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Die Lehrerin Carla Nowak ist seit ein paar Monaten an einem Gymnasium, Mathe und Sport, siebte Klasse. Eine Reihe von Diebstählen beunruhigt das Kollegium und so gerät manch ein Schüler unter Verdacht. Im Bestreben, die Sache aufzuklären, nutzt Carla die Kamera ihres Laptops im Lehrerzimmer und kann so etwas auf Video festhalten, als jemand sich an ihrer Jacke zu schaffen macht. Was der Aufklärung dienen sollte, setzt eine sich immer weiter auftürmende Lawine an Ereignissen in Gang.

Und wie es sich gehört, schaukelt sich das zielstrebig nach und nach hoch, befällt die Schülerschaft, das Kollegium und natürlich Carla selbst. Aufhalten kann man da nichts mehr, denn irgendwann verselbständigen sich die Dinge. Da bringen sich Gruppen ein, von denen keiner den kompletten Überblick hat. Schüler, Lehrer, Eltern. Und hier liegt der Knackpunkt, denn die Tat selbst steht nicht so im Mittelpunkt wie die darauf folgenden Ereignisse.
Das von İlker Çatak inszenierte Drama lässt die Abwärtsspirale weiterlaufen, betrachtet die involvierten Gruppen und lässt die unterschiedlichen Mentalitäten aufeinanderprallen. Das wirkt durchgeplant, vertreten die einzelnen Lehrkräfte beispielsweise doch klar bestimmte Typen, damit ein möglichst breites Spektrum abgebildet und Konflikte geschürt werden können. Manche dieser wird vielleicht etwas zu sehr herausgezögert und dass man zum richtigen Zeitpunkt vielleicht nicht den Mund aufmacht oder endlich mal einen Schlusspunkt setzt ist ebenfalls dramaturgisch bedingt. Doch verfehlt dieses Konstrukt seine Wirkung nicht, denn innerhalb und außerhalb des Lehrerzimmers wird die Anspannung immer greifbarer. Das steigert den Stresslevel auf und vor dem Bildschirm, wird man doch selbst immer weiter auch im Unklaren gelassen. Allwissenheit ist hier so fern wie unrealistisch.

Leonie Benesch als Lehrerin Carla Nowak spielt dies mehr als ansprechend. Ihr durch diese ambivalente Situation zu folgen mit all dem Gegenwind, der eventuellen Bestätigung und Demontage, das ist aufreibend und ihre Darstellung durchweg einnehmend. Sie trägt den Film mit einer anerkennenswerten Leistung. Die von ihrer Figur getroffenen Entscheidungen zwingen zur Auseinandersetzung mit diesen, das Geschehen wirkt dadurch überraschend immersiv. Auch durch den nicht zu unterschätzenden Nervfaktor, den viele Figuren trotz und wegen ihres Realismus' hervorrufen.  
Die Entscheidung für das Format 1,33:1 mutet befremdlich an. Mag es auch den eingeengten Handlungsspielraum wiedergeben, ist die Wahl für mich nicht nachvollziehbar und lässt die Präsentation altbackener wirken, als sie es verdient hätte. Aber wie ich in einem Interview mit den Machern gelernt habe, ist vieles, das kritisiert wird, letztlich das Problem der Rezipienten.

Der Film dürfte diese immerhin wenig kalt lassen, besieht man sich die Gruppierungen, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Ein (an)spannender Beitrag um gute Absichten und daraus entstehende Konflikte. Ansprechend gespielt, ohne Leerlauf inszeniert, wenn auch mitunter auf ein bestimmtes Vorankommen konstruiert und mit wenig Raum zur Entfaltung mancher Auseinandersetzung. Ein interessanter Blick auf den Mikrokosmos Schule und eine Eskalation, die nicht mit einer Klammer, sondern mit einem Fragezeichen endet. Oder auch gar nicht.

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