer, der ruhig und jovial anfängt und sich dann in eine mörderische Bedrohung steigert, die tatsächlich den Puls rasen lässt. Joe Lynch spielt den Boxer zunehmend unkontrolliert und das macht die 25 Minuten durchaus unvergesslich.
Die Serie endet mit einer gefühlvoll-tragischen Note mit der s/w-Produktion „Have a nice time at the zoo, Darling“ (13), in der ein älterer Mann eine Teenagerin zu stalken scheint und ihr dann sogar in den – fast menschenleeren – Zoo folgt, wo er ein Gespräch aufnimmt. Heutzutage schnuppert der Auftakt nach möglicher Pädophilie, aber die Folge geht in eine ganz andere und herzzerreißende Richtung um Sühne und Vergebung, um dann auf einer sehr tragischen Note zu enden. Henri Safrans Kammerspiel im Freien lebt von den menschenleeren Menagerien des Zoos und von Geoffrey Bayldons („Catweazle“) Leistung, wobei Gillian Bailey eine wunderbare Partnerin ist. Und so endet alles mit einem Kloß im Hals.
Zähle ich also nach Wirkung die Episoden durch, sind es immerhin neun von dreizehn Episoden, die entweder wirkungsvoll oder beeindruckend waren, einen schlimmen Twist oder einen sehr bissigen sozialen Kommentar hatten – oder zumindest sehr spannend ausfielen. Die restlichen vier waren mittelmäßig bis okay, wobei keine davon ein kompletter Ausfall war, sondern eher berechenbar und leicht unoriginell. Mit insgesamt 10 Regisseuren muss man zusätzlich erwähnen, dass jede Folge einen eigenen Erzähl- und Inszenierungsstil hat und als kleiner eigenständiger und individuell ausgeführter Kurzfilm funktionieren kann, häufig grimmig im hellen Sonnenschein oder in einer grauen Industrieumgebung oder so nah an den miefigen 70ern, wie sie eben in Great Britain damals sein konnten. Mit dem halbwegs transportierten Realismus und der relativen Wahrscheinlichkeit, dass so etwas immer passieren könnte, funktionieren sie auch besser als so manche Anthologie, die nur übernatürliche Abläufe zulässt – und bewahrt so mehr narrativen Nährwert.
Ich kann nur die empfehlen sich die eine oder andere Episode anzuschauen, die einen anspricht, leider hält sich die Serie nur unstet auf Youtube, verschwindet mal wieder für ein paar Monate oder wird auch nicht zwingend ausgetitelt, sondern man muss danach konkret suchen. Aber es lohnt sich in vielen Fällen dann doch ungemein. (7,5/10)