Review

Gesamtbesprechung

Ab September 2013 auf TVB Jade, einem der Ableger von Television Broadcasts Limited gelaufene Serie, die in 25 Episoden von verschiedenen Familien, verschiedenen Berufen und Interessen, allesamt mehr oder minder aber verwickelt in einem Erzählstrang über den Kampf gegen das Verbrechen erzählt. Im Vordergrund des Plot steht die Konkurrenz zweier gleichzeitig höchst begabten Experten auf ihrem Gebiet, deren Charaktere und Motive allerdings gegenüberstehen und damit auch alle anderen Personen in der Umgebung als Gefahrengut identifizieren, wobei durch die englische Übersetzung des Originaltitels auch schon der Standoff der Beiden prophezeit und die Stimmung dahingehend gerichtet ist. [Die wörtliche Übersetzung ist mit "Sniper Attack" leicht abgewandelt.]

Entsprechend im Milieu von Berufsgruppen zur Bekämpfung von Verbrechen, mit unterschiedlichen Einheiten wie der Special Duties Unit (SDU) – und deren verschiedenen Ausartungen wie dem SDU Assault Team und dem SDU Sniper Team – sowie der Organised Crime and Triad Bureau (OCTB) angesiedelt, stellt sich die Serie im Genre auch als Mischung aus in gleichen Teilen Drama, Mystery, Police und Suspense, mit durchaus auch Beachtung auf dem letzteren dar, was anders als im Kino nicht wirklich Priorität in der kantonesischen Mediengeographie ist. Orientieren tut man sich dabei vor allem an dem vorherigen Erfolg von Tiger Cubs (2012), der mit Tiger Cubs II (2014) auch fortgeführt wurde, was schon eher die Seltenheit in der Serienlandschaft, nicht die Regel ist. Zudem stehen filmisch Vertreter wie vor allem Dante Lams The Sniper (2009) als Cops-and-Robbers Thriller, aber auch der Rundumschlag mit Double Tap (2000) und Triple Tap (2010) sowie (im Rahmen) die Trilogie The Final Option (1994), Best of the Best (1996) und First Option (1996) als Inspiration, als Vorschlag für Erneuerungen und Veränderungen und auch als Rückhalt für Unkundige der seriellen Quererzählung bereit:

Der ehemalige Scharfschütze Lee Ho-yeung [ Michael Tse ] ist mittlerweile für die kriminelle Organisation von Ting Sheung-sin [ Chun Wong ] und dessen Tochter Ting Hau [ Alice Chan ] als rechte Hand, Berater und der Beseitigung von Gefahren aller Art zuständig, in dessen Tätigkeit er auch mit einem Drogenboss direkt aus dem Goldenen Dreieck aneinander gerät. Ärger mit diesen Einflüssen hat auch Sheung Koon Ming-chu [ Kate Tsui ], Senior Inspector des Organised Crime and Triad Bureau (OCTB), die im Auftrag ihres Vorgesetzten Superintendent Koon Man-fu [ Henry Lo ] sowohl diese Kriminellen zur Rechenschaft bringen als auch die finanziellen Einflüsse dahinter aufdecken soll. Auf der Spur eines Geldwäscheskandals vor mehreren Jahren kommt Sheung-koon an Wong Yeuk-ling [ Kathy Chow ], eine untadelige Versicherungsvertreterin, die allerdings früher mit einem ebenfalls kriminellen und darin verwickelten Buchhalter zusammen und in dieser Angelegenheit auch als Geißel in einem versuchten Kidnapping geraten war. Während der damaligen Geiselbefreiung durch den Scharfschützen, Station Sergeant Ko Chun-kin [ Eddie Cheung ], einem Ausbilder der SDU, wurde Ling in einem Unfall verletzt und traumatisiert, was der daran Schuld gebende Kin heimlich durch kleinere Hilfsangebote wiedergutmachen möchte. Kin hat allerdings noch andere Sorgen, hat er in seiner Trainingsgruppe gerade mit Lai Chun [ Eliza Sam ] einen übereifrigen Kadetten und zusätzlich noch die erste Frau in der Einheit aufgenommen, und hat der ehemalige Kollege und scheinbare Freund Yeung es nicht nur wettbewerbsmäßig auf ihn als Konkurrenten abgesehen.

Der Einstieg erfolgt dabei angenehm übersichtlich, ist doch eine zahlreiche Besetzung in vielerlei Funktion, mit Über-, Unter- und anderer Zuordnung gelistet, wobei die Erzählung selber zwar in die Zukunft und so linear geht, aber mit Rückblenden und Vorgeschichten arbeitet und so mit Wissen, was erst später erklärt wird und so weitere Facetten bereithält. Gestartet selber wird in Ruhe, mit einer gerade laufenden polizeilichen Aktion, die alsbald von der Überwachung und dem Checken der Lage in die ersten schnelleren Maßnahmen, dem Einschalten der Eingreiftruppe und dem Ausschalten der Gangster übergeht. Vorgestellt werden bereits in der ersten Episoden auch die entscheidenden Figuren, im Grunde runter zu dividieren auf vier Personen, und zwei bis drei Konflikte, was der Übersichtlichkeit in seinen wenigen herausragenden Anhaltspunkten doch enorm hilft. Sicherlich wird dann in den folgenden Minuten auch fleißig das Umfeld, meist die nähere (Groß)Familie hinzuaddiert, steht das Gerüst aber auf diesen vier Personen und ist doch auch haltbar, erkennbar und fest.

In dieser (mehrfachen) Dreieckskonstellation sind auch schon die maßgeblichen Themen der Serie angesprochen und teils auch schon prominent als Leitlinie für die weiteren Bestandteile formuliert. Das Problem der verschiedenen Generationen, die Ablösung des Einen durch die Ansprüche und den (falschen) Ehrgeiz des Jüngeren ist dort gleichsam vorhanden wie die Animositäten zwischen den verschiedenen Organisationen, in der die SDU nur die Drecksarbeit für die OCTB erledigt, aber dann auch den Ruhm einheimst, obwohl es ohne deren Ermittlungen gar nicht zur Stelle wäre. Zudem werden die Differenzen zwischen Beruf und Privatleben und die Schwierigkeiten einer Überschneidung bereits in der Mitte des Raumes gesetzt, und allgemein auch der Umriss der Krimi- und Polizeihandlung mit der Jagd nach Gangstern, hier anfangs Drogenhändlern aus dem Goldenen Dreieck und einem versuchten Zeugenschutzprogramm, später dann mit Geiselnehmern, Juwelenräuber etc. präsentiert.

Im Gegensatz zu Tiger Cubs, dass sich mit abgeschlossenen Einsätzen befasst, werden hier stets mittig Vorschaubilder für Späteres, und am Ende der jeweiligen Episoden Cliffhanger und somit Anreize für ein fortwährendes und andauerndes Einschalten des Programmes installiert. Auch ist der Ton sichtlich leichter, d.h. familienfreundlicher und das Budget erkennbar im Rahmen. Das erhöhte Tempo erfolgt meist über Wechsel der Schauplätze und Figuren und nicht über Action oder alleinig die Dramaturgie, zudem diese eher recht simpel bis formularisch angelegt ist und stark auf Klischees und Konventionen und auch ein wenig naiv, aus den Augen von Lieschen Müller und Hänschen Klein gesehen ist. Episode 9 bspw. verlegt sich als Ausnahme vermehrt auf zwei hintereinander geschaltete Alarmfälle, eines als Ablenkungsmanöver und eines als tatsächliches Geschehen und ist quasi der Höhepunkt der bisherigen Erlebnisse, zeigt dort aber die finanziellen Grenzen und beschränkten Mittel für die Umsetzung auf; sowohl die Explosionen als auch die Mündungsfeuer sind sichtlich mit mäßig erfolgreichen Computereinsatz getrickst und so nur als Beisatz für die Haupthandlung und die dortigen Figuren und nicht als tatsächliche kinetische Aufmerksamkeit effektiv.

Hongkong hierbei als abseits der polizeilichen Ermittlungen und Operationen noch friedliches Eiland, dass eher an Früheres, an Vergangenes in seinen Bildern und Stimmungen erinnert und wo die Atmosphäre nicht so wuselig und aufgedreht wie im übriggebliebenen Kino ist. Das Fernsehen als Halt in der Not, als Fels in der Brandung, in dessen Ruhe man auch gesittet in der Schlange auf den Minibus wartet und eben zwei vorbeifahren und erst den dritten, den freien Bus als Verkehrsmittel nimmt. Kein Geschreie, kaum Gezicke, aber auch kein luftleeres Tralalala, wie einem oft im zeitgenössischen Film entgegen schwappt; was ganz angenehm, durch die gewisse Sterilität der Aufnahmen – Bildformat ist 576i (SDTV) und 1080i (HDTV) –, die spürbare Theatralik und das Bühnenhafte des Spiels noch verstärkt spürbar ist.

Gerade die Szenen im Interieur, die Innenaufnahmen, scheinen aus einer längst passe gewordenen Zeit zu stammen, die auch die späten Achtziger oder frühen Neunziger sein könnten – eine Ära, in der TVB oft auch im Spielfilm bzw. den Fernsehfilm wie bspw. Special Duties Unit (1994), Sharpshooters (1994) und Special Duties Unit II (1996) aktiv wurde und dessen Beispiele oft noch auf VCD vorhanden und (auch online) konsumierbar sind. Eine stehengebliebene Aura, die durch vergleichbare groß wirkenden Räume, er Nutzung und Benutzung nach funktional, mit Möbeln und besonders der Sitzgruppe in der Mitte voll gestellt sind. Treffpunkte der Familien, die durch mehrere Generationen noch verwandt, auch noch ungewöhnlich für heutige Maßstäbe aufeinander bezogen und an einem einzigen Wohnort zu Hause sind. Paradiese, wo die betagte Mutter dem längst erwachsenen gewordenen Sohn als schwerer Arbeiter das Frühstück macht und die besten Ratschläge gleich mit, während der noch ältere Sohn ebenso beratend über die weitere Gegenwart und Zukunft nebenan auf dem Sofa sitzt.

Derlei Prozedere bietet man auch heute, in den Zwanzigern, in vergleichbar angelegten und vergleichbar aussehenden Serien wie Sinister Beings, Line Watchers und Co., wo teils in Nebenrollen immer noch die gleichen Darsteller von damals anwesend sind und das familiär Vertraute und der Wiedererkennungswert auch wesentlich deutlicher als die Erschaffung oder die Betonung von etwas Neuem ist. TVB weniger als Kulturtempel als vielmehr ein Studio, welches produzieren muss, um auch sein Programm zu füllen und zu überleben, die Streckung auf vorher fest angelegten Episoden macht auch Füllszenen und scheinbar unnötiges dann doch nötig, wird langer Atem gebraucht und bewiesen. Eine Großhandlung im Rahmen mit mehreren kleinen Anekdoten, so soll ab Folge 13 von der einen Seite ein Anschlag auf den unbeliebten Präsidenten eines fiktiven Staates ausgeübt und natürlich von der anderen Seite vereitelt werden, wobei in Folge 15 eine Abgesandtschaft der Rebellen auch selber auf den Plan treten. In Folge 16 versucht die Polizei eine Wanze im Hauptquartier der ausgemachten Verbrecherorganisation durch einen eingeschleusten Maulwurf, einen Trainee zu installieren, außerdem wird einem windigen Geschäftsmann auf die Finger geklopft und steht als Cliffhanger endlich mal die klärende Aussprache zwischen den hauptsächlich Beteiligten an. In Folge 17 gibt es einen Todesfall, welcher aufgrund dramaturgischer Einfalt schon vorhersehbar war, das Wie aber überraschend ist und erstmal auch überhaupt keinen Sinn ergibt. In Folge 20 taucht der entsprechende (von Stephen Ho gespielte) Killer als Cliffhanger auf, in Folge 21 wird nebenher ein flüchtender Krimineller in einem Wohnblock gestellt und am Ende der Episode ein Entführungsversuch in einem Parkhaus vereitelt; ab da zieht die Serie tatsächlich (zwei Autojagden in Folge 23 und eine Auseinandersetzung mit dem Killer bspw.) noch einmal an, dazwischen ist alles Drama und Emotion, da hat Tiger Cubs die Geschichten sparsamer und flotter erzählt.

Details
Ähnliche Filme