Review

Gesamtbesprechung

Während im Kino der Nachschub an zeitgenössischen Cops vs Robbers Filmen sattsam ausdünnte und auf Referenzen an Früheres von Gordon Chan und Dante Lam zurückging, stelle sich ausgerechnet im kantonesischen Fernsehen, der Mattscheibe, trotz oder wegen der neuartigen medialen Verbreitung weiteres und vergleichsweise auch zahlreiches Material ein. Frisches Programm wie Line Walker, Lives of Ommision, Ruse of Engagement, das ebenfalls auf Bekanntes und dies nur aktuell, mit teils gesellschaftlichen, sozialen, politischen Verbindungen erzählte und ansonsten (zumeist) in die Trickkiste des Gewohnten griff. Aber dafür auch seine Zeit, das Budget, die Sonderstellung teilweise und die Möglichkeit der inhaltlichen Ausdehnung und so überhaupt die Prämisse für die Herstellung und für den letztlich eingestellten Erfolg bei Publikum und Kritikern bekam.

Zu einem der noch früheren Beispiele gehört Tiger Cubs, welches aufgrund der Beliebtheit bei den Zuschauern und der Rendite trotz erhöhten finanziellen Aufwandes auch die (im lokalen Fernsehen) seltene Möglichkeit der Fortführung im Sequel Tiger Cubs II (2014) bekam. [Die dortigen Serien sind meist im vorne herein in einer fest angelegten Episodenzahl und für einen kurzen Zeitraum der Ausstrahlung, mit einem von vorneweg abgeschlossenen Ende und nicht etwa der unendlichen Ausdauer hin angelegt.] Die mit dem Alternativtitel Special Duties Unit bzw The One benannte Serie, in oberster Ausführung von Lee Yee-wah und Unterstützung durch in etwa Leung Yan-tung und Ng Lap-kwong geschrieben, bekam mit dem Sonntagabend einen eher ungewöhnlichen, extra hervorgehobenen Sendeplatz, der später noch auf den Samstagabend und weiterhin den Sonntag und so der raschen Ausstrahlung hinverlegt wurde. Sowie auch eine seltene Programmschiene, die nicht die üblichen 45min, sondern in etwa 65min (ohne Werbung) umfasst. Kleine Fernsehfilme, wobei die erste Staffel mit ihren 13 Episoden demnach über ein Dutzend längerer Geschichten, mit einer überschaubaren Zahl an Hauptpersonen und jeweiligen Fällen der Woche, übergreifend durch die personellen Entwicklungen der Figuren entspricht:

Unter der Leitung von SP Leung Yat-fung [ Dominic Lam ] führt SIP Chin Hon-to [ Joe Ma ] die Special Duties Unit der Hongkong Police Force an, spezialisiert in Terrorismusabwehr, Geiselbefreiung und allgemein all die Einsätze, die für die normalen Truppen zu gefährlich und zu überfordernd wären. Hon-to hat ein eingespieltes Team, vor allem auch mit seinem Acting Sergeants Chong Chuk-yuen [ Oscar Leung ] und Lung Kim-fai [ Raymond Tsang ], derzeit mit den neuen Kadetten Yau Chun-hin [ Vincent Wong ] und Yu Hok-lai [ Him Law ] allerdings auch ein kleines Problem. Gerade Hok-lai stellt sich als übereifrig und gleichzeitig störrisch dar, was für mehrere Differenzen sorgt. Bereinigen muss man die Streitereien spätestens dann, wenn Team Inspector Chong chuk-wah [ Jessica Hsuan ] und ihr Sergeant Ben Fong [ Patrick Tang ] vom Organized Crime and Triad Bureau (OCTB) um Unterstützung bitten.

Eine Mischung aus bekannten Serienschema, indem man die Angelegenheiten hier und jetzt abschließt und aus dem erst seit wenigen Jahren populären Raum-und-Zeit übergreifenden Plotsträngen, bei denen auch Vorheriges wichtig und für später aufgehoben und aufgegriffen wird. Zudem stellt sich die Serie als aufwändiges Prestigeobjekt für den Sender dar, der entsprechendes Marketing auch zuvor international getätigt hat und bei Rechteverkäufen auch problemlos im asiatischen Raum, aber auch im westlichen Markt zu sichten wär. [Vietnam und Malaysia sind bspw. beliebte Abnehmer von kantonesischer Herstellung, aber auch der amerikanische Raum.]

Überraschenderweise nämlich konzentriert sich gerade der Einstieg, quasi der zweiteilige Pilotfilm, "The King of Thieves Appears" doch sehr auf Schnelligkeit und Prägnanz, ohne die Übersicht bereits angedeuteter Konflikte zwischen den vorgestellten Personen oder auch die Vorstellung dieser selber aus den Augen zu verlieren. Alles wird kurz und knapp angerissen, um es später ausführlich in Betracht oder in Diskussion zu nehmen; das Hauptziel ist allerdings die Verbrecherjagd, deren Eigenheiten auch formal ebenerdig und materiell in knappen Sprüngen umrissen werden. Zusätzlich kommen zu der Jagd auf den Juwelenräuber und Polizistenmörder To Tin-yu [ Kenneth Ma ], den 'King of Thieves', der die unterschiedlichen Einheiten durch das gemeinsame Feindbild und das gemeinsame Ziel miteinander verschweißt, auch diverse andere Konstruktionen zum Tragen, die im einheimischen SDU - Film schon seit City Hero (1985), einem eher gescheiterten Beispiel der Gattung, bis hin zur neuzeitlichen Variante der New Option - Serie (2002/03) seit jeher zu Hause sind.

Gerade die New Option - Reihe bietet sich als (negatives) Beispiel noch am ehesten als Vergleich hierzu und dem hiesigen Qualitätssprung nach vorne an. Gestartet, damals auch im Kino und weitergeführt mit leicht abgespeckter Besetzung im Direct to Video - Markt wurde trotz bekannter Namen hinter der Kamera (Clarence Ford und Michael Mak) sowie vor ihr (Michael Wong, Raymond Wong sowie dem Auftritt von Shawn Yu) die recht preiswerte, nicht zu sagen billig wirkende Variante gängiger Geschichten um Auswahl, Ausbildung, Training und später auch mal ernstzunehmende und aktionsreiche Einsätze der Spezialeinheit gegangen. Dort viel Soapanteil, hier, in der forscheren, frischeren Modernisierung auch, allerdings mit wesentlich mehr Ermittlung, mehr Simulation und auch mehr Ernstfall, der früher eintritt, dann tatsächlich Auswirkung auf alle Beteiligten hat und wo (angesichts der Herkunft Fernsehen) auch keine Kosten gescheut werden. Eine Geiselnahme in einem Juweliershop im Pilotfilm als Aufhänger, der nassforsch mit Blend- und Handgranaten von allen Seiten und schnellen Feuerstößen gelöst wird. Später eine Autoverfolgungsjagd durch die Stadt samt Geisterfahrerduell im Hafen und die finale Erstürmung eines weiteren Juwelierladens, der zuvor mit einem vermeintlichen Überfall eines Geldtransporters abgelenkt wird.

In den folgenden Episoden deutet sich dann entsprechend der Regel eine Konzentration auf weniger die Aktion und mehr die Personencharakterisierung (im Training, im Einsatz, selten privat) an, wobei die Serie von den darstellerischen Leistungen her – anders als das prominenter besetzte, aber nicht nur in dem Bereich schwächere Sniper Standoff – auch durchaus solide gehandhabt und trotz vielen gängigen Problemchen wie Liebeskummer, Dreiecksbeziehungen, Angst vor der eigenen Courage oder bezüglich der Berufswahl, Stress mit der eigenen Familie, Konfrontation im Team usw. nicht etwa zu billig auf die Emotionen drückt. Zwar ist das immer noch altmodisches Fernsehen, das den britischen oder gar den neuen amerikanischen Prestigeformaten (außer Tradition und Lokalität) überhaupt nichts entgegenzusetzen hat, und schon jetzt, kurz nach dem Produktionszeitraum so richtig veraltet und wie ein Jahrzehnt zu spät, also fern jeder Aktualität wirkt. Mit einer Ausnahme übrigens, die der zeitlichen Aufteilung der Episoden nämlich, in der der jeweilige Cliffhanger von einer Folge zur anderen nicht zum sonst erwartbaren Moment kurz vor Schluss kommt und manchmal auch ganz ausbleibt, sondern die jeweiligen Geschichten wie Episode 3 "Lai's Father Kidnapping Case" oder Episode 4 "The Cop Who Stole a Gun" von der Laufzeit und dem Timing her ganz unterschiedlich gehandhabt sind. Der Entführungsfall fängt bspw. inmitten der dritten Episode an und wird in der Hälfte der vierten beendet, während der Anschluss mit einem geschassten und alkoholkranken Polisten, der sich in der Waffenkammer bedient, keine Viertelstunde in Anspruch nimmt. Episode 5 "Cracking the Drug Den" wiederum wird genau in dem vorgegebenen Sendeschema absolviert, bei dem über den Ketamin-Kunden über eine Razzia beim Verkäufer schließlich auch der Weg zum Hersteller gefunden, und dessen scheinbar stillgelegte Sojasoßenfabrik draußen in der New Territories Einöde erst observiert und dann schlussendlich brachial gestürmt und endgültig ad acta gelegt wird.

Auch Episode 6 "Attack the Fruit Market" erzählt seine Geschichte innerhalb der etwas mehr als einer Stunde, wobei in diesem Fall die SDU nur am Rande und wie als außenstehender Kommentator und passiver Moderator dabei ist. Die Geschichte selber als Mischung aus Kung Fu Film in der Moderne, gemixt mit beliebten Triadengeschehen, in dem ein schmieriger Bösewicht versucht, mit unlauteren Mitteln und einer gewalttätigen Gang, einen örtlichen Verkaufsstand zu übernehmen, und dabei mit dem Sohn eines der Ladenbesitzer, einem auch Training gebenden und entsprechend formidablen Martial Arts Crack aneinander gerät. Die folgenden Ereignisse als eine Kette angenehm traditioneller Herangehensweise, in der die Repressalien und Bedrohungen so lange gesteigert werden, bis dem Gegenüber (wie im Eastern bzw. dem Heroic Bloodshed, die hier gemeinsam Pate stehen) dann schlussendlich der Kragen und die Hutschnur gleichermaßen platzt; die Episode dabei quasi das Warm-up für A Fist Within Four Walls (2016), das das Ganze als Epos im Kowloon Walled City ab den Sechziger des vergangenen Jahrhunderts erzählt. Auch Episode 7 "Young Criminal" orientiert sich am Triadenfilm, wobei hier Hon-tos Vater, der Ex-Cop und jetzige Barbesitzer Chin Chiu [ Jason Pai Piao ] entgegen den guten Ratschlägen seiner Familie und Bekannten einen bereits kriminell auffällig gewordenen jungen Mann unter seiner Fittiche nimmt, dieser aber bereits zu tief in den Fängen der Gangsterbanden verstrickt scheint und kurz vor seinem ersten Mordauftrag am Konkurrenten, inmitten eines vollbesetzten Einkaufszentrums steht.

In Folge 8 "The 2G Kidnapping Cas" wird die Einheit zum Bewachen einer Truppe von Sprösslingen schwerreicher Eltern beauftragt, dumm nur, dass die Generation außer Feiern mit viel Alkohol und Frauen nichts anständiges im Kopf hat und sich den Sicherheitsmaßnahmen, zu denen auch zwie inkognito eingeschleuste Mannen der Tiger Cubs gehören, eher sabotieren und sich diesen widersetzen. Im Gegensatz zu mancherlei Episoden vorher ist die Geschichte hier strammer auf den Personenschutz fokussiert und weniger auf private Quengelei, und natürlich kommt es wie es kommen muss, steht die sowieso angekündigte Entführung gegen Lösegelderpressung schnell im narrativen Raum. Ein Scharfschützenanschlag auf einen Reisebus als die Grundlage des mehrfachen Kidnapping, später noch viel Radau auf einem riesigen Schrottplatz in Yuen Long und die Amokfahrt eines Minibusses in einer ausufernden Befreiungsaktion. In Folge 9 geht es um die Nachwirkungen dessen und um eine Art Paintball- bzw. Air Gun Truppe, die angeführt von einer jungen Natalie Tong mehr als zufällig in den wahren Blutrausch, in die "Army Obsession" kommt und sich tatsächliche Ziele mit dann auch tödlicher Munition aussucht. Menschenjagd in den Wäldern von Sai Kung zum privaten Vergnügen, als Auslebung von Selbstjustiz und geltungssüchtigen Zeitvertreib. In Folge 10 "Flying Tiger, Loving Father, Husband" wird eine Gruppe von Kidnappern aufgespürt, dabei allerdings auch ein Mann kurz vor Ende seiner Dienstzeit schwer verletzt; dafür taucht aus der Vergangenheit ein ehemaliger Anwärter der SDU als nunmehriger Bodyguard des im Fokus der Entführer stehenden, nicht ganz koscheren Geschäftsmannes auf; wie es der Zufall so spielt, klein ist die Welt. Zudem gibt es aufgrund weiterer Vorkommnisse vorübergehend einen Führungswechsel beim Team A, was sich u.a. in verschärften Trainingsmethoden bemerkbar macht, scharf 'aufeinander' geschossen wird jetzt schon in der Trockenübung.

Folge 11 "I Want to be a Cop" macht einen Ausflug aufs Lande, erst privater Natur, wird dort aber von einem Neuankömmling Schindluder mit der zunehmend betagten und zunehmend hilflosen Bevölkerung, vor allem Richtung Drangsalierung und Landraub betrieben. Trotz eines vergleichsweise schnellen Starts der Episode (während einer Razzia aufgrund illegalen Glücksspieles kracht ein offensichtlich vom Dach geschubster Mann durch die Oberdecke) zieht sich die Handlung hier etwas hin, viel wird mit einem eifrigen Dorfburschen verbracht, der zwar gerne auch Polizist werden möchte, aber ganz einfach keinerlei intellektuellen Fähigkeiten dafür aufweist, eher im Gegenteil. Abgesehen interessanter provinzieller Außenaufnahmen ist die Geschichte eher langatmig und rührselig, viel Anlass für Action gibt es bei dieser Ah Fai - The Dumb Variation auch nicht. In Folge 12 "Bomber" kommt es eingangs zu einem Banküberfall, der zwar relativ schnell geklärt, aber die Managerin mit einer Bombe mit tickenden Zeitzünder ausgestattet ist. Doch die Geschichte geht etwas anders aus als gedacht, stirbt ein scheinbar Unbeteiligter bei einer anderen Explosion, die wiederum einen alten persönlichen Fall von vor zwei Jahren aufdeckt und in dessen Zuge der zunehmend obsessiven Ermittlungen auch grenzüberschreitende Polizeigewalt und Selbstjustiz etc. auslöst.

Nach diesen eher nebensächlichen Geschichten, die qualitativ auch keine Sprünge machten, schließt sich im abschließenden 'Spielfilm', der neunzig minütigen Episode "Finale" der Kreis; werden die Geschehnisse zu Beginn der Serie noch einmal kurz zusammengefasst und als Memo ratifiziert. Der 'King of Thieves', gespielt vom heutigen (Fernseh)Superstar Kenneth Ma, eine feste, eher auf komödiantische oder leichte, sympathischen Rollen abonnierte Größe, nutzt eine gewalttätige Auseinandersetzung im Stanley Prison und den folgenden Gefangen-/Krankentransport für einen ebenso brutalen Ausbruch und privaten Rachefeldzug, überhaupt hat das Grande Finale einige grafische Grausamkeiten und bisweilen geschmacklose Blutrünstigkeit ungewöhnlich für den familienfreundlichen Sender zu bieten; letztlich wird der Bogen dort trotz oder wegen viel Aufregung auch ziemlich überspannt und vorherige Pluspunkte eher wieder negiert als fortgeführt.

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