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Manche Dragqueens sind unter ihrer aufwendigen Maskerade kaum mehr zu erkennen, während andere lediglich ihre feminine Seite betonen. Dies ist für vorliegendes Langfilmdebüt der Regisseure Sam H. Freeman und Ng Choon Ping nicht unerheblich.

Als Jules (Nathan Stewart-Jarrett) in der Aufmachung als Dragperformer Aphrodite eine Pause außerhalb des Clubs einlegt, wird er Opfer eines homophoben Angriffs durch eine Gruppe Jugendlicher unter der Führung von Preston (George MacKay). Drei Monate später trifft er seinen Peiniger in der Sauna wieder, welcher ihn nicht zu erkennen scheint. Jules lässt sich auf eine gefährliche Affäre ein…

Die Frage nach der Identität ist hier in mehrerlei Hinsicht ein Kernthema. Jules lebt seine Homosexualität zwar weitgehend offen aus, kommt jedoch als Dragqueen auf der Bühne erst so richtig aus sich heraus. Preston ist hingegen der betont heterosexuelle Macker mit Hang zu impulsiven Ausrastern. So der Typ Hooligan mit vielen Tattoos und einer aggressiven Grundhaltung.

Entsprechend stellt sich die Frage, warum sich Jules überhaupt auf ein derart gefährliches Spiel einlässt, da er bereits üble Erfahrungen mit dem Schläger sammeln musste. Sein langfristiges Ziel ist es, Preston im Netz bloßzustellen, was freilich nicht ohne Risiko abläuft.
Und anfangs läuft die Affäre auf rein sexueller Ebene genauso dominant wie erwartet. Wenige Worte, rauer Sex, eine Form des gefühlskalten Abreagierens. Umso überraschender erweist sich ein gemeinsamer Restaurantbesuch, bei dem zumindest ansatzweise einige Worte gewechselt werden.

Aus diesem Gleichgewicht von Macht resultiert eine unbehagliche Grundspannung, die im Verlauf durchaus Nuancen und eine Umkehr mit sich bringt. Und je mehr das jeweilige soziale Umfeld eingebunden wird, umso größer ist die Gefahr, dass die Bombe vorzeitig platzt und nicht das anvisierte Ziel erreicht wird. Leider ergeben sich in diesem Kontext eher selten Momente der Hochspannung, des Nervenkitzels. Zwar fiebert man latent mit Jules und seiner Tarnung als harmloser Bro mit, doch bis zum Finale ziehen sich einige Szenen ein wenig.

Das liegt womöglich auch an den wenig abwechslungsreichen Sets in der Umgebung von London, die nicht über simple Wohnungen und Clubs hinauskommen. Gleichermaßen wird der Score nur spärlich eingesetzt und auch die Dialoge wirken arg eingeschränkt, was kaum die Sicht von Jules verdeutlicht, welcher sich dauerhaft zurückhaltend gibt, - obgleich er beim Zocken von „Street Fighter“ locker beim Anhängsel von Preston punkten kann.

Die sehr starken Performances retten hingegen so einiges. Beide Figuren versuchen dauerhaft etwas zu verbergen und doch schimmert in leisen Momenten so etwas wie Sehnsucht bei beiden durch, was die Angelegenheit, trotz einiger berechtigter Vorbehalte gegenüber Preston ambivalenter gestaltet. Am Ende mag die Auflösung (immerhin gibt es eine) nicht jedem zusagen, doch sie lässt gleichermaßen noch ein wenig Raum, was dem Ganzen folgen mag.

Insgesamt hätte man der Mischung aus Drama und Thriller noch etwas mehr Suspense beimengen können, Gänsehautmomente oder Schocksekunden bleiben aus. Atmosphärisch ist das Ganze aber in sich stimmig und das Spiel mit dem Feuer hält zumindest angemessen bei Laune.
6 von 10

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