Gesamtbesprechung
Die längere Verschiebung des ursprünglich 2011 gedrehten und auch fertiggestellten Ruse of Engagement um mehrere Jahre und die verspätete Ausstrahlung 2014 ohne wirkliche Angabe von Gründen hatte womöglich ebenso positive Auswirkungen wie negative. Verpasst hat man auf jeden Fall, in die durch Tiger Cubs (2012) eröffnete Lücke der Nachfrage nach weiterer ähnlicher Ware zu stoßen, eine Lücke, die der im Vergleich biedere Sniper Standoff (2013) dann zu nutzen und schließen versucht hat. Dafür waren wahrscheinlich die beiden hiesigen Hauptdarsteller bei der verzögerten Programmierung populärer als früher, Ruco Chan ist über die Jahre aus seinen bisherigen Support Rollen herausgewachsen und Ron Ng hatte durch die Beteiligung der Prestigeproduktion Triumph in the Skies 2 (2013) einen aktuellen Hit. Gemunkelt bei der Verzögerung selber wurde übrigens eine Machtverschiebung innerhalb der Produzentenreihung und Hierarchie innerhalb des verantwortlichen Senders TVB:
Die kurzzeitig wegen eines Missverständnisses verfeindeten und nur noch über ihre Mutter Tong Shuk-fun [ Louise Lee ] verbundenen Brüder Carson Chong Yu-ching [ Ruco Chan ] und Alfred Chong Yau-kit [ Ron Ng ] bewerben sich beide bei der ATF, der Anti-Terrorist Force unter Leitung von Steven Shum Chi-ngo [ Eddie Kwan ] und dessen Vertretung Ko Wai [ Kenny Wong ]. Nebenbei zum bald wachsenden Team gehören neben 'Negative' Fu Wang-leung [ Chris Lai ] und Betty 'Beauty' Yeung Yan-mei [ Leanne Li ] auch die Analystin Jessica Chung Yat-ka [ Aimee Chan ], in die sich beide Brüder unabhängig voneinander verlieben, Carson zwar den 'Zuschlag' bekommt, Alfred aber seine Chance gekommen sieht, als dieser sich vermehrt mit der Reporterin Yip Ting [ Yoyo Mung ] beschäftigt. Dies ist allerdings aus beruflichen Gründen, Yips Ziehvater Kiu Kim-hang [ Law Lok-lam ] ist insgeheim für eine gefährliche kriminelle Organisation tätig, die einen viralen Anschlag auf HK plant.
Trotz der Verspätung im Einsatz sieht die Serie von Beginn an moderner aus als zuvor, aktueller und zeitgemäßer, vor allem als der Ersatz Sniper Standoff (2013), dem man auch Platz machen musste, aufwändiger auch und mit mehr Leben und Spektakel gefüllt. Im Vorspann viel Waffengestus, Bombendetonation, Aufmarsch der Elitetruppen und Kugelhagel, wobei der ganze Verhau auch heruntergebrochen wird auf ein privates, gar familiäres Bloodsheddrama und der möglichen Entzweiung zweier schussbereiter Brüder. Eine aus dem Ruder laufende Transaktion auf einem Häuserdach und die Fortsetzung dessen in einem vollen Einkaufszentrum in Tsim Sha Tsui sowie das Eingreifen eines zufällig anwesenden Polizisten eröffnet den Reigen der Ereignisse, das Feuer von Maschinenpistolen prasselt in zufällig umherstreifende Zivilisten sowie vor allem die zentrale Kulisse ein, Deckung wird gesucht und fleißig eigene Munition verteilt. “I bet, there's more to come.“
Ausgehend von dem Opener und speziell der Anwesenheit von Ron Ng – der im Grunde seine Rolle als agiler, etwas stürmischer Gesetzeshüter aus der The Academy Reihe um On the First Beat (j2007) und Emergency Unit (2009) fortführt – werden die folgenden Hauptfiguren schon mal dargebracht und vorgestellt, erst das Behördengeklüngel, dann die Ermittlungen, die ersten weiteren Anhaltspunkte und das nächste und eigentliche Ziel. Örtlichkeiten werden eingangs auf Imposanz ausgewählt, pompöse Aufnahmen genutzt und auch einige schwierigere Einstellungen wie das Herabseilen aus hoher Höhe und das Durchbrechen eines Fensters zum Versteck und als Flucht in mehr Sorgfalt als üblich umgesetzt, ein Schinden von Eindruck auch mit allerlei technischer Gerätschaft und möglichst viel in Bewegung. Kräftige Farben und Kontraste in den Bildern, glatte, oft spiegelnde Oberflächen, dazu viel Glas in der Umgebung, emsig Schauplatzwechsel mit viel Gewusel und Gewese und beizeiten ein Übergang auch in den Untergrund der Triaden, die den Kontrapunkt darstellen.
Ein erbitterter Nahkampf im Eingangsbereich des Shatin Theatre und die Evakuierung eines Hochhauses in Lam Tin zur Festnahme des observierten japanischen Anthraxterroristen sind die weiteren Ereignisse in dieser Episode, unterbrochen von überfrachteten Mutter-Sohn-Szenen und der gefürchteten Biederlichkeit der intimeren TVB-Szenarien; letztere sind aber auch eine Dekade später noch vorhanden und kein Ausdruck eines 'Zuspätkommens' oder einer speziellen Ära. Die Beschützung eines VIP beim internationalen Drachenbootrennen führt zum Cliffhanger der Pilotepisode, mit fließendem Übergang in Episode, sind doch trotz riesiger Polizeipräsenz gleich mehrere Bombenattentate geplant und ist selbst das nur Ablenkungsmanöver.
Episode 2 macht entsprechend sofort Druck und Tempo, die tickende Uhr beim sportiven Festival, bei dem ebenso bald Opfer zu beklagen sind wie parallel ein Überfall auf einen Geldtransporter und damit und den erbeuteten Uniformen auch ein Bankraub im Weiteren kriminellen Sinn. Plus mehrere waffenbewehrte Auseinandersetzungen diverser integrierter Parteien und jederzeit eine Bewegung von Shatin über Tai Po nach Tuen Mun, wird sich erfolgreich um eine Dezimierung und damit auch Optimierung der Personenzahl gekümmert und der Plot über die Kinetik erzählt. Ein Standoff mitsamt knapper Undercoverplotte und dem Eingreifen der SDU in einem bald zerstörten Lagerhalle rundet die erste Geschichte ab; das Ganze hätte man auch problemlos als zweiteiligen Fernsehfilm oder Special veröffentlichen können, nach außen hin das vielfältige Spektakel mit ordentlich Radau, inhaltlich etwas leer.
Folge 3 führt die narrativ logische Anbahnung des weiteren Geschehens fort, haben die beiden Brüder zusammen und dennoch unabhängig voneinander Ambitionen für die Elitetruppe der ATF, wobei neben all den Qualifikationen auch die liebreizende Auswahl der Damen vor Ort mit entscheidend für die positive Beeinflussung ist. Außerdem geht es zusammen in die Behausung der Mutter, wird sich zwischen den Söhnen insofern wieder angenähert, als die Familie wie typisch für die Serien gemeinsam unter einem Dach wohnt, bei der Mama im trauten Heim, genauso wie die gesamte Familie auch auf der anderen Seite des Fernsehers eben davor hockt und die Produktionen alle miteinander und nicht etwa jeder einzeln für sich konsumiert. Gefallen tun nun nicht nur die beiden adretten potenziellen Schwiegersöhne, die eine Art gewinnbringende Konkurrenz füreinander entwickeln, sondern auch das geräumige Reich selber, das Wohnzimmer als Lebens- und Handlungsmittelpunkt, durchaus luftig gehalten und mit der üblichen Kombination aus größerem Sofa plus Beistühle plus diverse Tische, alles hygienisch rein und dennoch wohnlich adrett und auch deutlich leicht zu säubern. Leider kommt ab da an auch das elende Training hinzu, was ähnliche Serien wie Flying Tiger (ab 2018), Airport Strikers (2020) oder später Line Watchers (2021) auch exerziert haben, das Konditionsprogramm mit dem Ziehen eines Reifens durch den Sand oder den Entfesselungskunststücken im Wasser, hier noch ergänzt mit Computerschnickschnack und Hackerversuchen, sodass auch The Academy - Absolvent Ron Ng (hier eingangs eher als Kasper und zweite Geige besetzt) noch etwas dazulernt.
In Episode 4 kommt auch noch Außeneinsatz im Wald als Training dazu, bis dato und dann dort auch haben sich die beiden Brüder aufgrund eher laxen Verhaltens und auch einigen Pech allerdings schon mehrere Tadel bis hin zu Abmahnungen eingefangen, was am Ende der Episode bei einer Barschlägerei mit Triaden dahingehend ungünstig ist, dass man verbotenerweise (abermals) außerhalb des Camps und auch fern jeder vorgeschriebenen Bettruhe ist. Zudem wird die Hierarchie ordentlich infrage gestellt und die Instruktor - Auszubildender - Beziehung recht auf Krawall gebürstet, was eigentlich die gesamte Truppe mächtig in ein schlechtes Licht rückt, aus der angedachten Propaganda wird hier eher das abschreckende Gegenstück. Episode 5 beendet das achtwöchige Training dann mit der Simulation der Erstürmung eines Hauses, während den Tag darauf schon ein Einsatz an der Villa eines ausländischen Botschafters und akute Gefahr im Verzug und entsprechend für den Zuschauer eine gute Kampfszene innerhalb der Behausung sowie eine böse Überraschung winkt.
Episode 6 stellt dann den Beginn des Ernstfalls dar, die tatsächliche Arbeit als vollwertiges Mitglied beim ATF und die ersten Bedrohungen bzw. Ermittlungen, wobei handlungstechnisch mit einer Art familiär betriebenen Medienzentrale, speziell einer sehr neugierigen Reporterin auch ein neues Feld außerhalb des staatlichen Bürokomplexes eröffnet wird. Zudem besteht die Möglichkeit eines geplanten Attentates während einer WTO-Versammlung und wird einem Waffenschmuggel auf die Schliche gekommen, wobei als Cliffhanger des Ganzen auch ein Scharfschütze schussbereit auf der Lauer liegt. Episode 7 klärt die Situation mit einem Doppelschlag auf seine Weise, u.a. der schwerbewaffneten Erstürmung einer Wohnung samt ausgebrochenen Feuergefecht. In Episode 10 stürzen Vögel angriffslustig oder gleich tot vom Himmel herab, was in Episode 11 zu einer für Guangzhou bestimmten Errichtung einer Gasbombe und als Vorgeschmack dessen zu einem tatsächlich fulminant umgesetzten Brand in einem kleineren Forschungslabor noch in HK führt. Auch am Ende von Episode 12 ist die dort präsentierte Actionszene, die Verfolgung eines Autos ebenfalls per Vehikel mit mehreren Zusammenstößen, darunter auch einem Kleinbus und eine folgende Explosion in der Gestaltung aufwändiger als das, was gerne sonst vom Sender, darunter vor allem auch der vorgezogenen Sniper Standoff präsentiert wird. In Episode 13 ist bei einem Überfall auf ein Safe House ähnliches positives zu vermelden; dass man die Geschichte relativ klein und stringent hält ist auch ein Vorteil der Serie, ein Überblick über das Szenario ist jederzeit gegeben. Allerdings ist ein Teil der Szenen deswegen auch redundant und der Fortschritt der Handlung mit später noch einem weiteren Undercoverplot und verzwickt-verzwackten Maulwurfgeschehen eher minimalistisch, Figuren und Geschehen drehen sich etwas im Kreise, und um dort die Bahnen zu halten, müssen sie zuweilen unsinnige Aktionen und verzögertes Verhalten vorlegen. Ein Cliffhanger in Episode 14 lässt die Mädels darstellerisch (in ihrer anschließenden Trauerarbeit) ordentlich auftrumpfen, das ATF allerdings (und nicht nur die) in ziemlich schlechtem Licht erscheinen.