„Ein Araberhengst in einem israelischen Flugzeug – manchmal ist die Welt einfach nur in Ordnung...“
Die dritte abendfüllende Episode der 18-teiligen ZDF-Krimireihe „Sperling“ entstand interessanterweise in deutsch-niederländischer Koproduktion und wurde vom Niederländer Guido Pieters („Ciske, die Ratte“) nach einem Drehbuch Peter Steinbachs inszeniert. Für die Musik diesmal verantwortlich: niemand Geringerer als Klaus Doldinger. Pieters einzige Regiearbeit für die öffentlich-rechtliche Krimireihe trägt den Titel „Sperling und die verlorenen Steine“ und wurde am 1. März 1997 erstausgestrahlt.
„Von hinten 20 und von vorne scheintot.“
Eigentlich wollte der Berliner Hauptkommissar Sperling (Dieter Pfaff) zum Urlaub nach Lanzarote, entscheidet sich jedoch in letzter Minute um – schließlich sei er mit seiner mittlerweile verstorbenen Frau auch nie in den Urlaub geflogen, wie er kurz darauf seinem Vater (Ulrich Matschoss, Duisburger „Tatort“) erzählt. Entsprechend überrascht reagiert sein Team, als er an einem Tatort in einer Berliner Kneipe auftaucht. Ein alter Herr wurde ermordet, Täter und Motiv sind unbekannt. In seinem Jackensaum stößt die Polizei auf hochkarätige Edelsteine. Ging es dem Mörder um diese? Der Tote entpuppt sich als Anselm Hasster und die Ermittlungen lassen vermuten, dass er in der Nazizeit daran beteiligt war, jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger um wertvollen Besitz zu erleichtern…
„Jetzt ist einer auferstanden aus der guten alten Zeit – und der schießt.“
Der Auftakt charakterisiert Sperling als traurigen Mann, der den Tod seiner Frau nicht überwunden hat und ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn er sich Müßiggang und Genuss hingibt. Das ist fast komödiantisch inszeniert, eigentlich aber bitter. Gut, dass er in Berlin bleibt, möchte man meinen, denn diesmal gibt’s einen Toten. Sperling und Rohde (Benno Fürmann) ermitteln in der Kneipe und im Altenheim bei Altnazi Herzog (Günter Kütemeyer, „Neues aus Büttenwarder“). Alte Videoaufnahmen aus der Nazizeit werden wiederkehrend zwischengeschnitten. Ebenso deftig wie eigenartig: Sperling und Rohde verursachen bei Herzog einen Schlaganfall, ohne dass dies problematisiert würde. Und kurios: Irgendjemand hat Sperling 128 Azaleen in seine Wohnung geschickt. Zum Kreis der Verdächtigen zählen auch die in einem Wohnwagen Hasster gegenüberlebende jüdische Mara von Geldern (Gisela Trowe, „Alles im Eimer“) und der jüdische Herr Lichtblau (Ernst Jacobi, „Die Blechtrommel“), der sich geschworen hat, kein Wort Deutsch mehr zu sprechen, aber eng mit von Geldern befreundet zu sein scheint.
Dieser mit viel Berliner Schnauze daherkommende Fall dreht sich um alte Schuld, Hass, Vergeltung und Vergebung, spielt in einer diesmal verregneten Bundeshauptstadt und ist im Prinzip ein klassicher Whodunit?-Krimi inklusive Motivsuche. Dieser wirkt im Mittelteil etwas zäh, gewinnt dann aber dramaturgisch, u.a. mit einer Motorrad-Verfolgungsjagd. Nettes Detail: Vorm Zirkus, in dem Sperling eine Unterredung mit Leiterin Alice Scupnik (Ingrid van Bergen, „Vier gegen die Bank“) hat, findet eine Tierrechtsdemo statt. Von der zu Sperlings festem Team gehörenden Vera Kowalski (Petra Kleinert) ist diesmal mehr zu sehen als von Rohde, der im einen oder anderen Dialog etwas auf Kriegsfuß mit der deutschen Sprache steht – keine Ahnung, ob dies beabsichtigt war, um ihn besonders drömelig wirken zu lassen.
Im letzten Akt einen ganz neuen Verdächtigen aus dem Hut zu zaubern, ist so’n bisschen naja, Auflösung und Motiv sind dann auch ziemlich an den Haaren herbeigezogen. „Sperling und die verlorenen Steine“ ist gutgemeint, wäre aber besser gegangen. Er erscheint mir etwas schludrig und sich an seinem großen Thema zu verheben. Zudem wollen einzelne Elemente nicht so recht in die hier melancholisch-trist zu zeichnen versuchte urbane Atmosphäre passen: Fürmann als Rohde wirkt hier wie ein Fremdkörper und das Verhalten mancher Figur unbeabsichtigt skurril.