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Dino-Kino Reloaded

Manchmal muss man gar nicht tief in die Trickkiste greifen, um erwachsene Menschen wieder in staunende Kinder zu verwandeln. Ein T-Rex, der aus dem Unterholz bricht, reicht oft völlig aus. Umso bedauerlicher ist es, dass abseits der Jurassic World-Franchise das Dino-Kino zu einer beinahe ausgestorbenen Spezies verkommen ist. Da kommt „65“ – geschrieben und inszeniert vom Autorenduo Scott Beck und Bryan Woods (A Quiet Place) – wie ein seltener, prähistorischer Komet daher, der die staubige Genrelandschaft einmal ordentlich aufmischt. Zwar wurde der Film von vielen Kritikern eher verhalten aufgenommen, doch wer sich auf ihn einlässt, findet ein erstaunlich temporeiches, visuell beeindruckendes und überraschend emotionales Sci-Fi-Abenteuer. Hier trifft High-Concept-Sci-Fi auf prähistorische Bedrohung, und das Ergebnis ist ein dynamischer, kompaktester, unterhaltsamer Dino-Survival-Actioner, der sich nicht hinter den Giganten des Genres verstecken muss.

Die Grundprämisse ist dabei ziemlich simpel aber effektiv: Ein interstellarer Pilot namens Mills (Adam Driver) stürzt auf einem unbekannten Planeten ab – einer Welt, die sich schon bald als prähistorische Erde entpuppt. 65 Millionen Jahre in der Vergangenheit, kurz vor dem Einschlag des Meteoriten, der den Dinosauriern den Garaus machen wird. Der Mensch als Fremdkörper in einer Welt, die nicht für ihn gedacht ist, wird zur Ausgangslage eines Überlebenskampfes, der gleichzeitig intim wie episch ausfällt. Natürlich muss man Abstriche in Bezug auf Backstory und Erklärungen machen. Die Geschichte gibt sich bewusst kompakt, fast minimalistisch. Vieles wird angedeutet, wenig detailliert ausgeführt. Doch statt als Schwäche kann man das auch als Tugend lesen: „65“ ist ein Film, der nach vorne will, der Tempo machen will – und das tut er. Seine Stärke liegt im konsequenten Vorwärts, im Momentum.

Beck und Woods bringen die gleiche narrative Präzision mit, die sie bereits in „A Quiet Place“ bewiesen haben. Kommunikation ist reduziert, Konflikte entstehen oft still, aber intensiv. Die Dynamik zwischen Mills und Koa (Ariana Greenblatt) – die den Großteil des Films tragen müssen – funktioniert erstaunlich gut, vor allem da sie unterschiedliche Sprachen sprechen. Missverständnisse sind vorprogrammiert, aber genau daraus entsteht eine emotionale Bindung, die wunderbar organisch wächst. Es gibt keine tiefschürfende Charakterpsychologie – dafür fehlt schlicht die Zeit. Aber was da ist, funktioniert. Mills bekommt genug Hintergrund, um nicht nur „der Typ mit der Laserkanone“ zu sein. Sein persönliches Motiv ist klar gesetzt und wird immer wieder als leiser emotionaler Echoraum genutzt.

Zwischen Meteor und Megalosaurus

Der Film lebt von seiner Stimmung – einem Wechsel aus beklemmender Stille und plötzlicher, brachialer Gefahr. Die Welt wirkt feucht, warm, unberechenbar. Ein Ort, an dem nicht der Mensch, sondern die Natur am längeren Hebel sitzt. Die prähistorische Erde wird nicht als nostalgisches Dino-Disneyland inszeniert, sondern als lebendiger, gefährlicher Organismus. Besonders gelungen ist die ständige Ungewissheit, was hinter dem nächsten Felsen lauert. Beck und Woods setzen weniger auf gigantische Dino-Paraden als vielmehr auf die Spannung des Moments – das Rascheln im Gebüsch, ein Schatten, ein grollender Laut. Wenn dann doch die Action losbricht, ist sie hervorragend choreografiert und erstaunlich intensiv. Die Auseinandersetzungen zwischen Mills und den verschiedensten Urzeitkreaturen sind klar strukturiert, sauber gefilmt und setzen stark auf physische Präsenz. Das Tempo des Films ist generell hoch – „65“ gönnt sich nur wenige Atempausen, und selbst diese sind meist mit unterschwelliger Spannung aufgeladen. Der Survival-Aspekt bleibt stets im Vordergrund, wodurch sogar die kleineren Scharmützel bedeutsam wirken.

Der Film schafft es, seine Kreaturen glaubwürdig, physisch und beeindruckend in Szene zu setzen, sodass man sich unwillkürlich fragt, warum man außerhalb der Jurassic World-Reihe so selten Dino-Filme bekommt. Die Hautstrukturen, das Muskelspiel, das Gewicht der Bewegungen – all das ist hochwertig und durchdacht umgesetzt. Die CGI-Effekte sind plastisch, körperlich. Die Dinosaurier wirken nicht wie digitale Konstrukte, sondern wie Kreaturen aus Fleisch, Muskeln und urzeitlichem Instinkt. Manchmal wirken sie sogar bedrohlicher als in „Jurassic World“, gerade weil der Film nicht versucht, sie zu romantisieren oder übermäßig ikonisch aufzuladen.

Ein kleines, aber feines Highlight sind Mills’ Gadgets. Von futuristischen Scannern bis zu Energiewaffen und Kommunikationshilfen präsentiert der Film ein Produktionsdesign, das Spaß macht. Die Technik wirkt funktional, nicht überstilisiert. Und sie ist eine willkommene Ergänzung zur prähistorischen Umgebung – ein ästhetischer Clash, der überraschend gut funktioniert. Adam Driver erweist sich als absolute Idealbesetzung. Sein Spiel ist fokussiert, ernsthaft, verletzlich – genau das, was diese Art von Charakter braucht. Selbst wenn das Drehbuch ihm nur begrenzt Hintergrund tieferer Natur gibt, schafft Driver es, seine Figur mit emotionalem Gewicht anzufüllen. Ariana Greenblatt liefert als Koa eine überraschend starke Leistung ab. Sie verleiht ihrer Rolle eine authentische Mischung aus Verletzlichkeit und Kampfgeist. Zwischen ihr und Driver entsteht eine glaubhafte Chemie – die Anfänge einer Vater-Tochter-Beziehung, die nie pathetisch oder kitschig wird.

Fazit

„65“ ist ein schneller, spannender, atmosphärischer Sci-Fi-Dino-Actioner, der sich weder für seine Einfachheit entschuldigt noch überambitioniert wirkt. Die Action knallt, das Tempo stimmt, die Atmosphäre sitzt. Die Dinos sehen fantastisch aus und müssen sich in puncto CGI keineswegs hinter „Jurassic World“ verstecken. Man hätte sich hier und da mehr Hintergrund wünschen können. Mehr Mythologie, mehr Fleisch an den Knochen. Aber der Film entscheidet sich bewusst für eine schlanke, kompakte Struktur. Trotz seiner kleinen Drehbuchdefizite und der bewusst reduzierten Backstory bleibt „65“ ein herrlich unterhaltsamer Genrefilm, der zu Unrecht in manchen Kritiken untergegangen ist. Ein hoffnungsvoller Blick in Richtung mehr Dino-Action abseits von Isla Nublar.










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